von Alexander Wurzer 03.01.2026 09:30 Uhr

Schloss-Sonnenburg-Causa wird international

Die Causa Schloss Sonnenburg ist aus dem Pustertal herausgewachsen. Seit eine große Münchner Tageszeitung unter der Überschrift „Die meisten Italien-Urlauber kennen den Anblick – neuer Name für Südtirol-Schloss erzürnt Gemeinde“ über den Namenswechsel berichtet, ist klar: Was hier passiert, wird nicht mehr nur in St. Lorenzen verhandelt, sondern im ganzen deutschen Sprachraum mitgelesen.

Stolz thront Schloss Sonnenburg bei St. Lorenzen (Bildschirmbild: Google Maps)

Der Merkur erzählt die Geschichte genau so, wie sie auf viele deutsche Leser wirkt: die vertraute Burg über dem Pustertal, ein aufwendig renoviertes Kloster, ein neues Fünf-Sterne-Hotel – und plötzlich steht da nicht mehr „Schloss Sonnenburg“, sondern „Castel Badia“. Der Gemeinderat Dietmar Demichiel nennt das „den faschistischen Namen dieses Kulturdenkmals“, der Bürgermeister Martin Ausserdorfer spricht von „politischer Schaumschlägerei“, Denkmalschützerin Karin Dalla Torre „versteht die Aufregung nicht“ und vermutet, die Betreiber wollten sich mit der Bezeichnung einfach „Aufmerksamkeit“ verschaffen; dazwischen der ehemalige Landtagsabgeordnete der Grünen, Hans Heiss, der von „Auslieferung wichtiger Teile Südtirols an den Luxustourismus“ spricht und davon, dass der traditionelle Name einem „marktgängigen Label“ weiche – so der Merkur.

Wer den ersten Hintergrundtext kennt, weiß: Die Geschichte hinter diesem Label ist alles andere als harmlos. Die faschistische Italianisierung, die tolomeische Toponomastik, die politischen Setzungen hinter „Castel Badia“ – all das ist dokumentiert. Jetzt geht es um etwas anderes: darum, wie selbstverständlich man hierzulande mit dieser Vorgeschichte umgeht. Und darum, dass diese Gedankenlosigkeit inzwischen exportiert wird.

Wenn das Wegwischen mitgedruckt wird

Der Merkur-Artikel hat eine bemerkenswerte Doppelbewegung: Er zeigt sehr klar, wie umstritten der Name ist, zitiert die scharfe Kritik ebenso wie die Warnungen eines ausgewiesenen Experten – und transportiert gleichzeitig die Beruhigungsformel, die man in Südtirol so gut kennt. „Schaumschlägerei.“ „Ich verstehe die Aufregung nicht.“ „Es bleibt ja für Gemeinde und Grundbuch Sonnenburg.“

Genau darin liegt das Problem. Es geht nicht mehr „nur“ darum, dass ein Hotel einen tolomeischen Namen verwendet. Es geht darum, dass die Abwertung der Kritik – das reflexhafte Kleinreden, das Reduzieren auf „Aufmerksamkeit“ – jetzt mitveröffentlicht wird. Die Unart, politisch belastete Namen als Marketingdetail abzutun, steht damit schwarz auf weiß in einem deutschen Massenmedium.

Der Leser in München oder Nürnberg lernt zwei Dinge gleichzeitig: dass „Castel Badia“ historisch heikel ist – und dass zentrale Stimmen vor Ort diese Heikligkeit als übertriebenes Theater abtun. Das ist die eigentliche Blamage.

Politisch belastete Namen sind kein Gag im Tourismusmarketing

Die inhaltliche Frage, ob „Castel Badia“ ein „faschistischer Name“ ist, ist beantwortet. Man kann das bestreiten, man kann es relativieren, man kann es – wie so oft – mit Etymologie zudecken. Aber sie verschwindet nicht. Der Name stammt aus einem Projekt, in dem Toponomastik als Mittel der Machtausübung eingesetzt wurde. Ihn heute als neutrales Lifestyle-Label zu verwenden, ist keine unschuldige Geste.

