von Alexander Wurzer 27.01.2026 07:41 Uhr

Salvinis Alpini-Gedenktag: Wie aus einem Angriffskrieg ein Opfer-Mythos wird

Der Alpini-Gedenktag klingt schon in seiner Bezeichnung nach moralischer Unantastbarkeit: „Giornata nazionale della memoria e del sacrificio degli Alpini“. Genau mit dieser Aura arbeitet Matteo Salvini. Er inszenierte den 26. Januar als nationales Pflichtprogramm aus Dankbarkeit, Treue und „Opfer“ – und macht aus einer staatlichen Erinnerung gleich eine parteipolitische Trophäe.

Das von Matteo Salvini zum Alpini-Gedenktag veröffentlichte Bild zeigt italienische Alpini beim Rückzug von der Ostfront im Zweiten Weltkrieg. Ihr Einsatz erfolgte im Rahmen eines Angriffskrieges an der Seite der deutschen Wehrmacht und diente nicht der Verteidigung Italiens. (Quelle: Facebook/Matteo Salvini)

In seinem Facebook-Posting schreibt er ausdrücklich, der Gedenktag sei dank der Lega eingeführt worden. So wird ein historisch hochbelasteter Jahrestag nicht nur gefeiert, sondern vereinnahmt: Wer ihn „eingesetzt“ haben will, will auch bestimmen, was daran erinnert werden darf – und was besser im Schnee der Bilder verschwindet.

Damit steht die Richtung fest: nicht nüchterne Einordnung, sondern eine Erzählung, die aus Geschichte Identität formt. Das ist kein Zufall, sondern Methode. Der Begriff „sacrificio“, also Opfer, wird zur moralischen Schutzfolie, unter der sich die entscheidende Frage elegant vermeiden lässt: Was genau war das für ein Krieg, in dem dieses „Opfer“ erbracht wurde?

Worum es am 26. Januar tatsächlich geht: Nikolajewka 1943

Der 26. Januar verweist auf Nikolajewka 1943, den Durchbruch während des Rückzugs italienischer Verbände von der Ostfront. Das ist der Kern dieses Gedenktags. Und genau deshalb ist die Pathos-Formel so falsch: Es geht nicht um den Schutz der Heimat, nicht um eine Abwehrschlacht an Italiens Grenzen, sondern um den Ausweg aus einer militärischen Katastrophe in einem fremden Land.

Die Alpini werden hier zu Symbolfiguren stilisiert: Schnee, Marschkolonnen, Entbehrung, Härte – das perfekte Material für eine nationale Legende. Nur ist der historische Stoff kein Märchen, sondern ein politisch gewollter Feldzug, der in einem Rückzug endete.

Der Kontext, den Salvinis Erzählung ausblendet: Italien kämpfte an Hitlers Seite

Wer Nikolajewka als nationales Heldenbild verkauft, muss den politischen Rahmen ausblenden. Italien war an der Ostfront nicht, weil es angegriffen wurde. Italien war dort, weil Mussolinis Regime sich als Verbündeter des nationalsozialistischen Deutschlands am Krieg gegen die Sowjetunion beteiligte. Das war ein Angriffskrieg. Er war Teil eines Projekts, das auf Expansion und Unterwerfung zielte – und Italien war nicht Zuschauer, sondern Mitspieler.

Genau hier wird Salvinis „Opfer“-Rhetorik zur Verdrehung. Denn das „Opfer“, das er beklatscht, steht am Ende einer Entscheidung, die man beim Namen nennen muss: Unterstützung Hitlers, Teilnahme an dessen Krieg im Osten, Einsatz eigener Truppen zur Stabilisierung dieses Angriffs. Wer das verschweigt, macht aus politischer Verantwortung ein Naturereignis.

„Opfer“ als Absolution: die Umdeutung vom Mit-Angreifer zum Leidtragenden

Die Mechanik ist simpel: Man beginnt beim Schnee und endet bei der Erhabenheit. Man zeigt Leiden, spricht von Mut und Pflicht – und lässt die Ursache weg. So entsteht eine bequeme Botschaft: Wir waren nicht Teil eines Unrechtskrieges, sondern vor allem Betroffene einer Tragödie. In dieser Umdeutung steckt der eigentliche Zweck: Wer sich als „Leidtragender“ erzählt, muss sich weder mit Schuldfragen noch mit den Opfern der eigenen Kriegführung auseinandersetzen.

