Italien kann Olympia nicht: Athleten attestieren sogar den Corona-Spielen in Peking mehr Spirit

Diese Spiele sind kein Ort, sie sind ein Netz. Die Wettkämpfe verteilen sich über halb Norditalien. Die Idee dahinter klingt sauber: vorhandene Infrastruktur nutzen, weniger Neubauten, mehr Regionen profitieren lassen. In der Wirkung entsteht aber etwas anderes: Emotionale Distanz.
Straßer: „Du hast überhaupt keine Interaktionen, nix“
Linus Straßer spricht im ZDF-Interview nicht über Fehler im Lauf, nicht über Material – sondern über das Gefühl, dass Olympia ihn vom Publikum trennt. Er zeigt auf die Tribüne und sagt: „Schau mal auf die Tribüne. Die sitzen da auf fünf Metern Höhe. Du hast überhaupt keine Interaktionen, nix.“
Das ist keine Klage über „zu wenig Stimmung“. Das ist ein Vorwurf an eine Atmosphäre, die offenbar nicht entsteht, obwohl Menschen da sind – weil Nähe gar nicht zugelassen wird.
Der Satz, der wie ein Schlussstrich klingt
Dann wird Straßer grundsätzlich. Sein Urteil trifft das olympische Versprechen ins Mark: „Wenn das der Genuss von Leistungssport sein soll, dann bin ich froh, dass es mein letztes Mal war.“
Das ist die Art Satz, die nicht nach einer schlechten Stunde klingt, sondern nach einem Erlebnis, das enttäuscht hat. Nicht das Rennen – das Ereignis.
Büchel: 300 Euro – und die Fans bleiben draußen
Im selben Beitrag stützt ZDF-Experte Marco Büchel die Kritik nicht nur, er begründet sie. Er sagt, er gebe Straßer recht – und nennt den Preis, der wie ein Türsteher wirkt: „Die Tickets hier kosten über 300 Euro – das kann sich kein Fanklub leisten!“
Damit wird aus „Stimmung“ eine Strukturfrage. Denn ein Skirennen lebt nicht davon, dass irgendwer irgendwo sitzt. Es lebt von einer Fan-Kultur, die nah dran ist, laut ist, mitgeht – und genau diese Kultur wird, so Büchels Befund, finanziell ausgesiebt.
„Steril“ – das Wort, das bei Olympia nicht fallen sollte
Straßer bringt es im ZDF auf diese schneidende Formel: „… wenig Emotionen, wenig Interaktionen mit Fans … Es ist alles steril. Ich kann darauf verzichten.“
„Steril“ ist dabei kein Stimmungsbarometer. Es ist eine Diagnose: viel Inszenierung, viel Kontrolle, aber zu wenig Leben zwischen Athleten und Zuschauern. Und wenn das aus dem Mund eines Athleten kommt, ist es schwer, es als bloßen Ausrutscher abzutun.
Odermatt: „Kein olympischer Spirit“ – und das in Italien
Dass Straßer nicht allein so empfindet, macht die Kritik schwerer. Reuters zitiert Marco Odermatt mit dem Befund, in Bormio gebe es „keinen olympischen Spirit“ – und verknüpft diese Wahrnehmung ausdrücklich mit dem „spread out“-Modell der Spiele: verstreute Austragungsorte, Hotels statt Olympisches Dorf, lange Wege zwischen den Clustern, kaum dieses gemeinsame „Olympia-Gefühl“, das sonst entsteht, wenn sich alles an einem Ort verdichtet.
Und dann der Vergleich, der Italien wirklich trifft: Peking
Hier kippt die Debatte endgültig. Denn Peking 2022 war kein Sehnsuchtsort: Pandemieauflagen, leere Ränge, Einschränkungen. Trotzdem taugt es plötzlich als Gegenbild – nicht weil China „besser“ gewesen wäre, sondern weil dort, so die Athleten, wenigstens ein gemeinsamer Rahmen spürbar war.
T-online zitiert Straßer mit dem Satz: „Bormio zeigt mir eigentlich, dass Peking gar nicht so schlecht war …“ und er begründet es mit genau dem, was man bei Olympia erwartet: „… wir waren in einem olympischen Dorf … es war ein Riesen-Speisesaal, es war ein Miteinander.“
ORF bestätigt denselben Wortlaut in seiner Zusammenfassung.
Dieser Vergleich ist die eigentliche Ohrfeige: Wenn ausgerechnet ein Corona-Olympia als „mehr zusammen“ erinnert wird, dann stimmt im Hier und Jetzt etwas nicht – zumindest nicht so, wie es die Beteiligten erwarten.
Die Kritik kommt nicht von außen – sie kommt von innen
Das ist das Entscheidende an dieser Geschichte: Es sind nicht Kommentatoren, die Italien schlechtreden. Es sind Athleten und Experten, die beschreiben, was sie erleben. Straßer spricht von fehlender Interaktion und nennt es „steril“. Büchel legt offen, dass Ticketpreise Fan-Kultur fernhalten. Odermatt spricht vom fehlenden „Olympia-Spirit“.
So entsteht eine Kritik, die umso härter wirkt, weil sie aus dem Inneren kommt: Viel Bühne, viel Kulisse, viel Italien – und trotzdem ein olympisches Gefühl, das sich für manche der größten Namen im Skisport überraschend dünn anfühlt.






