von lif 03.03.2026 14:26 Uhr

32.000 Euro statt 90.000: Warum Südtirol seine Jugend verliert

Sophie hat in Südtirol studiert und ihre Familie sowie Freunde hier. Doch als sie das Jobangebot aus München bekam, zögerte sie keine Sekunde. Für denselben Job hätte sie in ihrer Heimat ein Fünftel weniger verdient. Kein Einzelfall: 13,7 Prozent der Südtiroler sind seit 2011 abgewandert. Damit ist Südtirol trauriger Spitzenreiter beim „Brain Drain“ in ganz Italien.

Bild: APA/dpa-Zentralbild

Die Zahlen sind sprechen klare Worte. 2012 verließen 1.078 Südtiroler ihre Heimat und nur fünf Jahre später waren es bereits 1.510. Ein Anstieg um 40 Prozent. Und während jedes Jahr über 1.500 junge, gut ausgebildete Südtiroler das Land verlassen, kehren gerade einmal 26 bis 81 zurück. Besonders bitter: Es sind nicht die Perspektivlosen, die gehen. Im Gegenteil, denn 57,8 Prozent der Abwanderer haben einen Hochschulabschluss. Südtirol bildet aus und andere profitieren davon. Die Zuwanderer, die ins Land kommen, haben dagegen nur zu 37,1 Prozent einen akademischen Abschluss. Unter dem Strich verliert Südtirol bei jedem Austausch an Qualifikation.

Der Killer sind die Gehälter

Die Gründe für die Massenflucht liegen auf der Hand. Tony Tschenett, Vorsitzender des Autonomen Südtiroler Gewerkschaftsbundes ASGB, bringt es auf den Punkt: „Das ist kein individuelles Problem, das ist ein Systemfehler.“ Ein Berufseinsteiger verdient in Italien durchschnittlich 32.000 Euro brutto im Jahr. In Deutschland sind es 57.500 Euro, in Österreich 57.000 Euro. In der Schweiz bekommen junge Hochschulabsolventen sogar 90.000 Euro, also fast das Dreifache.

In Südtirol sieht es noch düsterer aus. Laut dem Statistikinstitut ASTAT lag der Median in der Südtiroler Privatwirtschaft 2023 bei gerade einmal 29.014 Euro. In Österreich waren es im selben Jahr 35.314 Euro. Über 6.000 Euro mehr für dieselbe Arbeit, nur ein paar Kilometer weiter nördlich. „Man kann Heimat predigen, Motivation einfordern und Fachkräfte beschwören“, sagt Tschenett, „aber am Monatsende zählt, ob das Leben bezahlbar ist. Wenn Arbeit in Südtirol nicht mehr trägt, dann ist das nicht nur unsozial, sondern standortpolitisch kurzsichtig.“

Der Abstand wird zementiert

Zwischen 2022 und 2025 stiegen die Einstiegsgehälter in Italien nur um sieben Prozent. Von 30.000 auf 32.000 Euro. In Österreich waren es im selben Zeitraum 23 Prozent. In Deutschland zehn Prozent, in der Schweiz 15 Prozent. „Das heißt: Der Abstand ist nicht nur groß, er wird zementiert“, so Tschenett. „Jeder Jahrgang, der geht, fehlt uns als Fachkraft, als Steuerzahler, als Familiengründer, als Stütze für Vereine, Ehrenamt, Pflege und öffentliche Dienste. Wenn diese Entwicklung weiterläuft, wird Südtirol schleichend ausgehungert.“

Dabei wäre Südtirol eine der reichsten Regionen Italiens. Aber eben auch die teuerste. Die Mieten in Bozen und Umgebung sind astronomisch. Die Lebenshaltungskosten liegen weit über dem italienischen Durchschnitt. Und die Gehälter? Die richten sich nach den italienischen Kollektivverträgen, die für das ganze Land gelten. „Die Kollektivverträge, die der italienische Staat festlegt, gelten für das gesamte Land“, erklärt Magdalena Amhof, SVP Landesrätin für Arbeit. „Da Südtirol eine der teuersten Regionen ist, sind die Gehälter im Verhältnis zu den Lebenserhaltungskosten niedrig. Wir haben politisch den einzigen Spielraum dort, wo wir selbst Verträge machen und das ist im öffentlichen Dienst.“

Mit anderen Worten: Die Politik kann oder will das Problem nicht lösen Der ASGB formuliert es drastischer: „In Südtirol heißt ein italienisches Einstiegsgehalt in der Praxis oft: weniger Wohnqualität, weniger Sicherheit, weniger Zukunft. Wer hier arbeitet, muss sich ein normales Leben leisten können. Sonst wird Südtirol zum Durchgangsland. Ausgebildet wird hier, gelebt und gearbeitet wird anderswo.“

Deutschsprachige wandern ab

Besonders betroffen ist die deutsche Sprachgruppe. 86,3 Prozent der Abwanderer gehören ihr an. Nur 11,5 Prozent sind Italiener, 2,2 Prozent Ladiner oder andere. Verglichen mit der Gesamtbevölkerung Südtirols, wo die Deutschen 69,4 Prozent ausmachen, ist das eine klare Überrepräsentation. Die Zielländer sind Deutschland, Österreich, Schweiz und Großbritannien. 

Eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts WIFO aus dem Jahr 2019 fragte Praktikanten, was sie an Südtirol schätzen und was nicht. Als attraktiv wurden die vielfältigen Arbeitsmöglichkeiten genannt. Als weniger attraktiv: die im internationalen Vergleich schlechteren Karrieremöglichkeiten und Gehälter. Fehlende interessante Arbeitsmöglichkeiten und Karriereperspektiven zählen zu den Hauptgründen für die Abwanderung junger Menschen, so die Studie. Eine weitere wichtige Rolle spielt die Bezahlung. Das war 2019 und seitdem hat sich die Situation weiter verschärft.

Betriebe ohne Perspektiven

Der ASGB macht nicht nur die Politik verantwortlich, sondern auch die Betriebe. Die Mercer Daten zeigen, wie wenig Struktur es vielerorts gibt: Nur 16 Prozent der Unternehmen geben an, eine spezifische und strukturierte Politik für Berufseinsteiger zu haben. Nur 36 Prozent bieten formal definierte Karrierepfade. „Wer nichts anbietet außer niedrigen Einstiegsgehältern und vagen Versprechen, produziert Abwanderung mit Ansage“, so Tschenett. „Betriebe müssen endlich echte Perspektiven bieten, statt junge Leute in den ersten Berufsjahren als billige und austauschbare Reserve zu behandeln.“

Das Problem: Viele Betriebe können gar nicht mehr zahlen. Die Konkurrenz aus dem Ausland ist zu stark. Wer gute Leute halten will, muss mindestens annähernd so viel zahlen und wer das nicht kann, verliert seine besten Köpfe.

Die Politik schaut zu

Und was tut die Politik? Landesrätin Amhof verweist darauf, dass Südtirol nur im öffentlichen Dienst Handlungsspielraum habe. Die Kollektivverträge macht Rom und dort interessiert sich niemand dafür, dass Südtirol dreimal so teuer ist wie Kalabrien. „Löhne dürfen nicht so behandelt werden, als wären Wohnen, Mobilität und Alltag überall gleich teuer“, fordert die ASGB. „In Südtirol heißt ein italienisches Einstiegsgehalt in der Praxis oft: weniger Wohnqualität, weniger Sicherheit, weniger Zukunft.“ Die ASGB fordert eine harte Kurskorrektur. „Zuerst müssen die Einstiegsgehälter in Italien spürbar steigen und zwar sofort und deutlich. Wer jungen Arbeitnehmern zum Berufseinstieg im Schnitt rund 32.000 Euro brutto anbietet, während Deutschland und Österreich bei fast dem Doppelten starten und die Schweiz bei fast dem Dreifachen, darf sich über Abwanderung nicht wundern.“

Doch passiert ist bisher nichts oder zu wenig. Die Zahlen sprechen für sich.

Ausgeblutet

„Wenn diese Entwicklung weitergeht, wird Südtirol schleichend ausgeblutet“, warnt Tschenett. „Dann fehlen uns nicht nur kluge Köpfe, sondern ganze Jahrgänge. Es fehlen Kaufkraft, Steueraufkommen, neue Familien und am Ende auch die Menschen, die unsere Dienste, unsere Pflege, unsere Betriebe und unser Zusammenleben tragen.“ Die Zahlen des italienischen Rats für Wirtschaft und Arbeit CNEL zeigen: In den Jahren 2011 bis 2024 verließen 13,7 Prozent der Südtiroler Bevölkerung das Land. Im Verhältnis zur Bevölkerung und den Geburten ist Südtirol damit italienweit am stärksten vom „Brain Drain“ betroffen.

Sophie aus dem Eingangsbeispiel lebt heute in München, verdient gut, hat eine Wohnung, die sie sich gut leisten kann, und Karriereperspektiven. Zurückkehren will sie nicht. „In Südtirol könnte ich nicht so leben wie hier. Ich hätte nicht die selben Möglichkeiten. So sehr ich die Heimat auch liebe“, sagt sie. 

Solange sich nichts ändert, wird Südtirol weiter ausbluten. Ausgebildet wird hier. Gelebt und gearbeitet wird anderswo.

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