von lif 25.02.2026 10:56 Uhr

Wenn der Hausarzt fehlt: Die stille Krise im Südtiroler Gesundheitssystem

Maria (Name geändert) hat ein Problem: Ihr Hausarzt hat gekündigt und auf der Liste verfügbarer Ärzte steht niemand mehr. Die 78-Jährige ist kein Einzelfall.

Bild: APA/THEMENBILD

Die Rentnerin sitzt vor ihrem Computer und versucht seit einer Stunde, sich online einen neuen Hausarzt zu suchen. SPID, digitale Identität, Online-Anmeldung: Für die ältere Dame ist das eine unüberwindbare Hürde. „Ich verstehe das alles nicht“, sagt sie frustriert. „Früher bin ich einfach zum Arzt gegangen. Jetzt muss ich meinen Sohn anrufen, damit er mir hilft.“ Was Maria erlebt, ist die Spitze eines Problems, das Südtirol seit Jahren beschäftigt: Es fehlen Hausärzte.

Das Drama in Zahlen

Laut dem Sanitätsbetrieb gibt es in Südtirol derzeit 257 aktive Hausärzte. Gleichzeitig sind 75 Stellen unbesetzt. Das bedeutet: Fast ein Viertel aller Hausarztstellen in Südtirol steht leer. Im Gesundheitsbezirk Bozen arbeiten derzeit 128 Ärzte, 25 Stellen sind nur vorläufig besetzt. Und die Situation wird noch schlimmer: Innerhalb weniger Tage haben im November 2025 drei junge Ärzte ihre Stellen in Bozen aufgegeben. Rund 3.500 Patienten mussten sich überraschend einen neuen Hausarzt suchen.

Laut Berechnungen der Südtiroler Ärztekammer werden bis 2031 mehr als 100 Hausärzte in Pension gehen.

Ahrntal-Skandal: Keine deutschsprachigen Ärzte mehr

Am 19. Februar 2026 schlug die Süd-Tiroler Freiheit Alarm. Der Grund: Im fast zu 100 Prozent deutschsprachigen Ahrntal gibt es keine Ärzte mehr, die der deutschen Sprache mächtig sind. Laut geltendem Betreuungsschlüssel wären in den fünf Gemeinden des Tauferer-Ahrntals zwölf Hausärzte vorgesehen. Aktuell sind jedoch nur sechs Stellen besetzt und davon nur eine unbefristet. Das allein wäre schon ein Problem. Doch es kommt noch schlimmer: Auf eine Anfrage des Landtagsabgeordneten Bernhard Zimmerhofer antwortete Gesundheitslandesrat Hubert Messner: „Es gibt keine deutschsprachigen Anwärter zur Nachbesetzung der vakanten Stellen für Hausärzte im Ahrntal. Derzeit haben nur italienischsprachige Kandidaten Interesse für die Stelle bekundet.“ Und weiter: „Der Nachweis der Kenntnis der deutschen und italienischen Sprache stellt bei befristeten Aufträgen keine Zugangsvoraussetzung dar.“

Für die Süd-Tiroler Freiheit ist das „ein Skandal und eine Bankrotterklärung für diese Landesregierung“. Zimmerhofer betont: „Gerade unsere älteren Generationen, die dieses Land unter schwierigsten Bedingungen aufgebaut haben, werden regelrecht im Stich gelassen und manch einer will gar nicht mehr zum Arzt gehen.“ Bei einem Landeshaushalt von fast neun Milliarden Euro müsse es möglich sein, deutschsprachige Ärzte im Land zu halten oder neu anzuwerben. „Wenn beispielsweise für Olympia ohne Probleme 171 Millionen Euro aus dem Landeshaushalt zu finden waren, dann ist es doch recht und billig, dass für ein weit wichtigeres Thema wie die Hausärzte die notwendigen Mittel bereitgestellt werden“, so Zimmerhofer.

Warum will niemand Hausarzt werden?

Das Südtiroler Institut für Allgemeinmedizin hat 2022 eine Umfrage unter Medizinstudenten durchgeführt. Aus der Erhebung konnten zehn konkrete Gründe abgeleitet werden, warum junge Ärzte den Hausarztberuf meiden:

  1. Zu wenig Zusatzdiagnostik in den Praxen (kein Ultraschall, EKG, Spirometrie)
  2. Zu wenig Gemeinschaftspraxen mit nicht-ärztlichem Personal
  3. Zu viel Bürokratie
  4. Kein Anstellungsverhältnis während der Ausbildung
  5. Zu wenig Aufwertung der allgemeinmedizinischen Ausbildungstätigkeit im Krankenhaus
  6. Schlechte Zusammenarbeit zwischen Krankenhäusern und Hausarztpraxen
  7. Kaum Teilzeitbeschäftigungen möglich
  8. Zu wenig Werbung für die Südtiroler Ausbildung
  9. Zu wenig Verankerung der Allgemeinmedizin im Medizinstudium

„Viele angehende Ärzte empfinden den bürokratischen Aufwand im Berufsalltag des Hausarztes als zu enorm“, sagt Christian Wiedermann, Koordinator des Forschungsprojekts. „Es bleibt nur wenig Zeit, auf die Patienten einzugehen.“ Dazu kommt, dass das Image des Hausarztes schlecht ist. Von fachärztlichen Kollegen oder der Politik werden Hausärzte oft als zweitklassige Mediziner betrachtet. „Junge Ärzte wollen keine Bürokraten sein“, fasst es Dr. Giuliano Piccoliori, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Allgemeinmedizin, zusammen. „Sie wollen im Team arbeiten, moderne Diagnostik nutzen und vor allem: Zeit für ihre Patienten haben. Das alte Modell des allein arbeitenden Hausarztes passt einfach nicht mehr zu ihren Berufsvorstellungen.“

Auch beim Gehalt kann Italien nicht mithalten. Das durchschnittliche Brutto-Einstiegsgehalt für Hausärzte liegt in Italien bei rund 32.000 Euro im Jahr. In Deutschland sind es 57.500 Euro, in Österreich 57.000 Euro, in der Schweiz sogar 90.000 Euro. Wer in Südtirol bleibt, verdient wie in Italien.

