Was Frauen täglich leisten

6 Uhr - Deutschland: Der Tag beginnt
Der Wecker klingelt. Anna, 34, alleinerziehende Mutter aus München, ist sofort hellwach. Zwei Kinder müssen fertig gemacht werden, Frühstück auf den Tisch, Pausenbrote schmieren. Um 7.30 Uhr liefert sie die Kleine im Kindergarten ab, den Großen in der Schule. Um 8.15 Uhr sitzt sie am Schreibtisch, Teilzeit, 30 Stunden pro Woche. Anders geht es nicht, denn um 15 Uhr muss sie die Kinder wieder abholen.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Frauen in Deutschland leisten pro Woche durchschnittlich 30 Stunden unbezahlte Arbeit.. Das sind neun Stunden mehr als Männer. Rechnet man bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammen, arbeiten Frauen 46 Stunden pro Woche und Männer 44,5 Stunden.
8 Uhr - Südtirol: Zwölf Stunden Schicht
Maria, Krankenpflegerin im Krankenhaus, beginnt ihre Frühschicht. Zwölf Stunden wird sie heute arbeiten. also Medikamente verabreichen, Wunden versorgen, Angehörige trösten. 80 Prozent der Pflegekräfte weltweit sind Frauen. Bezahlt werden sie dafür oft schlecht und wertgeschätzt noch weniger.
Wenn Maria nach Hause kommt, wartet die nächste Schicht: Haushalt, Einkaufen, die demente Mutter versorgen. Fast die Hälfte der unbezahlten Arbeit von Frauen besteht aus klassischer Hausarbeit: Kochen, Putzen, Wäsche waschen. 13 Stunden pro Woche.
10 Uhr - Indien: Fünf Kilometer für Wasser
Priya, 28, lebt in einem Dorf und ist seit dem Morgengrauen auf den Beinen. Die Felder bestellen, die Kinder versorgen, jetzt der tägliche Fußmarsch zum Brunnen. Fünf Kilometer hin, fünf Kilometer zurück, mit 20 Litern Wasser auf dem Kopf. In ländlichen Gegenden Indiens verbringen Frauen bis zu 14 Stunden täglich mit Care-Arbeit.Â
Weltweit leisten Frauen drei Viertel der unbezahlten Care-Arbeit. Sie verbringen täglich vier Stunden und 25 Minuten damit.
12 Uhr - USA: Zwischen Unterricht und Elterngesprächen
Jessica, Lehrerin, hat heute sechs Unterrichtsstunden, Pausenaufsicht und zwei Elterngespräche. Nach der Schule korrigiert sie Klausuren und bereitet Unterricht vor. Um 16 Uhr holt sie ihre Tochter ab. Dann: Hausaufgaben betreuen, Abendessen kochen, ins Bett bringen. Um 21 Uhr sitzt sie wieder am Schreibtisch.
Mütter arbeiten durchschnittlich 98 Stunden pro Woche, rechnet man Beruf, Haushalt, Kinderbetreuung zusammen. Würde man das bezahlen? 184.000 Euro Jahresgehalt. Denn eine Mutter ersetzt oft eine Köchin, Putzfrau, Erzieherin, Psychologin, Taxifahrerin, Lehrerin, Eventmanagerin, Krankenschwester.
14 Uhr - Bangladesch: Nähen für 2 Euro am Tag
Fatima, 22, näht T-Shirts in einer Fabrik. Zehn Stunden am Tag, sechs Tage die Woche. Zwei Euro pro Tag verdient sie. Wenn sie nach Hause kommt, kocht sie für sechs Personen, versorgt die Kinder, wäscht Wäsche von Hand.
12,5 Milliarden Stunden pro Tag leisten Frauen weltweit unbezahlte Arbeit. Würde man das mit Mindestlohn bezahlen: 11 Billionen US-Dollar pro Jahr. Das ist 24-mal mehr als der Umsatz von Apple, Google und Facebook zusammen.
