Nicht mehr Italienisch, sondern besseres Italienisch

Das Anliegen der Eltern ist verständlich
Zunächst: Die Eltern in Villanders verdienen Respekt für ihr Engagement. Jede Mutter, jeder Vater will für das eigene Kind nur das Beste – das ist nicht nur verständlich, sondern auch lobenswert. Dass sie sich Gedanken über die Sprachausbildung ihrer Kinder machen, zeugt von Verantwortungsbewusstsein.
Die Frage ist jedoch: Führt eine italienischsprachige Erzieherin im deutschen Kindergarten tatsächlich zu besseren Italienischkenntnissen? Die Antwort darauf lässt sich mit einer simplen Rechnung beantworten.
Die unbequeme Wahrheit: 1.000 Stunden müssen reichen
Ein Kind, das in Südtirol eine deutsche Schule besucht, erhält zwischen der ersten Klasse Volksschule und der dritten Klasse Mittelschule rund 1.000 bis 1.200 Stunden Italienischunterricht (in der Volksschule sind es je nach Stundenplan etwa 3-5 Wochenstunden, in der Mittelschule 5-6 Stunden pro Woche.).
Um diese Zahl einzuordnen: Laut internationalen Sprachforschungsinstituten benötigt man etwa 600 bis 800 Unterrichtsstunden, um ein B2-Niveau in einer Fremdsprache zu erreichen – also jenes Niveau, bei dem man sich ohne große Anstrengung mit Muttersprachlern spontan und fließend verständigen kann.
1.000 Stunden sollten also mehr als ausreichen, um eine Fremdsprache auf gutem Niveau zu beherrschen. Dennoch die ernüchternde Realität in Südtirol: Viele deutschsprachige Schüler verlassen die Mittelschule mit unzureichenden Italienischkenntnissen. Wenn ein Kind nach all den Jahren keinen fehlerfreien italienischen Satz bilden kann, liegt das offensichtlich nicht an fehlenden Stunden – und auch nicht an einer fehlenden italienischsprachigen Kindergärtnerin.
Was die Wissenschaft wirklich sagt
Die Grünen berufen sich gerne auf die Vorteile frühen Sprachlernens (UT24 berichtete). Tatsächlich zeigt die Forschung: Ja, Kinder haben gewisse Vorteile beim Erwerb von Aussprache und Grammatik. Aber – und das wird gerne verschwiegen – nur unter bestimmten Bedingungen.
Die internationale Spracherwerbsforschung ist sich einig: Entscheidend sind qualifizierte Lehrkräfte, methodisch-didaktische Qualität und ausreichende Kontaktzeit mit kompetenten Sprechern. Früher Fremdsprachenunterricht ohne qualifizierte Lehrkräfte kann sogar kontraproduktiv sein.
Zudem warnen Experten seit Jahren: In einem sprachlich sensiblen Gebiet wie Südtirol muss zunächst die Muttersprache gefestigt werden. Nur auf einer soliden muttersprachlichen Basis können weitere Sprachen erfolgreich aufgebaut werden. Kinder übertragen Kompetenzen aus der gut beherrschten Erstsprache auf die Zweitsprache – das ist wissenschaftlich gut belegt.
Das Kernproblem: Qualität, nicht Quantität
Die zentrale Frage lautet also nicht „Wann beginnen wir mit Italienisch?“, sondern „Wie unterrichten wir Italienisch?“
Hier offenbart sich das eigentliche Defizit: Nicht alle Italienischlehrer an deutschen Schulen verfügen über eine spezifische Ausbildung für Italienisch als Zweitsprache. Der Unterschied zwischen Muttersprachlern-Unterricht und L2-Didaktik ist gewaltig. Viele Italienischlehrer beherrschen zudem selbst die deutsche Sprache nicht ausreichend, um Grammatik und Strukturen verständlich erklären zu können – im Gegensatz zum Englischunterricht, wo deutschsprachige Lehrer die Fremdsprache vermitteln.
