Alte Tirolensien neu gelesen (Teil 74)

Auf der Grundlage von Mirakelberichten, Gelübden und Votivpraktiken bietet das vor über einem halben Jahrhundert erschienene Buch tiefe Einblicke in Krankheitsvorstellungen, medizinische Versorgung, soziale Konflikte, Unglückserfahrungen sowie in die religiösen Deutungsmuster der frühneuzeitlichen Bevölkerung im Tiroler Raum und darüber hinaus. Eine Rezension von Andreas Raffeiner.
Quelle von kulturhistorischer Dichte
Im Mittelpunkt der Analyse Bachmanns steht das Mirakelbuch der Wallfahrtskirche Mariastein, dessen Eintragungen in den Jahren zwischen 1678 und 1742 von Kaplänen geführt wurden. Der Autor macht relativ rasch deutlich, dass diese Texte weit mehr als bloße Zeugnisse volkstümlicher Frömmigkeit sind: Sie spiegeln eine Lebenswelt, in der Krankheit, Unfall, Angst und Hoffnung allgegenwärtig waren und die religiöse Praxis eine mehr als wichtige Strategie der Bewältigung darstellte. Besonders wertvoll ist dabei der methodisch reflektierte Umgang mit dem Wahrheitsgehalt der Berichte, die Bachmann zwischen Tatsachenbeschreibung und metaphysischer Deutung einordnet. Kurzum: Bei dem hier zu rezensierenden Buch handelt es sich um eine Quelle von seltener kulturgeschichtlicher Dichte.
Krankheit, Leid und medizinischer Alltag
Der umfangreichste Teil der Publikation widmet sich den körperlichen und seelischen Gebrechen der Menschen. Die ausführliche Systematik – von Entbindungen und Kinderkrankheiten über Herz-, Lungen- und Magenleiden bis hin zu Geisteskrankheiten – vermittelt ein ausschlaggebendes Bild der schwierigen und prekären sanitären Verhältnisse jener Zeit. Die Mirakelberichte zeigen dem Leser überdies eine Welt mit kaum vorhandener ärztlicher Versorgung, schwacher medizinischer Differenzierung und hohem Leidensdruck. Gerade in der Beschreibung von Frauen-, Kinder- und Geisteskrankheiten wird das soziale Ausmaß von Krankheit eindrucksvoll sichtbar.
Unglück, Konflikt und soziale Not
Über den medizinischen Bereich hinaus dokumentiert Bachmann zahlreiche Unglücksfälle: Brände, Berg- und Arbeitsunfälle, militärische Notlagen, Rechtsstreitigkeiten und sogar Tierkrankheiten. Diese Kapitel veranschaulichen, wie engmaschig religiöse Gelübde mit existenziellen Bedrohungen verbunden waren und wie Wallfahrt und Verlöbnis als gemeinschaftliche wie persönliche Krisenbewältigung fungierten.
Religiöse Praxis und jenseitige Erfahrung
Faszinierend ist die Analyse der religiösen Praktiken: Wallfahrten, Messstipendien, das Abbeten der Stiege, Rosenkranzgebete, Votivtafeln sowie Opfergaben aus Wachs, Kleidung oder Schmuck. Bachmann zeigt, wie ritualisierte Handlungen, körperliche Askese und materielle Opfer eine Brücke zwischen Diesseits und Jenseits schlugen. Ergänzt wird dies durch Berichte über Visionen, Erscheinungen, innere Einsprechungen und sogar Geister- und Teufelserscheinungen, die das zeitgenössische Weltbild zwischen Himmel, Hölle und Alltag anschaulich und plastisch vor Augen führen.
Zwischen Transzendenz und Menschlichkeit
Im abschließenden Teil entfaltet Bachmann ein differenziertes Bild der Marienverehrung: Die Gottesmutter Maria erscheint sowohl als transzendente, übernatürliche Macht als auch als menschlich gedachte Mutterfigur mit persönlicher Nähe zu den Gläubigen. Diese Spannung zwischen göttlicher Entfernung und in Menschengestalt spürbare Nähe erweist sich als Schlüssel zum Verständnis der außergewöhnlichen Anziehungskraft Mariasteins.
Gesamtwürdigung
Hanns Bachmanns Werk ist eine imponierende, quellengesättigte Studie, die weit über die regionale Kirchengeschichte hinausweist. Mit großer Sorgfalt und klarem Aufbau erschließt er das Mirakelbuch als Spiegel frühneuzeitlicher Lebenswirklichkeit, in dem sich Krankheit, Angst, Hoffnung, Glaube und soziale Ordnung verdichten. Das heute besprochene Publikation ist bis in die Gegenwart ein unverzichtbares Referenzwerk für die Kultur-, Mentalitäts- und Religionsgeschichte des alpinen Raums und ein hervorragendes und beeindruckendes Beispiel dafür, wie nahezu randständige Quellen zu wesentlichen historischen Zeugnissen werden können.
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Hanns Bachmann. Das Mirakelbuch der Wallfahrtskirche Mariastein in Tirol als Quelle zur Kulturgeschichte (1678–1742) (Schlern-Schriften, Bd. 265), Innsbruck 1973.






