von Alexander Wurzer 31.01.2026 10:30 Uhr

Die Alpini und ihre schmutzige Einsatzgeschichte

Die Alpini wurden 1872 als Gebirgstruppe gegründet, offiziell für den Schutz der Alpenräume. Genau dieses Gründungsnarrativ dient bis heute als moralische Tarnkappe: „Berge“, „Heimat“, „Verteidigung“. Tatsächlich wurden die Alpini von Anfang an so gedacht – „für die Verteidigung der Gebirgsgrenzen“, per Dekret vom 15. Oktober 1872. In der Praxis waren die Alpini aber sehr früh dort, wo es nicht um Schutz ging, sondern um Expansion.

Hut des italienischen Militärs. - Bild: Privat

Bereits Ende des 19. Jahrhunderts wurden Alpini nach Afrika entsandt – nach Massaua in Eritrea, im Rahmen eines kolonialen Vorstoßes Richtung Adua. Wer das ernst nimmt, versteht sofort: Die Truppe war nicht bloß Grenzschutz, sie war Instrument – und Instrumente werden dorthin geschickt, wo der Staat Druck machen will.

Südtirol: Wo der Mythos nicht unschuldig ist

Und genau hier berührt die Geschichte Südtirol direkt – nicht als Gefühl, sondern als historische Tatsache. Am Ende des Ersten Weltkriegs, unmittelbar nach dem Waffenstillstand, rückte die italienische Armee in die südlichen Teile Tirols ein: zuerst ins Welschtirol, dann weiter nach Südtirol. Zwischen dem 3. und 9. November 1918 wurden diese Räume militärisch besetzt, noch bevor Verträge die neue Ordnung endgültig festschrieben.

Als Italien 1918/19 diese neue Ordnung absicherte, gehörten auch Alpini zu jenem Truppenmix, der die Besetzung im Straßenbild manifestierte – gemeinsam mit anderen Einheiten, die in Paraden und Aufmärschen den Anspruch des Staates demonstrierten. Ein Bericht nennt ausdrücklich „Alpini“ neben Carabinieri und Bersaglieri. Für die Menschen hier bedeutete das nicht „Schutz“, sondern Machtwechsel. Nicht „Verteidigung“, sondern Besetzung und die dauerhafte Durchsetzung einer neuen staatlichen Ordnung.

Wer das aus der Erzählung herausstreicht, betrügt doppelt: historisch und moralisch. Denn in Südtirol hatten Uniformen und Truppensymbole damals eine sehr konkrete Funktion – sie markierten Herrschaft. Und unter dem Faschismus wurde daraus ein Programm der Umformung: Ortsnamen, Sprache, Schule, Behörden, Karrierewege – alles wurde zur Frage, wie viel Südtiroler Identität noch geduldet wird und wie viel „italienisch“ es zu sein hat. In so einem Raum ist „Tradition“ nie nur Tradition. Jede Parade und jede Selbstinszenierung als „unpolitische Bergkameraden“ steht im Schatten dieser Machtgeschichte.

Abessinien: Eroberungskrieg – und Italien setzt Giftgas ein

In den 1930er Jahren wird das Muster brutal eindeutig. Im Krieg gegen Abessinien war Italien der Angreifer – es ging um koloniale Unterwerfung. Und die Alpini waren dabei – als Kampftruppe am Boden. Eine Alpini-nahe Darstellung beschreibt etwa den Einsatz eines Alpini-Bataillons in den entscheidenden Kämpfen 1936 (Amba Aradam, Mai Ceu, Lago Ascianghi) und vermerkt die Rückkehr nach Italien im April 1937. Das ist die Rolle der Alpini in diesem Krieg: Teil der militärischen Maschine, die das Land niederwarf.

Parallel dazu setzte Italien im selben Krieg chemische Waffen ein, vor allem Senfgas. Es ist dokumentiert, dass Italien zunächst Senfgas-Bomben abwarf und später auf Sprühtanks aus der Luft umstellte. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz behandelt den Giftgaseinsatz in diesem Krieg ebenfalls als belegten Tatbestand.

Und die Gewalt endete nicht mit der militärischen „Eroberung“. Besatzung heißt Repression – und in Abessinien bedeutete Repression Massaker. Debre Libanos im Mai 1937 gilt als schwerstes Kriegsverbrechen Italiens in Äthiopien: Zwischen dem 20. und 29. Mai 1937 wurden dort laut wissenschaftlicher Veröffentlichung rund 2000 Mönche und Pilger getötet. Dieser Satz ist wichtig, gerade wenn man über „Tradition“ und „Ehre“ redet: Koloniale Ordnung wurde nicht verwaltet, sie wurde mit Terror hergestellt.

Balkan: Besatzungsraum statt Bergromantik

Auch im Zweiten Weltkrieg tauchen Alpini-Verbände dort auf, wo Besatzung organisiert und Widerstand niedergehalten wird – etwa in Montenegro, wo die Division „Taurinense“ 1942 eingesetzt war. Das steht sogar in der offiziellen Geschichtsdarstellung des italienischen Heeres. Solche Einsätze sind keine „Abenteuer in den Bergen“, sondern Besatzungsrealität: Kontrolle, Durchkämmungen, sogenannte „Bandenbekämpfung“. Das sind genau jene Räume, in denen Gewalt gegen Zivilisten nicht Ausnahme ist, sondern strukturelles Risiko – weil Besatzung immer bedeutet: jemand wird unterworfen.

Und dass es dabei zu Exekutionen kam, ist nicht bloß „gegnerische Propaganda“. Selbst im Umfeld der Alpini wird – in einer internen Debatte – eingeräumt, dass es „Sicherlich … auch Exekutionen“ gab; zugleich wird auf konkrete Vorwürfe verwiesen, wonach bei einer Durchkämmung in montenegrinischen Dörfern Zivilisten erschossen worden seien. Gerade solche Quellen zeigen, wie falsch die glatte Legende ist, diese Kriege seien im Kern „sauber“ geführt worden.

Warum der Mythos so zäh ist

Der Alpini-Mythos funktioniert, weil er emotional perfekt gebaut ist: Bergkulisse, Härte, Kameradschaft, ein paar edle Schlagworte – und fertig ist ein Bild, das Kritik als „Respektlosigkeit“ diffamiert. Gerade deshalb braucht es den unbequemen Gegentext: Die Alpini waren wiederholt nicht Schutzschild, sondern Werkzeug. Und zwar genau dort, wo Italien andere beherrschen wollte: kolonial, militärisch, besatzungspolitisch.

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