von Alexander Wurzer 29.11.2025 11:00 Uhr

Wirtschaftsboom ohne Wohlstand: Warum die Südtiroler real ärmer werden

Südtirol erlebt einen bemerkenswerten wirtschaftlichen Aufschwung. Die Zahlen sprechen für sich: Immer mehr Menschen finden Arbeit, und die Bruttojahresentlohnung steigt. Doch unter der Oberfläche dieses Erfolgs gibt es ein Problem, das viele betreffen dürfte. Trotz der positiven wirtschaftlichen Entwicklung zeigt sich ein klarer Widerspruch: Die Kaufkraft sinkt.

Bild: APA/THEMENBILD

Laut ASTAT (Landesinstitut für Statistik) stieg die Zahl der abhängig Beschäftigten in der Privatwirtschaft im Jahr 2023 auf 219.578 – ein Anstieg von 3,0 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Besonders positiv hervorzuheben ist, dass der Großteil dieser Beschäftigten in Vollzeit arbeitet – ein deutliches Zeichen für die Stabilität des Arbeitsmarktes.

Der Tourismus, der Handel, das Handwerk, die Landwirtschaft und die Industrie tragen erheblich zum Wachstum bei, dementsprechend hat auch das Bruttoinlandsprodukt von Südtirol hat in den letzten Jahren kontinuierlich zugelegt. Aber die erfreulichen Zahlen können nicht über die Realität hinwegtäuschen: Die Lebenshaltungskosten steigen. Die Kaufkraft sinkt, was für viele zu einer zunehmenden Belastung wird.

Der stille Verlust der Kaufkraft

Obwohl die Bruttojahresentlohnung in den letzten Jahren gestiegen ist – von durchschnittlich 28.315 Euro im Jahr 2013 auf 32.902 Euro im Jahr 2023 (ein nominaler Anstieg von 16,2 Prozent) – wird dieser Anstieg durch die hohe Inflation mehr als aufgefressen. Zwischen 2013 und 2023 stieg die Inflation in Südtirol um 27 Prozent. Unterm Strich bleibt ein realer Verlust von 8,5 Prozent.

Trotz wachsender Beschäftigung und steigender Löhne bleiben die täglichen Ausgaben für viele eine immer größere Herausforderung. In Städten wie Bozen, wo die Mieten zunehmend in die Höhe schießen, bleibt vielen Südtirolern der wirtschaftliche Aufschwung fremd. Ein wachsendes Ungleichgewicht zwischen den hohen Lebenshaltungskosten und den stagnierenden Reallöhnen könnte langfristig zu einer tiefgehenden sozialen Kluft führen.

Was bedeutet das für Südtirol?

Für Südtirol stellt sich damit eine unangenehme, aber zentrale Frage: Was nützt ein wirtschaftlich erfolgreicher Standort, wenn ein wachsender Teil der Bevölkerung real weniger zur Verfügung hat? Die ASTAT-Zahlen zeigen klar, dass insbesondere klassische Arbeitnehmergruppen – Arbeiter, Angestellte, Saisonkräfte, Jüngere – bei der Kaufkraft verlieren. Das ist nicht nur ein statistischer Befund, sondern eine soziale und politische Baustelle.

In einem Land, das stark von Familienbetrieben, Tourismus, Handwerk und Kleinunternehmen geprägt ist, geht es daher weniger um neue Schlagworte als um konkrete Weichenstellungen: Wie werden Kollektivverträge, territoriale Abkommen oder Betriebsabkommen gestaltet? Welche Geschäftsmodelle werden politisch und finanziell gefördert? Und wie lässt sich ein Wirtschaftsmodell weiterentwickeln, das nicht nur Gäste und Kennzahlen, sondern auch die Lebensrealität der hier lebenden Menschen im Blick hat?

Familienunternehmen, kleinere Betriebe, Start-ups und lokale Produzenten können dabei eine Schlüsselrolle spielen. Sie sind oft näher an ihren Mitarbeitern und an den lokalen Märkten, reagieren sensibler auf Preis- und Lohnentwicklungen und tragen viel zur Stabilität ganzer Täler und Gemeinden bei. Damit sie diesen Beitrag auch in Zukunft leisten können, braucht es Rahmenbedingungen, die Produktivitätsgewinne nicht ausschließlich in steigende Kosten und Margen abfließen lassen, sondern auch in faire Löhne und planbare Einkommen.

Letztlich geht es um eine nüchterne, aber überfällige Kurskorrektur: Weg von der einseitigen Fixierung auf Wachstum und Beschäftigungszahlen, hin zu der Frage, wie sich wirtschaftlicher Erfolg in tatsächlichen Lebensverhältnissen niederschlägt. Ein Standort gilt nicht dann als erfolgreich, wenn die Statistiken glänzen, sondern wenn sich ein Vollzeitjob wieder spürbar in der Geldbörse und im Alltag bemerkbar macht. Genau an diesem Punkt ist Südtirol – bei allen Erfolgszahlen – derzeit sichtbar im Rückstand.

Warum das wichtig ist

Die Frage bleibt: Wer profitiert wirklich vom Wachstum? Während große Sektoren wie der Tourismus und die Industrie boomen, sind es oft Beschäftigte mit geringeren Einkommen und Familienbetriebe, die vom ökonomischen Aufschwung nicht direkt profitieren. Wenn die Kaufkraft sinkt, obwohl die Beschäftigung wächst, zeigt sich ein grundlegendes Problem: Der wirtschaftliche Erfolg wird nicht gerecht verteilt.

Es ist Zeit, die Wirtschaftspolitik neu auszurichten. Es geht nicht nur darum, weiter auf Tourismus und Großunternehmen zu setzen, sondern auch lokale Akteure zu fördern, die für das wirtschaftliche Gleichgewicht und die lokale Identität von entscheidender Bedeutung sind.

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