Was bedeutet das für Patienten?

Ein Mann musste, nachdem sein Arzt in den Ruhestand ging, einen neuen, deutschsprachigen Arzt wählen. „Dann wurde mir mitgeteilt, dass ich mich online registrieren muss. Aber ich habe kein SPID. Für uns ältere Menschen ist es unmöglich, online einen Arzt zu suchen.“ Das SPID-Problem trifft vor allem Senioren. Viele sind auf die Hilfe ihrer Kinder angewiesen, um sich online einen neuen Hausarzt zu suchen. „Früher konnte man einfach zum Gesundheitssprengel gehen. Jetzt braucht man einen Computer, ein Smartphone, diese digitale Identität. Ich fühle mich hilflos.“

Doch selbst wer die digitale Hürde nimmt, steht oft vor dem nächsten Problem: Die Liste verfügbarer Ärzte ist leer. Oder die Ersatzärzte sind „oft nur vorübergehend oder nicht im Wohnbezirk“ verfügbar, wie Betroffene berichten. Die Ärzte, die noch praktizieren, sind massiv überlastet. Ein Hausarzt kann bis zu 1.800 Patienten betreuen, 1.575 ansässige plus 225 weitere. In der Realität sind viele Praxen am Limit. Überfüllte Wartesäle, genervte Patienten, angespannte Atmosphäre: Das ist der Alltag beim Hausarzt.

Was tut das Land?

Die Landesregierung hat das Problem erkannt und reagiert und mehrere Maßnahmen wurden in den letzten Jahren auf den Weg gebracht. Darunter: 

30 zusätzliche Ausbildungsplätze: Seit 2019 werden jährlich 30 Plätze für die dreijährige Ausbildung in Allgemeinmedizin am Institut für Allgemeinmedizin der Claudiana vergeben. Das Programm richtet sich an Mediziner mit abgeschlossenem Medizinstudium.

Attraktive Stipendien: Das Land hat die finanzielle Förderung massiv ausgeweitet. Mit einem monatlichen Stipendium von rund 3.500 Euro brutto unterstützt Südtirol angehende Hausärzte während der Ausbildung. Im Gegenzug verpflichten sich die Absolventen, innerhalb von fünf Jahren nach Abschluss für drei Jahre als Hausärzte in Südtirol zu arbeiten.

Vernetzte Gruppenmedizin (VGM): Seit 2018 gibt es die vernetzte Gruppenmedizin. Das Ziel: ein Netzwerk zwischen Hausärzten aufbauen. Mindestens 20 Ärzte sollen für maximal 30.000 Patienten zuständig sein. Untertags betreuen die Ärzte ihre Patienten in ihren jeweiligen Praxen, nachts wird ein gemeinsamer Dienst zur Verfügung gestellt. Die Ärzte sind telematisch mit dem EDV-System des Sanitätsbetriebs vernetzt, sodass sie alle Zugang zu allen Patientendaten haben. Von 8 bis 20 Uhr kann sich jeder Patient an mindestens einen Arzt seiner vernetzten Gruppe wenden.

Medizinstudium in Bozen: Im Herbst 2024 startete das Medizinstudium in Bozen.

Funktioniert es?

Die kurze Antwort: Nein. Oder zumindest: nicht schnell genug, denn die Pensionierungen gehen schneller als der Nachwuchs kommt. Bis 2031 treten mehr als 100 Hausärzte in den Ruhestand. Pro Jahr werden aber nur 30 neue ausgebildet. Die Rechnung geht nicht auf.

Auch die VGM ist kein Allheilmittel. Zwar gibt es mittlerweile 26 vernetzte Gruppierungen in Südtirol. Doch das ändert nichts daran, dass es zu wenige Ärzte gibt. „Wir können uns noch so gut vernetzen, doch wenn einfach die Leute fehlen, hilft auch die beste Organisation nichts“, sagt ein Hausarzt. Selbst das Medizinstudium in Bozen wird erst in einigen Jahren Wirkung zeigen. Die ersten Absolventen werden frühestens 2030 als Hausärzte tätig sein. Bis dahin werden viele der heutigen Hausärzte bereits in Pension sein.

Die Zukunft

Alle Experten sind sich einig: Die Situation wird sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen. „Wir steuern auf eine echte Krise zu“, warnt Dr. Eugen Sleiter von der Ärztegewerkschaft SGB/CISL. „Wenn nicht bald massive strukturelle Veränderungen kommen, werden ganze Täler ohne deutschsprachige Hausärzte dastehen.“ Das Ahrntal ist nur der Anfang. Auch in anderen ländlichen Gebieten wird es zunehmend schwieriger, Hausärzte zu finden. Besonders betroffen sind kleine Gemeinden und abgelegene Täler.

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