von Alexander Wurzer 18.01.2026 09:07 Uhr

Hass gegen Nicol Delago verdeutlicht: Südtirol braucht eine eigene Nationalmannschaft

Rai Ladinia ist nicht irgendein Spartensender, sondern öffentlich-rechtlicher Auftrag: Ladiner haben Anspruch auf Information und Berichterstattung in ihrer Sprache. Punkt. Wer das infrage stellt, greift nicht „einen Sender“ an, sondern das Prinzip Minderheitenschutz – und damit ein Fundament der Autonomie.

Die strahlende Siegerin Nicol Delago musste sich aufgrund ihrer Muttersprache hämische Kommentare gefallen lassen (Quelle: Instagram/Nicol Delago, Bild bearbeitet von UT24)

Gestern lieferte ausgerechnet ein sportlicher Höhepunkt den Anlass für eine entlarvende Szene: Die Grödnerin Nicol Delago feierte in Tarvis ihren ersten Weltcupsieg. Rai Ladinia interviewte sie – selbstverständlich auf Ladinisch. Was normal sein müsste, wurde auf Facebook zur Bühne für nationalistische Überheblichkeit.

„Sprich Italienisch“: Sprache als Loyalitätstest

Statt sich über Delagos Erfolg zu freuen, fühlten sich manche berufen, einen Loyalitätsappell zu inszenieren. Der Tenor: Wer „für Italien“ startet, habe gefälligst italienisch zu sprechen – und wer das nicht tut, sei weniger wert, weniger dazugehörig, am besten gleich verdächtig.

Ein paar Kostproben dieser Geisteshaltung:

„Ma se gareggi per l’Italia parla italiano“ (Wenn du für Italien antrittst, dann sprich Italienisch.)
„Italia paga tutto…e non sanno parlare italiano???“ (Italien bezahlt alles … und die können nicht Italienisch???)
„Parla Tricolore!!!!“ (Sprich Trikolore!!!! / Sprich „italienisch-national“!!!!)
„Bello il ladino, ma devi parlare italiano, se no togliti la bandiera dal petto“ (Schön das Ladinische, aber du musst Italienisch sprechen, sonst nimm dir die Flagge von der Brust.)
„I crucchi“ (Die “Deutschen“, abwertend.)

Das ist kein Missverständnis und keine „Meinung“. Das ist das alte Muster: Minderheitensprache wird nicht als Recht anerkannt, sondern als Störung. Und wer dann auch noch meint, eine Athletin solle „die Flagge vom Leib nehmen“, weil sie Ladinisch spricht, sagt in Wahrheit: Unterordnung oder Ausgrenzung.

Rai Ladinia erfüllt seinen Auftrag – attackiert wird das Minderheitenrecht

Es ist wichtig, die Verantwortung dort zu lassen, wo sie hingehört. Rai Ladinia hat korrekt gehandelt. Der Sender ist genau dafür da, Ladinisch öffentlich zu machen – nicht es zu verstecken, nicht es zu übersetzen, nicht es „zur Sicherheit“ zu entschärfen, damit sich die Nationalisten wohler fühlen.

Wer in einem Minderheitenmedium Italienisch fordert, fordert die Entkernung des Minderheitenschutzes. Wer Ladinisch nur dann „schön“ findet, solange es niemand hört, will keine Vielfalt – er will Assimilation mit freundlicher Maske.

Gegenrede gab es – doch die Diagnose bleibt

Ja, es gab auch Kommentare, die Nicol Delago verteidigten. Das ist erfreulich und notwendig. Aber es ändert nichts am Befund: Sobald Minderheiten sichtbar werden, kommen dieselben Reflexe hoch. Heute Ladinisch bei Rai Ladinia, morgen Deutsch in der Tagesschau, übermorgen die nächsten „Debatten“, in denen unsere Rechte als Luxus, Zumutung oder Privileg hingestellt werden.

Das ist der gefährliche Teil: Aus hämischen Kommentarwellen wird Stimmung. Aus Stimmung wird politischer Druck. Und aus „man wird ja wohl noch sagen dürfen“ wird schleichende Normalisierung von Respektlosigkeit gegenüber Minderheitenrechten.

Eigene Südtiroler Nationalmannschaft – Schluss mit dem Loyalitäts-Diktat

Diese Posse liefert unfreiwillig das stärkste Argument für eine längst überfällige Konsequenz: Südtirol braucht eine eigene Nationalmannschaft, damit Südtiroler Sportler unter eigener Flagge antreten können. Solange Athleten aus Südtirol unter italienischer Symbolik starten müssen, wird jede gelebte Minderheitenidentität sofort als „Abweichung“ umgedeutet – und Sprache wird zum Loyalitätstest gemacht.

Eine eigene Mannschaft würde den Spieß umdrehen: Deutsch und Ladinisch wären dann nicht mehr „Problem“ oder „Provokation“, sondern Normalität, weil sie zur Realität dieses Landes gehören. Wer Vielfalt respektiert, hätte damit kein Thema. Wer aber bei jeder Minderheitensprache nervös wird, entlarvt sich: Es geht ihm nicht um Sport, nicht um Leistung, nicht um Kommunikation – es geht um Kontrolle, um Anpassung, um Italianisierung im Kopf.

Und genau deshalb muss man das klar aussprechen: Minderheitenrechte sind keine Gefälligkeit, die man uns nach Laune gewährt. Sie sind Recht. Wer sie verhöhnt, wer sie kleinredet oder mit Füßen tritt, liefert den besten Beweis dafür, warum Südtirol eigene Strukturen braucht – auch im Sport.

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