Alte Tirolensien neu gelesen (Teil 70)

Die Vielzahl hochrangiger Autorinnen und Autoren von Landespolitik und Wirtschaftskammer bis hin zu renommierten Wissenschaftlern zeigt: Dieses Werk ist keinesfalls nur eine Dokumentation, sondern auch ein Ausdruck gelebter Verantwortung für die ökonomische und gesellschaftliche Weiterentwicklung Tirols. Eine Rezension von Andreas Raffeiner.
Das Buch gliedert sich in drei große Kapitel, die jeweils zentrale Aspekte der Tiroler Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte im Zeitraum von etwa 1950 bis 2000 beleuchten.
Die Wirtschaftskammer Tirol im historischen Wandel
Dieser Abschnitt skizziert den Weg der Tiroler Handelskammer bis hin zur modernen Wirtschaftskammer nach. Im Dreh- und Angelpunkt stehen neben der Interessenvertretung auch die Bildung, die Innovation, die Kulturförderung und die Kunstpolitik. Die Beiträge zeigen auf eindrucksvolle Weise, wie sich die Wirtschaftskammer vom einst administrativen Gremium zu einer aktiven, gestaltenden Institution entwickelte.
Die gewerbliche und industrielle Wirtschaft Tirols (1951–2001)
In diesem Kapitel wird der strukturelle Wandel der Tiroler Wirtschaft sehr detailliert beschrieben: das Gewerbe, das Handwerk, die Industrie, der Handel, der Tourismus, der Verkehr, die Bankenwelt und die Informations- und Kommunikationstechnologien. Die Autorinnen und Autoren bieten sowohl geschichtliche Rückblicke als auch Zukunftsperspektiven – eine wertvolle Kombination, die den Leser tief ins ökonomische Gefüge Tirols eintauchen lässt.
Wirtschaft und Gesellschaft im Umbruch
Der letzte Abschnitt greift die übergeordneten Linien auf und umreißt Tirol als Schnittmenge wirtschaftlicher Entwicklungen. Die Frage nach einer High-Tech-Zukunft wird einer Antwort zugeführt, die Beziehung zu Südtirol wird genauso wie das Spannungsfeld zwischen Tradition und Fortschritt und die demografisch-räumliche Entwicklung gekonnt beschrieben. Besonders interessant ist die Antwort auf die Fragestellung, wie viel Wandel eine Region verträgt, ohne ihre Identität zu verlieren.
Ein Buch, das Verantwortung atmet
Die Zusammenschau der verschiedenartigen Stimmen ergibt ein beeindruckendes Gesamtbild. Jedes Kapitel wirkt engagiert, faktenreich und parallel dazu getragen von Respekt gegenüber den Menschen, die Tirols Wirtschaftsraum geprägt haben. Man spürt den Wunsch der Autoren, sowohl die Geschichte zu ehren als auch den kommenden Generationen Orientierung und Halt zu bieten.
Zwischen Tradition und Innovation
Besonders wertvoll ist die gewissenhafte und sorgfältige Ausgewogenheit zwischen der Bewahrung regionaler Eigenheiten und dem Mut zur technologischen und gesellschaftlichen Öffnung. Tirol erscheint keineswegs als starres, abgeschlossenes Land, sondern als lebendiges System, das sich mit globalen Strömen zu arrangieren weiß.
Ein Werk für Leser, die verstehen wollen
Dieses Buch eignet sich nicht nur für Fachleute, sondern auch für Menschen, die die Historie ihres Heimatlandes im Kontext größerer Entwicklungen verstehen möchten. Die Beiträge regen zum Nachdenken an, ohne belehrend zu wirken. Sie würdigen Tirol als Wirtschafts- und Lebensraum und zeigen, dass Fortschritt und Verwurzelung einander nicht ausschließen müssen.
Fazit
Das vorliegende Buch ist ein würdiger, tiefgründiger und breit gefächerter Sammelband, der die Entwicklung Tirols über ein halbes Jahrhundert hinweg mit großer Akribie und geschichtlicher Verantwortung dokumentiert. Er berührt, weil er keinesfalls nur Zahlen und Fakten liefert, sondern auch den Menschen hinter der Wirtschaftskulisse sichtbar macht.
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Adolf Leidlmair/Wirtschaftskammer Tirol (Hrsg.), Die Tiroler Wirtschaft auf dem Weg ins 21. Jahrhundert. 150 Jahre Wirtschaftskammer Tirol (Tiroler Wirtschaftsstudien, Bd. 50), Innsbruck 2001.






