Alte Tirolensien neu gelesen (Teil 76)

Die Stärke des opulenten Bandes liegt auf jeden Fall in der interdisziplinären Herangehensweise, einhergehend mit einer ausgewogenen und für den Leser interessierten Themenvielfalt: Auf diese Weise werden die Politikwissenschaft, die Wirtschaft, die Soziologie, die Kulturwissenschaft, die Religionsgeschichte, das Bildungswesen und die Regionalpolitik eng miteinander verknüpft.
Einleitung
In der Einleitung wird die Zielsetzung erklärt: Tirol wird keinesfalls nur politisch-historisch, sondern auch kulturell, sozial und ökonomisch dargestellt. Überdies wird die Wechselwirkung zwischen lokaler Tradition und modernen Entwicklungen betont. Des Weiteren wird das Spannungsfeld zwischen regionaler Identität und europäischer Integration hervorgehoben.
Politisches System
Das Kapitel von Martin Achrainer und Niko Hofinger bietet eine ausführliche Untersuchung der politischen Strukturen Tirols nach 1945. Die Autoren kombinieren objektive politische Analysen mit lebendigen Anekdoten und Porträts politischer Akteure. Besonders interessant ist die Untersuchung der typischen „Tiroler Mentalität“ in der Politik: pragmatisch-sachbezogene, häufig auf Übereinstimmung bedachte Entscheidungsfindung, gepaart mit regionalem Eigeninteresse. Dieser Abschnitt weist mit einer politiktheoretischen Verbindung und praktischer Historie sowie den Untersuchungen der Landespolitik unter Rücksichtnahme der Zweiteilung Tirols (Nord- und Osttirol) zwei mehr als offenkundige Stärken auf.
Der vor kurzer Zeit verstorbene Autor Josef Nussbaumer zeichnet in seinem Kapitel auf beispielhafte Art und Weise die Umformung Tirols von einer agrarisch geprägten Region zu einem zeitgemäßen, touristisch und industriell diversifizierten Bundesland nach. Der Fokus des Verfassers liegt auf dem Strukturwandel, dem sozialen Wandel und der Integration Tirols in überregionale Märkte. Viele Tabellen und Grafiken veranschaulichen die ökonomische Entwicklung ausführlich. Sehr lesenswert ist die Diskussion über die Sozialpolitik und den Arbeitsmarkt in Verknüpfung mit dem Bevölkerungswachstum.
Irmgard Plattner hat sich in ihrer Abhandlung mit der Kultur und der Kulturpolitik beschäftigt und umreißt mit akribischer und spitzer Feder die Dynamik zwischen dem Erhalt der traditionellen Kultur und den modernen kulturellen Strömungen. Dabei konzentriert sie sich auch auf die Einflussnahme der Landespolitik auf Kulturschaffende und Institutionen wie etwa Museen, Theater und lokale Festivals. Hervorgehoben werden überdies die Wechselwirkungen von Volkskultur, Fremdenverkehr und modernen Medien.
Sieglinde Katharina Rosenberger und Alexandra Weiss analysieren die Rolle der Frauen in Tirol von 1945 bis Ende der 1990er-Jahre. Die beiden, gewissenhaft arbeitenden Autorinnen zeigen auf, wie gesellschaftliche Normen, die Bildung und der Arbeitsmarkt die Gleichstellung beeinflussten. Dabei wird die Eigenständigkeit weiblicher Lebensgeschichten betont.
Helmut Alexander dokumentiert sowohl im städtischen als auch im ländlichen Raum mustergültig die Wichtigkeit der Kirche und der (den) Religion(sgemeinschaften) in Tirol. Er zeigt auf, wie Religionsgemeinschaften soziale Funktionen übernommen und das politische Leben geprägt haben.
Horst Schreiber geht in seinem Aufsatz auf die Schulreformen, die Struktur des Bildungssystems und die Mentalität der Tiroler Bevölkerung in Bezug auf Bildung ein. Der Autor schenkt dabei der Rolle der Schule als Ort der Wertevermittlung und regionalen Identität eine besondere Aufmerksamkeit.
Der Herausgeber Michael Gehler und Martin Kofler thematisieren die historische Trennung Nord- und Südtirols, die Südtirolpolitik und die regionale Eigenständigkeit Osttirols. Dabei werden hauptsächlich die Integration in europäische Strukturen und die Bewahrung der Landeskultur analysiert.
Fazit
Gehlers Band bietet eine eindrucksvolle, interdisziplinäre Darstellung Tirols seit 1945. Die tiefgehenden Stärken des Buches liegen in der wissenschaftlichen Akkuratesse, der Verknüpfung von Politik, Wirtschaft, Kultur und Sozialgeschichte sowie dem anschaulichen Einsatz von Tabellen, Grafiken und Fallbeispielen. Besonders wertvoll ist aber auch die Betrachtung der lokalen Identität in Verknüpfung mit europäischer Integration. Das Buch eignet sich gleichermaßen für Historiker, Politikwissenschaftler, Heimatkundler und an Interessierte, die sich mit der Geschichte des zweitwestlichen Bundeslandes Österreichs in den Jahren von 1945 bis 2000 beschäftigen wollen. Zudem bietet das hier zu rezensierende Werk eine ausgezeichnete Struktur, eine sehr klare Gliederung und auch einen ausgewogenen Mix aus Analyse, historischer Tiefe und empirischer Dokumentation.
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Michael Gehler, Tirol. „Land im Gebirge“ zwischen Tradition und Moderne (Geschichte der österreichischen Bundesländer seit 1945, Teil 3), Wien [u. a.] 1999.