Und das passt zur parteipolitischen Aneignung. „Dank der Lega“ wird Gedenken zu einer Bühne, auf der man nationale Gefühle mobilisiert und Kritik moralisch erschwert. Wer widerspricht, soll schnell als pietätlos gelten – nicht als jemand, der historische Wahrheit und politische Verantwortung einfordert.

Die Alpini als „Grenzverteidiger“? Ein Mythos, der nicht trägt

Die Alpini wurden historisch als Gebirgstruppe mit Blick auf die Alpenregion aufgebaut. Das Bild vom „Grenzverteidiger“ wird bis heute gern bemüht – besonders dann, wenn man die Geschichte in eine harmlose, defensive Erzählung pressen will. Nur: In der politischen Realität wurden die Alpini weit häufiger in Kriegen eingesetzt, die außerhalb eines klassischen Grenzverteidigungs-Szenarios lagen, und in denen Italien als Angreifer oder Besatzungsmacht auftrat. Italien innerhalb der eigenen Grenzen verteidigen mussten die Alpini eigentlich nie. Eine klassische Landesverteidigung im Krieg können die Alpini nicht in Ihrem Portfolio verbuchen. Wenn dann waren es nach dem Zweiten Weltkrieg Stabilisierungs- und Bündniseinsätze für die NATO. Für den 26. Januar ist der Mythos besonders schief: Der zentrale Bezugspunkt ist nicht ein abgewehrter Einmarsch, sondern der Rückzug aus Russland nach einem Angriffsfeldzug.

Wenn Salvini also den Eindruck erzeugt, hier ginge es um die „Verteidigung der Heimat“, dann ist das nicht nur unpräzise, sondern bewusst irreführend. Dieser Tag ist kein Symbol für notwendige Grenzverteidigung, sondern für das Scheitern einer aggressiven Bündnispolitik.

Was im Heldenbild zuverlässig verschwindet: Besatzung, Repression, Verbrechen

Wer den Zweiten Weltkrieg auf „Heldentum“ und „Opfer“ reduziert, produziert zwangsläufig Geschichtsklitterung. Italienische Verbände begingen in besetzten Gebieten schwere Verbrechen gegen Zivilisten: Repressionsmaßnahmen, Geiselerschießungen, Dorfzerstörungen, Deportationen und Internierungen. Das ist kein Randthema und keine „Propaganda der anderen“, sondern Bestandteil der historischen Bilanz.

Für die Alpini gilt dabei dasselbe wie für andere Truppenteile: Sie waren Teil der Streitkräfte eines faschistischen Staates. Sie stehen nicht außerhalb der Geschichte und nicht außerhalb der Gewaltlogik von Besatzung und „Bandenbekämpfung“. Wer heute ein sakrales Bild zeichnet, in dem die Alpini nur als moralische Instanz erscheinen, tilgt genau diesen Kontext – und ersetzt Geschichte durch Selbstberuhigung.

Kein Gedenken, sondern Mythos mit Parteistempel

Salvini macht aus einem Rückzug aus einem Angriffskrieg ein nationales Opfermärchen. Der offizielle Titel „Giornata nazionale della memoria e del sacrificio degli Alpini“ wird zur Hülle für eine Botschaft, die Verantwortung ausblendet und Gefühle mobilisiert. Und wenn Salvini dazu noch betont, der Tag sei „dank der Lega eingeführt worden“, dann ist das die ehrlichste Passage seines Postings: Hier geht es um Deutungshoheit. Um Identitätspolitik. Um die Umwandlung eines historischen Scheiterns in ein emotionales Kapital.

Wer am 26. Januar wirklich erinnern will, müsste den Mut haben, das Ausgesparte auszusprechen: Nikolajewka war nicht der Höhepunkt einer Verteidigung, sondern das Ende eines Feldzugs an Hitlers Seite. Und „Opfer“ ist keine moralische Generalamnestie – schon gar nicht, wenn man damit die Opfer der Aggression und Besatzung aus dem Bild drängt.

  • Quelle: Facebook/Matteo Salvini
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