„Mehr als nur Worte“: Was Südtiroler über ihren Dialekt sagen

Der Gedenktag geht zurück auf den 21. Februar 1952, als in Dhaka Demonstranten für das Recht auf ihre Muttersprache Bengalisch protestierten und von der Polizei erschossen wurden. Die UNESCO erinnert seit dem Jahr 2000 an die Bedeutung sprachlicher Vielfalt, denn weltweit sind etwa die Hälfte aller 6.000 bis 7.000 Sprachen vom Aussterben bedroht.
„Wenn i Südtirolerisch red, bin i dahoam“
„Hochdeutsch können sie in Deutschland auch“, sagt eine 67-jährige Rentnerin . Sie hat ihr Leben lang im Pustertal gelebt und war nur selten im Ausland. „Aber unser Dialekt, den gibt’s nur hier. Der gehört zu uns sowie die Berge.“ Besonders vermisse sie den Dialekt, wenn sie ihre Tochter in Deutschland besucht. „Die reden dort so steif. Alles muss korrekt sein.“ „Wenn ich ‚Griaß di‘ hör statt ‚Guten Tag‘, dann weiß ich: Ich bin zu Hause.“
Zwischen Dialekt und Hochdeutsch
Ein 58-jähriger Bauer macht sich Sorgen um die Zukunft des Dialekts. „Die Jungen reden anders als wir früher“, sagt er. „Die schauen YouTube und die hören deutsche oder englische Musik. Alles, nur nicht die eigene Sprache.“ Sein Sohn ist noch jung und spreche die sogenannte „Jugendsprache“. „Wenn der heimkommt und mit seinen Freunden telefoniert, versteh ich ihn manchmal kaum noch. So ein Mischmasch!“
Der Bauer versucht jedoch den Dialekt zu bewahren und ihn so gut es geht weiterzugeben. „Die Kühe verstehen eh kein Hochdeutsch“, schmunzelt er. Aber im Ernst: „Wenn wir unseren Dialekt verlieren, verlieren wir ein Stück von uns.“
Eine 34-jährige Lehrerin sieht es differenzierter. Sie unterrichtet Deutsch an einer Mittelschule und erlebt täglich, wie die Schüler zwischen Dialekt und Hochdeutsch wechseln. „Im Unterricht rede ich Hochdeutsch. In der Pause hör ich die Kinder Südtirolerisch reden. Das ist normal.“ Sie selbst sei mit dem Dialekt aufgewachsen, habe aber früh gelernt, auch Hochdeutsch zu sprechen. „Meine Eltern haben Wert darauf gelegt. Nicht, weil sie den Dialekt nicht mochten, sondern weil sie wollten, dass ich beides kann.“
Heute sei sie dankbar dafür. „Ich kann in beiden Welten leben. Mit meiner Oma red ich Südtirolerisch, mit meinen Schülern im Unterricht Hochdeutsch.“ Wichtig sei, dass der Dialekt nicht verschwindet. „Er ist Teil unserer Identität. Aber heutzutage ist es vom Vorteil auch Hochdeutsch können. Fürs Studium, für den Beruf und die Welt draußen.“
„Der Dialekt verbindet uns“
Ein 45-jähriger Gastwirt erzählt, wie ihm der Dialekt hilft, Gäste einzuschätzen. „Wenn einer reinkommt und Südtirolerisch redet, weiß ich sofort: Das ist einer von uns.“ Das schaffe eine besondere Verbindung. Manchmal sitze er mit Gästen zusammen und sie erzählen Geschichten auf Dialekt. „Da kommen Wörter vor, die kennen man in anderen Landesteilen oft gar nicht“, erzählt er. Er habe auch beobachtet, dass junge Südtiroler im Ausland plötzlich wieder mehr Dialekt reden. „Die merken erst in der Ferne, was ihnen fehlt. Der Dialekt ist wie ein Stück Heimat, das man mitnehmen kann.“
Eine 19-jährige Studentin, die gerade ihr erstes Semester begonnen hat, bestätigt das. „In Berlin verstehen sie meinen Dialekt nicht“, sagt sie. „Am Anfang hab ich versucht, Hochdeutsch zu reden. Aber das bin nicht ich.“ Mittlerweile habe sie eine Gruppe von Südtiroler Studenten gefunden. „Wenn wir zusammensitzen und auf Südtirolerisch reden, dann vergiss ich, dass ich 400 Kilometer von zu Hause weg bin.“ Der Dialekt verbinde sie. „Egal ob einer aus Bruneck kommt oder aus Mals.“
Sie habe sogar angefangen, auf Südtirolerisch Tagebuch zu schreiben. „Damit ich’s nicht verlerne. Und weil manche Gefühle kann ich nur auf Dialekt ausdrücken.“
Ein 72-jähriger Pensionist bringt es auf den Punkt: „Der Dialekt ist nicht nur, wie wir reden. Er ist, wer wir sind.“ Er habe sein Leben lang hart gearbeitet, habe Höhen und Tiefen erlebt. „Aber egal was war. Wenn ich Südtirolerisch geredet hab, war ich ich selbst.“ Seine größte Hoffnung: dass seine Enkel den Dialekt nicht vergessen. „Die Welt wird immer gleicher. Überall hörst du Englisch, überall schaust du die gleichen Filme. Aber unser Dialekt macht uns einzigartig.“






