von Alexander Wurzer 13.01.2026 17:15 Uhr

Italienisch im deutschen Kindergarten? Rabensteiner: „Hinter diesem Thema steckt eine identitätszersetzende Ideologie!“

In Villanders hat die Debatte um mehr Italienisch im deutschsprachigen Kindergarten weit über die Gemeinde hinaus Aufmerksamkeit ausgelöst. Auslöser sind Forderungen einzelner Familien, im örtlichen deutschen Kindergarten auch italienischsprachiges pädagogisches Personal einzusetzen – ein Wunsch, der in dieser Form bislang nicht umgesetzt wurde (UT24 hat berichtet).

Hannes Rabensteiner (Bild: STF)

Für den Villanderer Landtagsabgeordneten der Süd-Tiroler Freiheit, Hannes Rabensteiner, wirft das Thema grundsätzliche Fragen auf: nicht gegen Mehrsprachigkeit als Ziel, sondern zum richtigen Ort und Zeitpunkt – und zu den Grenzen, die Minderheitenrechte und Autonomie im Bildungsbereich absichern sollen. In seiner Aussendung betont Rabensteiner, der Kindergarten müsse ein geschützter Raum für Entwicklung und sprachliche Stabilität bleiben, warnt vor zusätzlicher Überforderung und Leistungsdruck bei Kindern und verweist auf Eigenverantwortung sowie Alternativen außerhalb der deutschen Bildungseinrichtungen.

UT24 hat mit Rabensteiner über dieses heiße Eisen gesprochen.

Herr Rabensteiner, was ist aus Ihrer Sicht der eigentliche Kern dieser Debatte – im Kindergarten „mehr Italienisch ja oder nein“?

Ich spreche mich für ein klares „Nein“ in der Debatte um italienisches Personal im deutschen Kindergarten aus. Nicht nur aus der Sicht eines Politikers, dem die Identität und Wurzeln sehr wichtig sind, sondern auch als Vater. Viele Kinder sind im Kindergarten mit der eigenen Muttersprache noch nicht „Sattelfest“ und deshalb kann eine zusätzliche Fremdsprache das Kind überfordern und auch durcheinander bringen. Der Kern der Debatte besteht aus meiner Sicht in der immer wieder vorgebrachten Forderung, dass unsere Kinder – ich meine die Südtiroler Kinder deutscher Muttersprache – möglichst früh die italienische Sprache erlernen sollen. Möglichst früh und, wie es zudem beschönigend heißt, möglichst spielerisch. Derartige Forderungen kommen dabei jedes Mal aus demselben politischen, um nicht zu sagen ideologischen Lager. Natürlich gibt dieses Lager seine Gesinnung nicht offen zu, sondern es kommt weltoffen daher und tut so, als ginge es ihm um Mehrsprachigkeit. De facto geht es diesen Menschen, oder genauer, diesen Ideologen, um mehr Italianität und um weniger Deutschtum. Und genau diese Forderung ist gefährlich für die Südtiroler als Minderheit in einem fremdnationalen Staat. Statt „mehr Italienisch“ sollte die Forderung vielmehr lauten: „besser Italienisch“, doch darf dies nicht auf Kosten der deutschen Muttersprache geschehen. Dies bedeutet, dass der Sprachunterricht des Italienischen zweifellos optimiert werden muss, doch der Kindergarten ist dafür überhaupt noch nicht der richtige Ort! Erst im Dezember habe ich unter anderem in einem Antrag mit mehreren Punkten gefordert, Initiativen zu ergreifen, um die Fremdsprachen in den Schulen besser zu erlernen. Hier jedoch war erstaunlicherweise keine Mehrheit zu finden.

Welche konkrete Veränderung würden Familien im Alltag als Erstes spüren – was kippt Ihrer Meinung nach am schnellsten, wenn im Regelbetrieb eine zweite Sprache verankert wird?

