von lif 01.03.2026 14:20 Uhr

Wo früher der Metzger war

Unter den Lauben in Bozen ein weiteres „Zu vermieten“-Schild. Bereits vor rund drei Jahren standen 211 Geschäftslokale in Bozen leer und das war wahrscheinlich erst der Anfang.

Metzgerei (Symbolbild) - Foto: Pixabay

Das Schild ist klein, fast unscheinbar. Weiß mit roter Schrift. „Zu vermieten“. Wer heute durch Bozen spaziert, sieht sie überall. Die Zahlen sind eindeutig. Der Handels- und Dienstleistungsverband Südtirol (hds) hat im März 2023 eine umfassende Leerstandserhebung durchgeführt. Das Ergebnis: 211 gewerbliche Leerstände in Parterrelagen, die für Handel, Gastronomie und Dienstleistungen nutzbar wären. Im März 2021 waren es noch 189. Das bedeutet: plus 22 Leerstände in nur zwei Jahren. Ein Anstieg von 11,6 Prozent. 14.073 Quadratmeter leerstehende Fläche.

Die offizielle Statistik der Stadt Bozen bestätigt den Trend: Der Einzelhandel ist rückläufig. Von 1.375 Geschäften im Jahr 2023 auf 1.348 im Jahr 2024. Minus 27 Geschäfte in einem Jahr.

Warum stirbt der Handel?

Die Gründe sind vielschichtig. Am offensichtlichsten ist die Konkurrenz durch Online-Shopping. Amazon, Zalando, Shein, denn was früher beim Händler um die Ecke gekauft wurde, kommt heute per Paket. „Die Kunden kommen nicht mehr“, sagt ein Geschäftsinhaber, der anonym bleiben möchte.““Früher hatte ich 30, 40 Kunden am Tag. Jetzt sind es 10. Davon kaufen nur drei oder vier etwas. Das rechnet sich nicht mehr.“ Dazu kommen die hohen Mieten. Paradoxerweise senken viele Vermieter die Preise nicht, auch wenn die Lokale leer stehen. „Lieber leer als billig“, scheint die Devise zu sein.

Ein weiteres Problem ist der Generationswechsel. Eine Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts WIFO der Handelskammer Bozen zeigt: Jeder fünfte Einzelhandelsbetrieb in Südtirol hat keine Nachfolge. Die Inhaber werden älter, die Kinder wollen nicht ins Geschäft. Zu unsicher, zu anstrengend, zu wenig lukrativ. „Die Gewinnung und Bindung von Mitarbeitern ist eine zentrale Herausforderung“, sagt Philipp Moser, Präsident des hds. „Der Einzelhandel muss attraktiver werden als Arbeitgeber.“

Auch Einkaufszentren spielen eine Rolle. Beispielsweise das Twenty in Bozen Süd zeiht Kunden an, weil es alles unter einem Dach gibt und Parkplätze inklusive sind. Warum also in die Innenstadt fahren, wo Parkplätze rar und teuer sind?

Was sagen die Betroffenen?

„Leerstandsmanagement ist für eine Orts- und Stadtentwicklung samt Umfeld und für einen lebendigen, attraktiven und lebenswerten Ort unumgänglich“, sagt hds-Präsident Philipp Moser. „Die regelmäßige Erhebung ist ein nützliches und sinnvolles Instrument, wenn es etwa darum geht, die Notwendigkeit der Ausweisung weiterer, neu erschlossener Handelsflächen zu bewerten.“ Moser spricht damit ein heikles Thema an: Warum werden auf der grünen Wiese neue Gewerbeflächen ausgewiesen, wenn in der Stadt Hunderte Lokale leer stehen?