16 Uhr - Südtirol: Zwischen Meeting und Kindergarten
Elena, Marketingmanagerin, sitzt im Meeting. In 30 Minuten muss sie los um die Kinder abzuholen. Ihr Kollege kann bleiben, seine Frau kümmert sich. Elena hetzt zum Auto, holt die Zwillinge ab und fährt nach Hause. Während sie Abendessen kocht, macht sie die Wäsche, räumt auf und hilft bei den Hausaufgaben.
42 Prozent aller Frauen weltweit können wegen Fürsorge- und Pflegeaufgaben keiner Erwerbsarbeit nachgehen.
18 Uhr - Griechenland: Kochen im Flüchtlingscamp
Amina, 31, ist aus Syrien geflohen und seit zwei Jahren lebt sie mit ihren drei Kindern in einem Flüchtlingscamp auf Lesbos. Jeden Abend kocht sie für die Familie. Das Wasser muss sie selbst holen, das Gemüse hat sie organisiert. Die Kinder brauchen Hilfe bei den Hausaufgaben, obwohl Amina selbst kaum Griechisch spricht.
20 Uhr - Italien: Pflege rund um die Uhr
Giulia, 52, kommt von der Arbeit nach Hause. Ihre demente Mutter wartet. Abendessen machen, Medikamente geben, waschen, ins Bett bringen. Frauen verbringen fast doppelt so viel Zeit mit Betreuung und Pflege von Angehörigen wie Männer. Pro Woche mehr als 3,5 Stunden.
In Deutschland sind drei von vier pflegenden Angehörigen Frauen. Viele reduzieren dafür ihre Arbeitszeit oder geben den Job auf. Die Folge: Altersarmut.
22 Uhr - Spanien: Nachtschicht im Bürogebäude
Carmen, 45, zieht ihre Arbeitskleidung an. Während andere schlafen, putzt sie Büros. Fünf Stunden, jede Nacht. Tagsüber kümmert sie sich um ihre zwei Kinder und den Haushalt. Schlaf? Vielleicht fünf Stunden.
Frauen arbeiten weltweit durchschnittlich sieben Stunden und 28 Minuten pro Tag – bezahlte und unbezahlte Arbeit zusammen. Bezahlt werden sie aber nur für drei Stunden und drei Minuten. Das sind gerade mal 41 Prozent ihrer Arbeitszeit. Männer arbeiten sechs Stunden und 44 Minuten und werden für fünf Stunden und 21 Minuten bezahlt. Also für über 80 Prozent.
Was wäre, wenn man Care-Arbeit bezahlen würde?
10,8 Billionen US-Dollar ist unbezahlte Care-Arbeit weltweit pro Jahr wert. Kochen, putzen, Kinder betreuen, Angehörige pflegen. In Deutschland: Eine Frau leistet unbezahlte Arbeit im Wert von 22.600 Euro pro Jahr. Hochgerechnet auf ein Leben: Hunderttausende Euro. Weltweit: Wäre Care-Arbeit ein Land, hätte sie die größte Volkswirtschaft der Welt.
Die Folgen: Altersarmut, Abhängigkeit, Erschöpfung
Wer viel unbezahlt arbeitet, hat weniger Zeit für bezahlte Arbeit. Die Konsequenzen tragen Frauen ein Leben lang:
- Teilzeit statt Vollzeit: Fast jede zweite Frau in Deutschland arbeitet Teilzeit.
- Weniger Gehalt: Frauen verdienen weltweit 23 Prozent weniger als Männer.
- Niedrigere Renten: Fast zwei Drittel aller Menschen im Rentenalter ohne Bezüge sind Frauen.
- Altersarmut: Wer Jahrzehnte Teilzeit gearbeitet hat, bekommt kaum Rente.
Von 6 Uhr morgens bis 22 Uhr abends. Von Deutschland bis Bangladesch. Frauen arbeiten, versorgen Kinder, pflegen Eltern, halten Haushalte am Laufen, retten Leben im Krankenhaus, unterrichten Schüler oder nähen Kleidung. Was sie leisten, ist unverzichtbar. Was sie dafür bekommen, ist viel zu wenig. 12,5 Milliarden Stunden pro Tag. Unbezahlt. Unsichtbar. Unverzichtbar.