Das muttersprachliche Gespür, das den Kindern von den Eltern und den übrigen Familienmitgliedern mitgegeben wird, droht abhanden zu kommen, wenn der italienischen Sprache bereits im Kindergarten zu viel Raum gegeben wird. Die Kinder müssen wissen, welches ihre Muttersprache ist, und dass es eben diese Sprache ist, in der das erste soziale Miteineinander außerhalb der eigenen Familie erlernt wird. Sprache ist nämlich nicht etwas Beliebiges, sondern stiftet Identität, schafft Vertrautheit und gibt eine Heimat. Diese Werte dürfen nicht aufgeweicht werden, denn wenn beliebig Deutsch oder Italienisch gesprochen werden kann, kann dies bei den Kindern zu Verunsicherung und zu einem gewissen Grad von Entwurzelung führen. Von Befürwortern wird immer vermittelt, dass jene Kinder, die früh genug mit Fremdsprachen in Kontakt kommen, zwar in der eigenen Muttersprache einen kleineren Wortschatz haben, dies jedoch mit der Vermischung von den Sprachen ausgeglichen wird. Gegen eine solche Mischmasch-Sprach wehre ich mich entschieden! Die Folgen solcher Entwicklungen sind bereits sichtbar, etwa in der zunehmenden Verwendung von Anglizismen, die die Ausdruckskraft der eigenen Sprache zunehmend untergraben.

Sie warnen vor einer "schleichenden Verwässerung". Was heißt das in der Praxis: Welche zwei oder drei konkreten Veränderungen setzen Ihrer Meinung nach als Erstes ein?

Ja, ich warne vor einer schleichenden Verwässerung des Gebrauchs der Muttersprache zu Gunsten der italienischen Fremdsprache. Doch genau das ist es, was diese Ideologen wollen: unsere Kinder von ihrer deutschen Muttersprache wegführen und sie – wohlgemerkt bereits im Kindergarten – möglichst gut vertraut mit der italienischen Sprache zu machen. Die Kinder sollen diese im Idealfall sozusagen verinnerlichen. Dem Minderheitenschutz droht, die Grundlage entzogen zu werden. Als Villanderer Bürger und Vater von vier Kindern bin ich jedoch der Auffassung, dass viele dieser Eltern in Villanders die Gefahr, die von der Forderung nach einer italienischen Pädagogin bereits im Kindergarten ausgeht, nicht erkennen, weil sie im guten Glauben nur das Beste für ihr Kind wollen. Ich finde es ärgerlich und bedenklich, dass mein Heimatort von Mehrsprachigkeitsideologen instrumentalisiert wird. Zudem ist die Forderung kurzsichtig und nicht zu Ende gedacht. Woher sollen nämlich die ganzen italienischen Pädagogen kommen und wie viele deutsche Pädagogen würden ihren Arbeitsplatz verlieren? Bei all dem wäre Villanders nur der Anfang. Ein Präzedenzfall würde geschaffen, und andere Gemeinden würden unter Druck gesetzt nachzuziehen. Und noch etwas ist zu bedenken: Was passiert, wenn es schwierig wird, für einen Kindergarten ausreichend deutsche Pädagoginnen zu finden? Will man dann automatisch auf zusätzliche italienische Pädagoginnen zurückgreifen, sodass in einem Kindergarten deutsche Pädagoginnen am Ende in der Unterzahl sind oder komplett fehlen?

Sie argumentieren, dass Muttersprache in diesem Alter noch Stabilität braucht, und verweisen auf Dialekt und Hochdeutsch. Was steht im Kindergartenalter am meisten auf dem Spiel – und warum hat Hochdeutsch dabei aus Ihrer Sicht Priorität?