Der hds schlägt vor, auf leerstehenden Flächen neue Tätigkeiten zu ermöglichen. Zum Beispiel Mischnutzungen, sogenannte Concept Stores. Also Geschäfte, die Handel mit Gastronomie oder Dienstleistungen verbinden. Doch die Geschäftsinhaber, die aufgegeben haben, sehen das Problem tiefer. „Es ist nicht nur die Miete“, sagt ein ehemaliger Buchhändler. „Es ist die ganze Entwicklung. Die Leute kaufen online. Die Innenstädte sterben. Und die Politik schaut zu.“

Gibt es Lösungen?

Der hds hat ein Kompetenzzentrum für Orts- und Stadtentwicklung im NOI Techpark in Bozen eröffnet. Dort werden Lösungsansätze erarbeitet. Einer davon: Coworking-Spaces. In Rasen-Antholz möchte die Gemeinde die alte Schule für Coworking nutzen. Noch ist aber offen, wie die Finanzierung erfolgen soll. „Solche Strukturen brauchen immer auch einen Betreiber“, erklärt Ulrich Höllrigl, Geschäftsführer der Plattform Land.

In Schlanders dient das ehemalige Versorgungsgebäude der Militärkaserne bereits als Coworking Space. Das Modell funktioniert: Junge Menschen, die von überall arbeiten können, mieten sich einen Schreibtisch. Arbeiten vormittags und nutzen nachmittags die Freizeitangebote.

Ein anderes Beispiel ist Prettau. Im „Schmalzhaus“, das der Gemeinde gehört, sollen soziale Treffpunkte sowie „Starterwohnungen“ für junge Menschen entstehen. Also: Wohnen plus Gemeinschaft plus lokale Versorgung.

In Truden entsteht ein Mehrgenerationenhaus. „Hier ist die große Herausforderung, die verschiedenen Förderungen zu kombinieren“, sagt Höllrigl.

Was all diese Projekte gemeinsam haben: Sie nutzen Leerstände sinnvoll. Sie bringen Leben in leere Räume. Und sie kombinieren Wohnen, Arbeiten und Gemeinschaft. Doch Pop-Up-Stores, also temporäre Läden, könnten auch in Bozen funktionieren. Ein junger Designer mietet sich für drei Monate ein Lokal, macht seine Kollektion bekannt und zieht weiter. Das nächste Start-up kommt. Und so weiter.

Die Gemeinde Bozen selbst hat bisher keine großen Förderprogramme für Leerstandsmanagement aufgelegt. Es gibt zwar Unterstützung für Jungunternehmer. Aber keine gezielte Strategie gegen den Leerstand. „Wenn Leerstände saniert werden anstatt auf der grünen Wiese neu zu bauen, wird wertvoller Kulturgrund eingespart“, erinnert Leo Tiefenthaler, Vizepräsident der Plattform Land.

Wird es noch schlimmer?

Die ehrliche Antwort: Ja, wahrscheinlich. Der Trend ist eindeutig. Seit 2015 ist die Anzahl der Einzelhandelsgeschäfte in Deutschland von 372.000 auf 311.000 gesunken. In Deutschland werden im kommenden Jahr 5.000 weitere Schließungen erwartet. In Italien sieht es ähnlich aus. „Wenn der Einzelhandel geht, stürzen ganze Innenstädte“, warnt der Handelsverband Deutschland. „Wenn die Menschen keinen Anlass mehr für einen Innenstadtbesuch haben, dann drohen Geisterstädte. Das hat enorme Konsequenzen. Für die Wirtschaft, das Lebens- und Heimatgefühl der Menschen und auch für die gesamte Gesellschaft.“

Auch in Südtirol wird der Handel weiter schrumpfen. Die WIFO-Studie zeigt: In den vergangenen zehn Jahren ist die Anzahl der Geschäfte leicht zurückgegangen, während die Verkaufsflächen gewachsen sind. Das bedeutet: Weniger kleine Läden, mehr große Ketten und Einkaufszentren. Was passiert, wenn Zentren sterben? Zunächst verschwindet der Einzelhandel. Dann ziehen die Cafés und Restaurants nach. Dann werden die Räume zu Büros oder Wohnungen umgenutzt. Oder sie stehen einfach leer.

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