Viel Feind, viel Ehr

Auf diese Vorlage springt der Corriere della Sera auf, spielt das Thema in seine Social-Maschine – und dort geschieht das Erwartbare: Aus einer Personal- und Pädagogikfrage wird binnen Minuten ein nationalistisch aufgeladenes Tribunal über Sprache, Zugehörigkeit und das Recht, in Südtirol so zu leben, wie es die Autonomie vorsieht.
Wer diese Kommentare liest, versteht schnell: Der eigentliche Affront richtet sich nicht nur gegen Rabensteiner oder gegen „die Deutschsprachigen“. Er richtet sich gegen das Prinzip Minderheitenschutz selbst. Denn in den Reaktionen wird nicht argumentiert, sondern sortiert: in „italienisch genug“ und „nicht italienisch genug“. Und wer durch das Raster fällt, bekommt die alte, hässliche Botschaft serviert: Anpassung oder Abgang.
Die einsprachige Fantasie: Staatsgebiet gleich Staatssprache
„Levare il tedesco devono imparare solo l’italiano!“. Das ist keine Forderung nach besserer Sprachförderung, sondern ein Assimilationsprogramm in einem Satz: Deutsch weg, Italienisch her. Die Logik dahinter ist simpel und brutal: Wenn ein Gebiet italienisch ist, muss es auch sprachlich italienisch sein. Dass Südtirol gerade deshalb über Schutzmechanismen verfügt, weil Sprachzwang historisch zu Repression führte, wird ausgeblendet. Der Kindergarten wird hier nicht als Bildungsraum gedacht, sondern als nationaler Reinraum.
Eine etwas geschniegeltere Version desselben Reflexes lautet: „Ma fanno parte del territorio italiano… quindi il tedesco è una seconda lingua… A scuola si deve parlare italiano…“. Das klingt nach Ordnung, ist aber in Wahrheit die Umdeutung von Autonomie in ein Rangsystem: Italienisch als „erste“ Sprache, alles andere als dekorative Zweitsprache. Südtirol wird auf eine Provinzfantasie reduziert, in der Minderheitenrechte bestenfalls freiwillige Folklore sind.
„Dann geht doch“: Zugehörigkeit als Drohung
„Che andassero a vivere in Austria… qui siamo in Italia… andate via“. Und noch plakativer: „60 km a salire c’è il confine… può benissimo oltrepassarlo…“. Diese Sätze sind keine Diskussion, sie sind eine Ausbürgerungsfantasie. Das Recht, hier zu sein, wird an eine kulturelle Loyalität geknüpft, die nur eine Richtung kennt. Wer nicht in die monolinguale Nationalerzählung passt, soll das Land wechseln – als wäre Zugehörigkeit eine Laune und Südtirol ein Hotel, aus dem man auscheckt.
Autonomie abschaffen: der kurze Weg zur „Normalität“
„Togliere lo Statuto speciale… in poco tempo diventano tutti ‘italiani’“. Das ist die administrative Version desselben Nationalismus: Wenn Vielfalt stört, entfernt man die Institutionen, die Vielfalt schützen. Der Kommentar ist so offen, dass er sich selbst entlarvt: Es geht nicht um bessere Integration, sondern um Vereinheitlichung. „Normal“ ist erst, wenn alle gleich sind – oder zumindest so tun.
Sprache als Zielscheibe: Abwertung statt Argument
„Che poi non è nemmeno tedesco… un pessimo dialetto dai suoni snervanti“. Hier wird nicht mehr über Inhalte gestritten, sondern über „nervige Laute“. Der Südtiroler Dialekt selbst wird zur Karikatur gemacht, um dessen Sprecher lächerlich zu machen. In Südtirol, wo der Tiroler Dialekt Alltag ist, wirkt diese Abwertung besonders peinlich: Sie zeigt nicht Kenntnis, sondern Angst vor dem, was man nicht kontrollieren kann.
Vorurteil als Beweis: die Stereotypenmaschine
„Sono stato fidanzato anni con una sudtirolese… hanno solo un motto pecunia no olet“. (Anm. der Red.: Der lateinische Spruch „Pecunia non olet“ bedeutet „Geld stinkt nicht“.) So funktioniert Ressentiment: Ein Einzelfall wird zur Diagnose über „die Südtiroler“, und die moralische Abwertung erledigt den Rest. Wer so schreibt, will nicht verstehen – er will beleidigen.
Misstrauen als Volkssport: der Mythos vom Laienbetrieb
„… vengono assunti come insegnanti i Benno di turno… non occorre laurea ecc“. Auch das ist ein Klassiker: Man diskreditiert Institutionen, ohne etwas Konkretes nachweisen zu müssen. Der Subtext lautet: In Südtirol läuft sowieso alles schief, also braucht man sich mit der tatsächlichen Rechtslage, Zuständigkeit oder Qualifikationsfrage gar nicht erst zu befassen. Diese Aussage zeugt auch von peinlicher Unkenntnis. Denn die deutsche Schule schneidet bei offiziellen Auswertungen signifikant besser ab als ihr italienisches Pedant.
Der Schlachtruf als Schlussstrich
„Razzisti. Evviva l’Italia.“. Ein Etikett, ein Jubelruf – fertig ist die moralische Selbstentlastung. Inhaltlich bringt das nichts, rhetorisch soll es alles entscheiden: Wer „Italia“ ruft, muss nicht mehr erklären, warum Minderheitenschutz plötzlich als Provokation gilt.
Was der Corriere-Reflex sichtbar macht
Die Pointe dieser Kommentarspalte ist ihre Widersprüchlichkeit. Ausgerechnet jene, die sich über „Respekt“ mokieren, verweigern ihn einer Minderheit. Ausgerechnet jene, die „Integration“ reklamieren, meinen Assimilation. Ausgerechnet jene, die behaupten, es gehe um „Normalität“, fordern den Abbau jener Regeln, die ein normales Zusammenleben in einem mehrsprachigen Land überhaupt ermöglichen.
Und damit sind wir wieder bei Rabensteiner. Sein Satz „Kindergarten ist kein Sprachlabor“ wird im Kommentarbereich nicht als pädagogischer Einwand gelesen, sondern als Startsignal. Denn dort wollen viele den Kindergarten sehr wohl als Labor – nicht für Sprache, sondern für Nation. „Viel Feind, viel Ehr“ passt deshalb doppelt: Der Feind wird nicht beschrieben, er wird erzeugt. Und je lauter er herbeigeredet wird, desto leichter lässt sich daraus ein identitärer Triumph basteln – auf dem Rücken jener, die in Südtirol schlicht ihr Recht auf Sprache, Bildung und Zugehörigkeit leben.






