Klimawandel setzt Alpenmurmeltier zu

Das Alpenmurmeltier ist ein Relikt der Eiszeit und lebt dort, wo kaum andere Säugetiere überleben können: hoch oben im Gebirge. Seine wichtigste Überlebensstrategie ist ein außergewöhnlich langer Winterschlaf. Bis zu sieben Monate verbringt das Tier tief unter der Erde. In dieser Zeit sinkt die Körpertemperatur auf nahezu zwei Grad Celsius, der Herzschlag reduziert sich auf wenige Schläge pro Minute. Dadurch spart das Murmeltier Energie, wenn Schnee und Kälte jede Nahrungssuche unmöglich machen. Während dieser Phase verliert es bis zu ein Drittel seines Körpergewichts.
Doch diese ausgeklügelte Anpassung gerät zunehmend aus dem Gleichgewicht. Im Alpenraum steigen die Temperaturen deutlich schneller als im Flachland, sichtbar etwa am raschen Gletscherschwund. Murmeltiere weichen deshalb immer weiter in höhere, kühlere Lagen aus. Dort stoßen sie jedoch an natürliche Grenzen: Gipfel, Fels und fehlender grabfähiger Boden lassen kaum Raum für neue Lebensräume.
Besonders problematisch ist Hitze. Alpenmurmeltiere vertragen hohe Temperaturen schlecht, da ihnen Schweißdrüsen fehlen. Schon ab etwa 20 Grad geraten sie unter Stress. Als Reaktion ziehen sie sich selbst im Sommer in ihre kühlen Baue zurück oder verfallen in kurze Energiesparphasen. Dadurch bleibt weniger Zeit zum Fressen, die Fettreserven schrumpfen – und das Risiko steigt, den extrem langen Winterschlaf nicht zu überleben.
Genetische Schwäche, Jagd und fehlende Daten
Als Eiszeitrelikt verfügt das Alpenmurmeltier über eine sehr geringe genetische Vielfalt. Studien zeigen, dass isolierte Populationen dadurch anfälliger für Krankheiten sind und sich schlechter an Umweltveränderungen anpassen können. Trotzdem gilt das Alpine Murmeltier offiziell nicht als bedroht. Ein wesentlicher Grund dafür ist der Mangel an aktuellen Daten.
Die österreichische Rote Liste der Säugetiere stammt aus dem Jahr 2005 und wurde seit über 20 Jahren nicht aktualisiert. „Fatal für eine realistische Einschätzung der tatsächlichen Lage“, kritisiert Alexios Wiklund, Sprecher des Österreichischen Tierschutzvereins in einer Aussendung. Das Alpenmurmeltier verpasste zudem knapp den Titel „Tier des Jahres 2026“ und musste sich dem Mauswiesel geschlagen geben.
Zusätzlichen Druck erzeugt die Jagd. Je nach Bundesland dürfen jedes Jahr tausende Murmeltiere getötet werden. Besonders umstritten sind geführte Murmeltier-Jagdreisen ins Hochgebirge, die als Freizeiterlebnis angeboten werden. Für den Österreichischen Tierschutzverein ist das angesichts von Klimastress, Lebensraumverlust und genetischer Verwundbarkeit völlig unverantwortlich.
Der Verein fordert daher eine sofortige Aktualisierung der Roten Liste, langfristige Populations- und Genstudien, eine Neubewertung der Murmeltierjagd sowie einen besseren Schutz alpiner Lebensräume. Das Alpenmurmeltier sei kein niedliches Maskottchen, sondern ein hochspezialisierter Überlebenskünstler, dessen Lebensraum zunehmend schrumpft.