Die Unart beginnt dort, wo aus dieser Tatsache ein Gag im Tourismusmarketing wird: „Wir brauchen einen Namen, der Aufmerksamkeit bringt“ – und schon steht das tolomeische Kunstprodukt auf der Fassade, während der historische Name in die zweite Reihe rückt. Die Botschaft an die Außenwelt: Entscheidend ist, ob es sich gut verkaufen lässt, nicht, was es bedeutet. Man restauriert die Mauern und tut so, als sei damit auch das Gedächtnis erledigt.

Das Argument „Niemand nimmt uns den Namen Sonnenburg weg“ greift zu kurz

Der Bürgermeister beruhigt: Für Gemeinde, Grundbuch und „öffentliche Bezeichnung“ bleibe es ja bei Sonnenburg, die Aufregung sei überzogen. Diese Trennung ist bequem, aber sie trägt nicht. In der realen Wahrnehmung zählen nicht Grundbuchsauszüge, sondern das, was auf Websites, Buchungsplattformen, Schildern und in Artikeln steht.

Wenn die Marketingmaschine ein „Castel Badia“ millionenfach ausspielt und der historische Name nur noch als Fußnote mitläuft, verändert sich die symbolische Wirklichkeit. Darauf hinzuweisen ist keine Erbsenzählerei, sondern eine schlichte Beschreibung der Macht von Marken. Und genau diese Macht wird im Fall der Sonnenburg mit einem Namen gespeist, der aus einer Zeit stammt, in der man deutsch- und ladinischsprachige Realität unsichtbar machen wollte.

Jetzt sieht man, was sich eingeschlichen hat

Der Wert der Merkur-Berichterstattung liegt darin, dass sie eine Praxis sichtbar macht, die hier längst zur Routine geworden ist. Man greift ohne Zögern zu Formen, die aus der Italianisierungspolitik stammen, verkauft sie als „Veredelung“ und verliert jedes Gespür dafür, dass man damit eine problematische Geschichte normalisiert.

Solange solche Fälle nur in Südtirol verhandelt werden, kann man das als „typische Empfindlichkeit“ abtun. Wenn aber ein deutsches Medium dieselben Zitate abdruckt, ist plötzlich erkennbar, wie sehr sich diese Unart verfestigt hat: belastete Namen werden als Designfragen behandelt, Kritik daran als Provinztheater – und beides wandert unkommentiert in die deutsche Reisepresse.

Die Debatte ist da – jetzt muss man sie führen

Die Schloss-Sonnenburg-Causa ist international geworden. Das Thema ist im Umlauf. Damit ist eine Ausrede endgültig vom Tisch: Man kann nicht mehr so tun, als gehe es nur um ein paar „Hitzköpfe“ im Gemeinderat oder „überempfindliche“ Kulturleute. Die Frage, ob Südtirol politisch vergiftete Namen zu Luxuslabels erhebt, wird jetzt außerhalb des Landes gestellt – und sie wird bleiben.

Wer das ernst nimmt, muss über die Unart reden, die sich hier zeigt: über die Leichtfertigkeit, mit der faschistisch konnotierte Toponyme weiterverwendet werden; über das reflexhafte Wegwischen von Kritik; und über die Kluft zwischen dem Bild einer sensiblen Erinnerungsregion und der Realität vor Ort, wenn es konkret wird.

Die Details, die historischen Linien, die toponomastischen Hintergründe sind offengelegt. Jetzt geht es darum, ob man bereit ist, daraus Konsequenzen zu ziehen – oder ob man akzeptiert, dass „Castel Badia“ zum Symbol dafür wird, wie man es in Südtirol mit der Geschichte hält, sobald ein schönes Logo und ein Fünf-Sterne-Produkt im Spiel sind.

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