von ih 10.03.2026 11:55 Uhr

15 Jahre Fukushima: War andere Preisklasse als Tschernobyl

Der Reaktorunfall im AKW Fukushima jährt sich am Mittwoch (11. März) zum 15. Mal, am 26. April ist der Super-GAU im Kernkraftwerk Tschernobyl 40 Jahre her. Für den Radiochemiker Georg Steinhauser von der Technischen Universität (TU) Wien sind die beiden Ereignisse „eine andere Preisklasse an Unfall“. Letztlich hätten aber beide zu einer neuen Sicherheitskultur beigetragen. Die Forschung habe von den Ereignissen viel gelernt, Japan sei mittlerweile „sehr, sehr vorsichtig“.

APA/AFP

Steinhauser gilt als ausgesprochener Experte für die wissenschaftliche Aufarbeitung beider AKW-Unfälle. In zahlreichen Forschungsaufenthalten an beiden Orten und darauf beruhenden Publikationen zeigte er etwa, dass in Tschernobyl die freigesetzte Strahlenmenge rund 5.300 Peta-Becquerel ausmachte, während in Fukushima im Nachgang des bis dahin stärksten in Japan jemals registrierten Erdbebens inklusive verheerendem Tsunami mit 520 Peta-Becquerel ungefähr ein Zehntel der Aktivität in die Umwelt gelangte.

Tschernobyl heute ein bemerkenswert stiller Ort

40 bzw. 15 Jahre danach seien beide Ereignisse umfassend wissenschaftlich aufgearbeitet worden. Die Analysen der gesundheitlichen und Umweltauswirkungen lägen mittlerweile vor. Hier sei auch nichts „unter den Teppich gekehrt worden“, wenngleich natürlich die Sowjetunion im Jahr 1986 anfänglich versucht habe, die Vorkommnisse zu verschleiern. „Es gibt aber natürlich noch offene Fragestellungen, die mich interessieren“, so Steinhauser zur APA. So etwa, wie sich die unterschiedlichen Partikel aus den unterschiedlichen Reaktoren in der Umwelt über Jahrzehnte hinweg verhalten und identifiziert werden können.

Die verschiedenen Dimensionen zeigen sich auch bei den Sperrzonen: Während diese in Fukushima mit ursprünglich 1.700 Quadratkilometern eher klein ist, sind um Tschernobyl rund 30.000 Quadratkilometer hoch belastet. So ist die Stadt an der Ostküste Japans logischerweise auch der „geschäftigere Ort“, während die Sperrzone in der Ukraine sich zu einem „bemerkenswerten stillen Ort“ fast ohne menschlichen Einfluss gewandelt habe. Wie es dort im und nach dem russischen Angriffskrieg weitergeht, sei offen. Zurzeit ist das vermutlich verminte Gebiet auch für Forschende aus dem Ausland unerreichbar.

Japan versucht, jedes Cäsium-Atom einzusammeln

Anders in Fukushima: „Man merkt, dass Japan dieses Kapitel hinter sich bringen möchte und daran aktiv arbeitet, salopp gesagt jedes Cäsium-Atom einzusammeln, das freigesetzt worden ist“, betonte Steinhauser. Das sei möglich, weil der Unfall an sich viel kleiner dimensioniert war und viel radioaktives Material – nämlich rund 80 Prozent – nicht an Land deponiert wurde, sondern aufs Meer hinausgetragen wurde. In ein paar Jahrzehnten wird die Sperrzone vermutlich nur noch das direkt angrenzende Umfeld des stillgelegten AKWs umfassen.

Bei der kompletten Explosion des Reaktors in Tschernobyl kamen hingegen auch sogenannte „hot particles“ – also Teile des radioaktiven Brennstoffes selbst – in die Umwelt. „Dort ist zum Beispiel auch Plutonium freigesetzt worden“, so der Wissenschafter des Instituts für Angewandte Synthesechemie der TU Wien. Das hat zur Folge, dass die Flächen wesentlich langfristiger kontaminiert sind als im wirtschaftlich mit mehr Optionen ausgestatteten Japan, wo das mit 30 Jahren Halbwertszeit vergleichsweise kurzlebige Cäsium-137 dominiert.

Große wissenschaftliche Fortschritte durch Unfälle

In Tschernobyl hat sich in der Natur dementsprechend ein völlig neues Gleichgewicht nahezu ohne menschliches Zutun eingestellt. „Es gibt dort eine Artenvielfalt, wie ich sie noch nie irgendwo in Europa gesehen habe“, sagte Steinhauser. Die neuen Voraussetzungen für die Wildnis überwiegen also insgesamt offensichtlich die Nachteile der Strahlenbelastung. Aufpassen muss man in Tschernobyl vor allem vor Wölfen, in Fukushima vor aggressiven Kragenbären, die die menschenleeren Zonen frequentieren.

Die Wissenschaft habe durch die beiden Unfälle jedenfalls Fortschritte gemacht: Durchaus „zum Wohle der Menschheit“, so Steinhauser. Luft- und Wasserbewegungen sowie Ausbreitungsmuster von radioaktiven Stoffen würden seither besser verstanden. Dass ein halbwegs signifikanter Atomunfall auch nur für wenige Tage quasi vertuscht werden könnte, sei heute „völlig undenkbar“. Die Messnetze würden binnen Kürze anschlagen, wenn Vergleichbares geschieht.

Höchst unterschiedliche gesundheitliche Folgen

Alles in allem habe „die Welt aus den Unfällen gelernt“, so der Experte. Die Nukleartechnologie sei heute deutlich sicherer – und Steinhausers Einschätzung nach wieder international im Aufwind. Auch wenn er es für ausgeschlossen hält, dass Österreich „Zwentendorf wieder aufsperrt“, sei nachvollziehbar, dass manche Länder angesichts des Klimawandels wieder mehr auf Kernkraft setzen. Fossile Energieträger kommen – mittlerweile greifbarer denn je – oft aus Ländern mit viel politischer Instabilität oder aus Diktaturen. Die größten Uranvorkommen liegen hingegen in Australien bzw. Kanada. Und: Man sei hier nicht von Russland abhängig.

Während im Zuge des Unfalls in Tschernobyl vor Ort mindestens 50 Menschen starben und weitere direkt aufgrund des Katastrophenfalles zwischen 1987 und 2004 ums Leben kamen, waren in Fukushima keine Todesopfer unmittelbar zu beklagen. Auch heute sei in Studien in Japan keine statistisch signifikant erhöhte Krebsrate aufgrund des Unfalls registriert worden, sagte Steinhauser. Völlig anders die Situation um Tschernobyl, wo der Umgang mit dem GAU „nicht schlimmer hätte sein können“. Die UdSSR habe absehbar Betroffene zu spät evakuiert, den Menschen in der betroffenen Region keine Alternative für ihre „halbautarke Lebensmittelversorgung“ geboten, und obendrein den Unfall lange Zeit heruntergespielt. So schnellten dann Schilddrüsenkarzinom-Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen um mindestens 7.000 Fälle in die Höhe, auch geht man als direkte Folge von Tschernobyl von 14.000 bis 17.000 zusätzlichen Leukämiefällen aus.

apa

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