Zu oft dominiert noch immer Grammatik-Pauken statt kommunikativer Sprachunterricht, der Kinder zum aktiven Sprechen bringt. Der Übergang zwischen Bildungsstufen funktioniert nicht reibungslos, erworbene Kompetenzen verpuffen. Auch die verwendeten italienischen Lehrbücher weisen oft didaktische Mängel auf.
Das italienische Problem ist noch größer
Interessanterweise ist die Situation bei der italienischen Sprachgruppe noch deutlich problematischer. Laut den jüngsten ASTAT-Erhebungen aus dem Jahr 2024 verfügen nur elf Prozent der italienischsprachigen Südtiroler über gute schriftliche Deutschkenntnisse und nur 31 Prozent über gutes Hörverständnis. Studien der EURAC zeigen eindeutig, dass deutschsprachige Schüler die Zweitsprache besser beherrschen als umgekehrt.
Das bedeutet: Die italienischsprachigen Kinder beherrschen Deutsch noch viel schlechter als die deutschen Kinder Italienisch. Auch hier haben über Jahrzehnte Versäumnisse in der Deutschlehrer-Ausbildung und im Unterricht ihre Spuren hinterlassen. Die italienische Schule hat sich erst spät von einer zentralstaatlich gelenkten Institution zu einer autonomen Bildungseinrichtung entwickelt und die Förderung des Deutschunterrichts lange vernachlässigt.
Was wirklich nötig ist
Dass Mehrsprachigkeit im 21. Jahrhundert ein enormer Vorteil ist, steht außer Frage. Südtirols deutschsprachige Kinder sollten selbstverständlich gut Italienisch lernen – und die italienischsprachigen Kinder ebenso gut Deutsch. Nicht nur aus praktischen, sondern auch aus kulturellen Gründen.
Aber die Lösung kann nicht lauten, immer früher und immer mehr Italienisch in die Einrichtungen zu bringen. Die Lösung heißt: besserer Italienischunterricht – und besserer Deutschunterricht an den italienischen Schulen.
Das bedeutet konkret: Alle Italienischlehrer sollten eine spezifische L2-Ausbildung nachweisen müssen und die deutsche Sprache beherrschen. Gleiches gilt für Deutschlehrer an italienischen Schulen. Es braucht kommunikativen Unterricht, der Kinder zum aktiven Sprechen bringt, statt Grammatikregeln auswendig zu lernen. Didaktisch hochwertige Lehrbücher, die auf die spezifischen Bedürfnisse des L2-Unterrichts zugeschnitten sind, müssen Standard werden. Regelmäßige Evaluation und Weiterbildung der Lehrkräfte sind unerlässlich.
Statt künstlich Italienisch in den Kindergarten zu pressen, sollte der Fokus darauf liegen, die vorhandenen Unterrichtsstunden effektiver zu nutzen und endlich die richtigen didaktischen Methoden anzuwenden.
Die richtige Forderung: Qualität statt Quantität
Die Villanderer-Debatte lenkt von der eigentlichen Problematik ab. Nach über 1.000 Stunden Unterricht müssen Südtirols Schüler – deutsche wie italienische – die jeweils andere Landessprache gut beherrschen können. Wenn das nicht gelingt, brauchen wir keine Italienischsprachigen in deutschen Kindergärten und keine Deutschsprachigen in italienischen Kindergärten, sondern bessere Italienischlehrer in deutschen Schulen und bessere Deutschlehrer in italienischen Schulen.
Die Politik – und hier besonders die Grünen – täte gut daran, nicht populistische Schnellschüsse zu fordern, sondern endlich die Qualität des bestehenden Unterrichts in den Fokus zu rücken. 1.000 Stunden sind genug Zeit, um eine Sprache zu lernen. Was fehlt, ist die Qualität.
Denn eines ist klar: Mehr vom Falschen bringt nicht das Richtige.