Grundsätzlich ist es so, dass ein Kind einigermaßen gefestigt in seiner eigenen Muttersprache sein muss, bevor es sich vertiefend auf eine Fremdsprache einlassen kann! Ich sage ganz bewusst: Fremdsprache und nicht Zweitsprache. Letzteres ist lediglich ein politischer Begriff, der sich nicht eins zu eins auf die gesamte Bevölkerung übertragen lässt. Hinzukommt im Deutschen der Unterschied zwischen Dialekt und Schriftsprache. Der Dialekt ist unsere erste Muttersprache, die Sprache der Heimat und des Herzens. In der ganzen Diskussion wird die hohe Bedeutung des Dialekts gerade für uns Tiroler allzu oft gerne übersehen, denn wenn ein Volk seine Sprache, und das ist in diesem Fall der Tiroler Dialekt, verliert, verliert es auch seine Identität. Ich selbst habe die Erfahrung gemacht, wie abwertend auch unsere eigenen Leute dem Dialekt begegnen, wenn man diesen in öffentlichen oder halböffentlichen Situationen verwendet. Dennoch sehe ich durchaus die Wichtigkeit der deutschen Schriftsprache. Diese ist die Sprache der Schulbildung und in manchen Sektoren auch Arbeitssprache. Man muss auch berücksichtigen, wohin es unsere Jugend mehrheitlich zum Studieren oder Arbeiten zieht, nämlich in den deutschsprachigen Raum. Daher muss das Erlernen der deutschen Schriftsprache oberste Priorität haben, wofür die Schule und nicht der Kindergarten zuständig ist. Und erst danach das Erlernen der italienischen Sprache!

Sie warnen auch vor Überforderung und wachsendem Leistungsdruck. Wo sehen Sie hier die Grenze: Ab wann wird aus sinnvoller Sprachbegegnung ein zusätzlicher Druck auf Kinder, Eltern und Pädagogen?

Warum fokussiert sich dieser Leistungsdruck immer nur auf das möglichst frühe Erlernen des Italienischen? Wo fängt das an? Wo hört das auf? Morgen könnten dann Eltern zusätzlich Englischstunden in den Kindergärten fordern! Warum fordert man nicht gleich auch Mathematikstunden und Instrumentalunterricht? In einigen Kindergärten in Deutschland beginnt man sogar, um ein anderes Fach zu nennen, bereits mit Sexualkunde. Und warum: Weil bei diesem Thema, genau so wie beim Thema Mehrsprachigkeit, eine identitätszersetzende Ideologie dahintersteckt! Vor solchen gefährlichen Auswüchsen müssen unsere Kinder geschützt werden! Grundsätzlich steht einer Sprachförderung nichts im Wege. Sie wird ja auch von unserer Seite befürwortet. Die Frage ist nur, wann, wo, wie und in welchem Ausmaß sie wirklich zielführend ist. Ich wiederhole mich: der Kindergarten ist dafür der falsche Ort! Hier sollten Spiel und soziale Begegnungen Raum finden, und keine Fremdsprachexperimente!

Sie verweisen auf Daten zur Sprachkompetenz und auf ein Ungleichgewicht zwischen den Sprachgruppen. Welche Konsequenz ziehen Sie daraus – und wo muss politisch angesetzt werden, damit Zweisprachigkeit im Alltag besser wird, ohne deutsche Einrichtungen umzubauen?

Es sollte tatsächlich zu denken geben, dass die deutsche Volksgruppe in Südtirol die italienische Sprache insgesamt besser beherrscht und auch öfter spricht als die Italiener die deutsche Sprache. Dies obwohl es an den italienischen Schulen insgesamt mehr Deutschstunden gibt als in deutschen Schulen Italienischstunden. Dies zeigt, dass die Italiener ein ganz anderes Verständnis von Muttersprache und Fremdsprache haben als die deutsche Volksgruppe. Die Kinder italienischer Eltern wachsen meist nach wie vor mit der „Siamo-in-Italia“-Mentalität in Südtirol auf. Dies führt dazu, dass die Italiener mit dem Gebrauch der deutschen Sprache in Südtirol äußerst sparsam umgehen. Es kann doch nicht sein, dass wir Südtiroler im Umkehrschluss dann umso besser und umso mehr Italienisch lernen und sprechen sollen! Ein bisschen mehr Selbstbehauptung wäre für uns Südtiroler der deutschen Volksgruppe wieder wünschenswert! Die Politik muss unter anderem, besonders in Südtirol, klar kommunizieren, wie essenziell die deutsche Sprache gerade für den Minderheitenschutz ist. Dass dies jedoch nicht passiert und folglich auch in der Bevölkerung das Bewusstsein dafür schwindet, zeigt nur, wie weit die Assimilierung der Südtiroler bereits fortgeschritten ist und welche Auswüchse es mittlerweile nach sich zieht.

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