Wie Christian Bianchi aus zwei völlig verschiedenen Dingen eine Spaltungsgeschichte baut

Die olympische Idee steht für Respekt, Begegnung und Fairness. Umso unverständlicher ist es, wenn im Umfeld der Spiele Identitätsfragen als schneller Treibstoff für Empörung und Lagerdenken missbraucht werden. Genau das tut Landesrat Christian Bianchi gerade mit einem simplen, aber wirksamen Manöver: Er nimmt zwei völlig unterschiedliche Dinge – das unglückliche „Tyrol ≠South Tyrol“-Sujet der Tirol Werbung und die „Grüß Gott in Tirol“-Plakataktion von Schützenbund und Heimatbund – und verschmilzt sie in einem einzigen Erregungs-Narrativ. Erst rahmt er die Schützenaktion als „politische Spekulation“ rund um die Olympiazeit, dann liefert er das visittirol-Bild gleich als Beweis nach, warum „die Tiroler“ Südtirol angeblich ohnehin nicht respektieren. So wird aus einem bereits gelöschten Werbepost und einer ausdrücklich dialogorientierten Aktion eine künstliche Gesamtgeschichte: „Wir“ werden herabgesetzt, „die“ mögen uns nicht. Das klärt nichts. Das produziert Lager.
Bianchis Posting
Damit jeder Leser versteht, worüber hier gesprochen wird, folgt der Inhalt des Postings in vollständiger deutscher Übersetzung (Aufbau und Sinn unverändert):
„Die olympische Flamme 🔥 … scheint manchen das Gehirn 🧠zu verkochen …
In diesen Tagen, während die Olympischen Spiele kurz vor dem Beginn stehen, würden manche sie gerne für eine ordentliche Portion politische Spekulation nutzen … statt einfach das Spektakel zu genießen.
Grüß Gott in Tirol: Die Südtiroler Schützen hängen in unserer Provinz Plakate an Bushaltestellen auf, um zu sagen, dass Tirol und Südtirol durch eine Grenze getrennt sind, die nie akzeptiert wurde.
Zur selben Zeit … hat Visitirol, die Organisation, die den Tiroler Tourismus bewirbt … einen Post veröffentlicht, um zu betonen, wie sehr sie sich vom Südtirol unterscheiden …
Sie schreiben:
🇦🇹 Tyrol = Österreich. Bergwelt. Man isst Knödel und Kaiserschmarrn. Eine Gegend, in der man Ski fährt, Rad fährt und Berge besteigt.
🇮🇹 South Tyrol = in Italien. Italienischer Stil. Pizza und Wein. Man spricht einen Dialekt, den man unmöglich verstehen kann.
Liebe Südtiroler Freunde … mir scheint, die haben euch nicht gerade besonders lieb …“
Genau hier liegt der Dreh: Bianchi setzt Schützen- und Heimatbundaktion und visittirol-Sujet in ein und denselben Rahmen. Das eine dient ihm als Einstieg („politische Spekulation“), das andere als Aufreger-Beweis („die mögen euch nicht“). Zwei verschiedene Vorgänge werden zu einem einzigen Gefühlscocktail verklebt.
Der Fehltritt von Tirol Werbung
Das visittirol-Sujet war ein Social-Media-Fehlgriff: Ein Vergleich, der Tirol als „Austria“-Klischee und Südtirol als „Italy“-Klischee zeichnet, garniert mit dem Satz, der Dialekt sei „unmöglich zu verstehen“. Das war Blödsinn und die Kritik daran war berechtigt. Wichtig ist aber auch: Dieses Sujet wurde nicht zum offiziellen Programm erhoben, sondern nach Gegenwind gelöscht und als misslungen erkannt. Wer daraus eine dauerhafte „Haltung der Tiroler“ bastelt, macht aus einem korrigierten Fehler eine identitätspolitische Dauerwaffe.
Die Aktion von Schützenbund und Heimatbund: einladend, sichtbar, dialogfähig
Die Plakataktion „Grüß Gott in Tirol“ ist etwas grundsätzlich anderes. Sie ist dort platziert, wo Gäste ankommen und sich bewegen: an Haltestellen, im Alltag. Und sie spricht in einem Ton, den man in solchen Debatten viel zu selten hört: nicht verhöhnen, nicht abwerten, nicht provozieren, sondern einladen. Der QR-Code führt zu Hintergrundinformationen – der erklärte Zweck ist Dialog und Auseinandersetzung mit Geschichte und Identität. Das ist nicht „Krawall“, das ist verständliche, niederschwellige Öffentlichkeitsarbeit: Willkommen heißen – und gleichzeitig erklären, warum Tirol als historischer Kulturraum mehr ist als ein aktueller Grenzstrich. Wer das ernst meint mit Begegnung, sollte genau so kommunizieren: freundlich im Ton, klar in der Aussage, offen für Gespräch.
Bianchis Methode: Spaltung durch Vermengung
Ein Landesrat hat nicht die Aufgabe, Stimmungen zu eskalieren, sondern Verantwortung zu übernehmen: unterscheiden, einordnen, deeskalieren. Bianchi macht das Gegenteil. Er stellt die Schützenaktion unter den Generalverdacht der „politischen Spekulation“ – und nutzt im gleichen Atemzug den visittirol-Fehltritt, um ein Kränkungsnarrativ zu füttern. Damit trifft er gleich doppelt falsch: Er wertet eine dialogorientierte Aktion ab, und er bläst einen bereits korrigierten Marketingfehler zum identitätspolitischen Angriffssignal auf.
So entsteht kein Verständnis, sondern Misstrauen. Kein Gespräch, sondern Trotz. Kein Selbstbewusstsein, sondern gekränkte Dauerempörung. Und das ist der eigentliche Schaden: Nicht ein schlechtes Posting im Netz, sondern ein politischer Stil, der Konflikte nicht löst, sondern konserviert – weil Spaltung schneller mobilisiert als Sachlichkeit.
Was jetzt zählt
Man kann über vieles streiten: über Akzente, Formulierungen, Geschichtsbilder. Aber eines sollte klar sein: Wer Besucher willkommen heißt und gleichzeitig informiert, handelt konstruktiv. Wer zwei unterschiedliche Vorgänge absichtlich zusammenklebt, um ein „Wir gegen die“ zu produzieren, handelt spaltend. Und genau damit muss man bei Bianchi ins Gericht gehen: nicht mit Beschimpfungen, sondern mit Klartext über seine Methode.






