von Alexander Wurzer 21.02.2026 10:00 Uhr

Schulprojekt in der Baristraße Bozen: Das nächste Großexperiment auf Kosten der deutschen Minderheit?

Bozen bekommt in der Baristraße einen neuen Schulkomplex – gebaut wird längst. Was aber derzeit rund um das Projekt politisch und medial inszeniert wird, ist mehr als ein normaler Schulneubau: Es ist der Versuch, die deutsche Schule in der Landeshauptstadt schrittweise in ein „gemischtes“ Modell hineinzudrücken. Und genau das macht vielen deutschsprachigen Südtirolern Sorgen – zu Recht.

APA/dpa

In italienischen Medien wird die Schule in der Baristraße seit Wochen auffallend offensiv als Zukunftsmodell beworben. Zweisprachig, modern, weltoffen – die üblichen Schlagworte, die auf den ersten Blick niemanden stören. Doch wer genauer hinschaut, merkt schnell: Hinter dem PR-Nebel steckt eine klare Richtung. Da ist von „mehr als bloßem Zusammenleben unter einem Dach“ die Rede, sondern von „laufenden Austauschformen zwischen Schülern“ und einer „engen Zusammenarbeit der Lehrpersonen beider Sprachgruppen“. Das klingt harmlos – ist es aber nicht. Denn es ist genau jene Durchmischung, die den Minderheitenschutz im Kern trifft.

Die Schule als Schutzraum – nicht als Experimentierfeld

Denn Minderheitenschutz funktioniert nicht über Sonntagsreden, sondern über stabile Institutionen. Die Schule ist die wichtigste davon. Für eine Minderheit ist die Schule kein neutraler Ort wie irgendein Verwaltungsamt, sondern der Raum, in dem Sprache, Kultur und Identität selbstverständlich gelebt werden – auch außerhalb des Unterrichts: am Pausenhof, in der Mensa, bei Projekten, in der Nachmittagsbetreuung, in Elternnetzwerken. Genau dort wirkt die Realität. Und die Realität in Bozen ist nun einmal: Im öffentlichen Umfeld dominiert Italienisch. Wer glaubt, eine „gemischte“ Schule würde den Alltag automatisch zweisprachig machen, verkennt die Dynamik.

Assimilationsdruck durch Mehrheitsdynamik

Die Gefahr ist daher absehbar: Deutsch wird zur Sprache des Unterrichts, Italienisch zur Sprache des Schulalltags. Das Ergebnis wäre nicht zweisprachig, sondern ein schleichender Assimilationsdruck. Was bei Erwachsenen als „Integration“ verkauft wird, bedeutet bei Kindern oft: Anpassung an die stärkere Umgebungssprache – und langfristig eine Erosion der deutschen Schule gerade dort, wo sie am stärksten geschützt werden müsste: in Südtirols Landeshauptstadt.

Der Präzedenzfall und der Dominoeffekt

Hinzu kommt ein zweites Problem: Das Projekt droht zum Präzedenzfall zu werden. Heute heißt es: „Nur dieses Projekt, nur an diesem Standort, nur mit ein bisschen Austausch.“ Morgen heißt es dann: „Wenn es in der Baristraße geht, warum nicht auch anderswo?“ Genau so entstehen politische Dominoeffekte. Die deutsche Schule wird nicht auf einen Schlag abgeschafft – sie wird schrittweise „neu gedacht“, „modernisiert“, „geöffnet“, „gemeinsam genutzt“. Am Ende steht dann nicht die offene Abschaffung, sondern die Entkernung.

Artikel 19 ist kein Schmuck – sondern Grenze

Und damit sind wir beim rechtlichen Kern: Artikel 19 des Autonomiestatuts ist kein Dekorationsartikel für Festreden. Er ist das Fundament der deutschen Schule in Südtirol. Er garantiert Unterricht in der Muttersprache und die institutionelle Trennung der Schulorganisation nach Sprachgruppen. Wenn ein Projekt so kommuniziert wird, dass es über „Koexistenz“ hinaus in Richtung struktureller Vermischung geht, dann stellt sich zwingend die Frage: Wo endet Kooperation – und wo beginnt ein Modell, das den Geist des Minderheitenschutzes unterläuft?

Die übliche Strategie: Begriffe weichspülen, Grenzen verschieben

Befürworter werden sagen: Niemand nimmt der deutschen Schule etwas weg. Man will nur Begegnung. Man will nur Austausch. Man will nur Zusammenarbeit. Genau das ist das Muster: Zuerst werden Begriffe weichgespült, dann werden Grenzen verschoben. Wer das kritisiert, bekommt das Etikett „rückständig“ oder „gegen Zweisprachigkeit“. Das ist billig – und es lenkt vom Wesentlichen ab. Die Frage ist nicht, ob Deutsch und Italienisch in Südtirol koexistieren sollen. Das tun sie seit Jahrzehnten. Die Frage ist, ob die deutsche Minderheit in Bozen ihre eigenen tragenden Institutionen behalten darf – oder ob sie in einem „gemeinsamen Modell“ langsam aufgerieben wird.

Was sagt die Landtagsfraktion der SVP?

UT24 hat den Fraktionsvorsitzenden der SVP, Harald Stauder, um eine kurze Stellungnahme zum Schulprojekt in der Baristraße im Spezifischen und zur Rolle der deutschen Schule als zentrale Minderheiteninstitution im Allgemeinen gebeten. Stauder stellt klar:

„Die Südtiroler Volkspartei erachtet den Artikel 19 des Zweiten Autonomiestatutes als Grundpfeiler unseres Minderheitenschutzes. Dies kam in den Diskussionen der vergangenen Jahre rund um die Zukunft der deutschen Schule immer wieder heraus. Die Schule in unserer deutschen Muttersprache ist für die Südtiroler Volkspartei ganz klar nicht verhandelbar. Als Partei, die auch mit vielen anderen Minderheitenparteien im Austausch steht, bekommen wir immer wieder sehr gut Rückmeldungen über das Schulsystem in Südtirol. Überall dort, wo Minderheiten weg von diesem Prinzip gegangen sind, war die Minderheit innerhalb von zwei Generationen stark unter Druck. Wir bleiben bei unserem bewährten System und werden es weiter stärken. Wenn die italienische Schule in Südtirol einen neuen Weg gehen will, so wird dies diskutiert werden müssen.“

Damit ist auch für die Baristraße der Maßstab vorgegeben: Stärkung der deutschen Schule als Minderheiteninstitution – keine Experimente auf Kosten von Substanz und Verlässlichkeit.

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