Kindergarten Villanders: Die Grünen machen daraus gleich eine Systemdebatte

Dabei kritisieren sie die Gegner des Projekts und begründen ihre Position mit „Wissenschaft“, „Mehrsprachigkeit“ und dem Verweis auf das ladinische Schulmodell.
Um die Dimension richtig einschätzen zu können: Villanders ist demografisch praktisch vollständig deutschsprachig. Laut Sprachgruppenzählung 2024 liegen die gültigen Erklärungen bei 98,71 Prozent Deutsch, 1,12 Prozent Italienisch und 0,17 Prozent Ladinisch. Das ist der Rahmen, in dem die Forderung steht: in einer Gemeinde, in der Italienisch im Alltag kaum vorkommt.
Was die Grünen sagen
Die Grünen Eisacktal argumentieren sinngemäß: „Eltern sollen das dürfen“, „Mehrsprachigkeit ist eine Chance“, und „Kinder werden dadurch nicht überfordert“. Außerdem sagen sie, die bisherige Trennung der Sprachgruppen in Schule und Kindergarten sei „überholt“ und die Autonomie dürfe kein „goldener Käfig“ sein. Als Beispiel führen sie das ladinische Schulmodell an, wo Kinder mit mehreren Sprachen aufwachsen.
Das klingt auf den ersten Blick modern. Das Problem ist: Es bleibt bei großen Begriffen – und wird dort dünn, wo es konkret werden müsste.
Das Kernproblem: Aus einem Wunsch wird eine Strukturänderung
Wenn in einem deutschen Kindergarten eine italienischsprachige Pädagogin fix eingesetzt wird, ist das nicht „ein bisschen Sprachkontakt“, sondern eine strukturelle Veränderung. Dann stellt sich automatisch eine Reihe sehr praktischer Fragen:
Wer spricht wann welche Sprache? In welchen Situationen? Mit welchem Ziel? Und vor allem: Wer garantiert, dass der deutsche Kindergarten auch in zehn Jahren noch eindeutig deutsch bleibt – und nicht schrittweise „zweisprachig“ wird, weil man es einmal eingeführt hat?
Die grüne Aussendung beantwortet diese Fragen nicht. Sie überspringt sie mit Schlagworten.
„Wissenschaft“ – ja, aber welche genau?
Die Grünen schreiben sinngemäß, das Überforderungsargument sei wissenschaftlich widerlegt. Das ist in dieser Pauschalität zu grob.
Was wissenschaftlich einigermaßen unstrittig ist: Kinder können zwei Sprachen lernen, ohne dass sie „automatisch“ Schaden nehmen. Zweisprachigkeit an sich ist keine Krankheit.
Was ebenso unstrittig ist (und das wird in solchen Aussendungen gern weggelassen): Ob und wie gut Mehrsprachigkeit funktioniert, hängt vom Modell ab. Also von Zeitanteilen, Konstanz, Qualität der Sprachvorbilder, klaren Rollen im Team und davon, ob die Erstsprache stabil aufgebaut wird. Mehrsprachigkeit ist nicht Magie, sondern Pädagogik – und Pädagogik braucht ein Konzept, keine Parole.
Wenn die Grünen „Wissenschaft statt Ideologie“ fordern, wäre die naheliegende Erwartung: Sie legen ein klares, überprüfbares Modell vor. Tun sie nicht.
Der Überforderungs-Punkt: Die falsche Vereinfachung
Die Gegner sagen selten: „Zwei Sprachen sind grundsätzlich schlecht.“ Sie sagen eher: „Im Kindergartenalter soll zuerst die Basis stabil werden, und wir wollen keinen zusätzlichen Druck.“ Das ist ein anderer Vorwurf.
Denn „Überforderung“ entsteht nicht nur durch Sprachen. Sie entsteht durch Erwartungen: dass Kinder „früh können müssen“, dass Eltern „mitziehen müssen“, dass Pädagoginnen „nebenbei“ noch ein zweites System bedienen sollen, und dass aus einem Angebot schnell eine Norm wird („Warum hat dein Kind das noch nicht?“).
Genau diese Alltagsebene unterschlagen die Grünen, wenn sie „Überforderung widerlegt“ rufen. Sie widerlegen einen Mythos – und weichen der realen Sorge aus: dem schleichenden Erwartungsdruck.
Das ladinische Modell: Ein hübscher Vergleich, aber am Thema vorbei
Die Grünen bringen das ladinische Schulmodell als Vorbild. Das klingt gut, ist aber wie der Hinweis, man könne in den Dolomiten Ski fahren, wenn man gerade über den Radweg in Villanders diskutiert: beides Bewegung, aber nicht dasselbe Thema.
Dieses Modell ist es in einem ladinischen Gebiet entstanden, um die ladinische Sprache zu schützen. Der Vergleich erklärt also nicht, warum ein nahezu vollständig deutschsprachiger Ort ausgerechnet im deutschen Kindergarten einen strukturellen Einstieg in ein anderes Modell machen soll.
„Goldener Käfig“: Viel Pathos, wenig Ersatzlösung
Wenn die Grünen die Autonomie als „goldenen Käfig“ darstellen, klingt das rebellisch. Nur ist das Autonomiestatut im Bildungsbereich nicht zum „Fesseln“ da, sondern als Schutzmechanismus: damit Minderheitensprache und Minderheiteninstitutionen in einem italienischen Staat nicht schrittweise ausgehöhlt werden.
Wer diesen Mechanismus „überholt“ nennt, muss die Gegenfrage beantworten: Was kommt an seine Stelle? Welche neue Absicherung garantiert dann, dass Minderheitenschutz nicht zum „freiwilligen Angebot“ wird, das man je nach politischem Zeitgeist umdefiniert?
Auch dazu: keine konkreten Antworten.
Die einfache Frage, die die Grünen nicht beantworten
Wenn das Projekt so selbstverständlich, so „wissenschaftlich“ und so harmlos ist, dann sollten die Grünen drei einfache Punkte liefern können:
Erstens: Was genau soll im Kindergarten passieren – täglich, wöchentlich, in welchen Situationen?
Zweitens: Welche klare Grenze garantiert, dass der deutsche Kindergarten deutsch bleibt?
Drittens: Warum muss das ausgerechnet im deutschen Kindergarten stattfinden – und nicht über freiwillige, separate Angebote (Vereine, Nachmittagsangebote, Spielgruppen), die niemandem den institutionellen Rahmen verändern?
Solange diese Fragen offen bleiben, ist die Aussendung vor allem eines: politisches Framing. Und Framing ersetzt kein Konzept.






