Alte Tirolensien neu gelesen (Teil 75)

Im Zentrum des Forschungsinteresses des Autors stehen die langfristige Entwicklung sowie die lokale Differenzierung von Bevölkerung, Landwirtschaft, Industrie, Dienstleistungen und Verkehr. Durch die engmaschige Verbindung naturgeografischer Ausgangspunkte mit sozial- und wirtschaftsgeografischen Prozessen gelingt dem Verfasser ein ausgezeichnetes und differenziertes Gesamtbild Welschtirols, das sowohl geschichtliche Tiefenschärfe als auch planerische Bedeutung besitzt.
Problemstellung und konzeptioneller Ansatz
Penz verortet seine Analyse klar im Kanon der geografischen Regionalforschung. Das Trentino wird keinesfalls nur als verwaltungsmäßiges Gebiet, sondern als historisch gewachsene Kulturlandschaft untersucht, deren Formen aus dem Zusammenwirken von Relief, Höhenstufung, Siedlung, Ökonomie und sozialem Wandel hervorgegangen sind. Besonders zu betonen ist die anschauliche und in der gleichen Weise transparente Darlegung der methodischen Konzeption, die vergleichende Sichtweisen mit angrenzenden Räumen einbezieht und auf einen funktional-räumlichen Aufbau abzielt.
Landesnatur, Kulturlandschaft und funktionale Gliederung
Ein wichtiger Teil der hier zu besprechenden Arbeit widmet sich den naturräumlichen Voraussetzungen und ihrer Relevanz für die Kulturlandschaft. Penz‘ Analyse der Reliefleitlinien und der Höhenstufung macht nachvollziehbar, wie stark die landwirtschaftliche Nutzung, die Siedlungsstruktur und die Verkehrserschließung an das natürliche Potential gebunden sind. Die Einteilung der Gemeinden nach agrarischer Eignung sowie die Analyse der „Talschaften“ als funktional zu charakterisierende Verflechtungsräume veranschaulichen die geschichtlich gewachsene Binnenstruktur des Landes. Pendelverkehr, wichtige Orte und Verwaltungsgrenzen werden überzeugend als Schlüsselfaktoren zeitgemäßer Raumorganisation herausgearbeitet.
Bevölkerungs- und Sozialstruktur im Wandel
Mit großer Detailtiefe und -liebe analysiert der Verfasser die Bevölkerungsentwicklung seit dem Industriezeitalter. Die natürliche Bevölkerungsbewegung, die Migration, die Talwärtsverlagerung der Bevölkerung sowie die Alters- und Geschlechtsstruktur werden geordnet nach Teilräumen betrachtet und skizziert. Als besonders instruktiv kann die Verknüpfung dieser demografischen Prozesse mit Veränderungen in Berufs-, Sozial- und Familienstrukturen sowie im Ausbildungsniveau angesehen werden. Der Autor zeigt auf überzeugende Art, wie sich der wirtschaftliche Strukturwandel unmittelbar in der sozialen Geografie des Trentino niederschlägt.
Landwirtschaft zwischen Tradition und Strukturwandel
Die Untersuchung der Landwirtschaft bildet einen Schwerpunkt des Werkes. Penz zeichnet die vorindustriellen Besitz- und Betriebsstrukturen nach und analysiert deren anhaltende Folgen bis in das Heute. Der Strukturwandel seit dem 19. Jahrhundert, die Auflösung traditioneller Feldsysteme und die wachsende räumliche Differenzierung der Betriebszweige werden sehr präzise dargestellt. Die Landwirtschaft erscheint dabei keineswegs bloß als Wirtschaftszweig, sondern als landschafts- und kulturprägendes Element mit weiterhin regionaler Bedeutung.
Gewerbliche Wirtschaft, Dienstleistungen und Fremdenverkehr
Die Untersuchung der industriellen Entwicklung reicht von frühen Industrialisierungsphasen bis zu modernen Standortfragen und Zukunftsperspektiven. Ergänzt wird dies durch eine differenzierte Betrachtung des Handwerks und des tertiären Sektors. Ein eigener Abschnitt zum Tourismus betont dessen wachsende Wichtigkeit als Leitökonomie vieler Teilräume. Penz zeigt dabei sowohl wirtschaftliche Gewinnaussichten als auch örtliche Ungleichgewichte und Nutzungskonflikte auf.
Gesamtwürdigung
Hugo Penz legt mit dieser Monografie eine klassische, zugleich beachtenswert dichte Regionalstudie vor, die durch eine empirische Genauigkeit, einem klaren Aufbau und eine analytische Tiefe überzeugt. Das Werk ist nicht nur ein fundamentaler Beitrag zur Geografie des Trentino, sondern auch ein ausgezeichnetes Beispiel für eine integrierte Wirtschafts- und Sozialgeografie im Alpenraum. Auch wenn die Studie mehr als 40 Jahre alt ist, besitzt sie einen bleibenden Wert – als Referenzwerk für die Regionalforschung ebenso wie als Basis für raumplanerische und wirtschaftsgeografische Fragen.
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Hugo Penz. Das Trentino. Entwicklung und räumliche Differenzierung der Bevölkerung und Wirtschaft Welschtirols (Tiroler Wirtschaftsstudien, Folge 37), Innsbruck 1984.






