Gewalt gegen Frauen: Zahl der Hilfegesuche in Südtirol steigt

Im Jahr 2024 wandten sich insgesamt 832 Frauen an die vier Beratungsstellen für Frauen in Gewaltsituationen in Südtirol. Das sind 72 Hilfeersuchen mehr als im Jahr zuvor. 503 Frauen suchten zum ersten Mal Unterstützung, 329 wurden bereits betreut. Damit steigen die Hilfegesuche um 9,5 im Vergleich zu 2023 (760) und um 38,7im Vergleich zu 2022 (600).
Formen der Gewalt
Die erlittene Gewalt ist häufig eine Kombination mehrerer Formen. Am häufigsten tritt psychische Gewalt auf, die 90 Prozent der Frauen betrifft. 66 Prozent berichteten von körperlicher Gewalt. 23 Prozent der Betroffenen meldeten sexuelle Gewalt. In 15 Prozent der Fälle handelt es sich um Stalking und die wirtschaftliche Gewalt nahm gegenüber 2023 um 6,3 Prozent zu.
Psychische Gewalt kommt fast immer in Verbindung mit anderen Gewaltformen vor.
Mehr Leistungen durch Beratungsstellen
Mit den steigenden Hilfeersuchen wuchs auch die Zahl der erbrachten Leistungen der Beratungsstellen: 8,07 Leistungen insgesamt, ein Anstieg von 5,5 Prozent gegenüber 2023. Mehr als die Hälfte (51,6 Prozent) sind telefonische Auskünfte und Beratungen. Die persönlichen Beratungen vor Ort nehmen um 11,4 Prozent zu. Viele Frauen benötigen Unterstützung bei schriftlichen Dokumenten und Rechtsauskünfte.Â
Projekt Erika
Das Projekt Erika unterstützte 2024 61 Frauen, das entspricht 24 mehr als 2023 und 35 mehr als 2022. Die Initiative ermöglicht Gewaltopfern einen vorrangigen Zugang zu den Notaufnahmen der Südtiroler Krankenhäuser.
Wer sucht Hilfe?
Die meisten Frauen, die im vergangenen Jahr den Weg aus der Gewalt finden, sind zwischen 30 und 49 Jahre alt (51 Prozent). Es folgen die Altersgruppe 20 bis 29 Jahre (31 Prozent). Vier Prozent der Betroffenen sind jünger als 19 Jahre, hier ist auch ein Anstieg um einen Prozentpunkt im Vergleich zu 2023 zu sehen. Der Anteil der Frauen zwischen 50 und 59 Jahren steigt von neun auf zehn Prozent. Sieben Prozent der Betroffenen sind über 60 Jahre alt.
Die fünfjährige Altersgruppe mit den meisten Gewaltopfern ist jene der 30- bis 34 mit rund 12,2 Fällen pro 1.000 Einwohnerinnen.
Staatsbürgerschaft der Betroffenen
In den vergangenen Jahren wurden in geschützten Einrichtungen überwiegend ausländische Frauen betreut, während in den Beratungsstellen vorwiegend einheimische Frauen Hilfe suchten. 2024 veränderte sich das Bild: 54 Prozent der Frauen in geschützten Einrichtungen und 64 Prozent der Frauen in Beratungsstellen sind italienische Staatsbürgerinnen.
Täter meist aus dem nahen Umfeld
In 62 Prozent der Fälle ist der Täter der aktuelle Partner. 20 Prozent der Gewalt geht vom ehemaligen Partner aus. In zwölf Prozent der Fälle stammt die Gewalt von anderen Familienmitgliedern oder Verwandten. Nur in einem Prozent der Fälle besteht keine familiäre oder partnerschaftliche Beziehung zwischen Täter und Opfer.
In 44 Prozent der Fälle besitzen sowohl Täter als auch Opfer die italienische Staatsbürgerschaft. Beide sind ausländische Staatsbürger in 32 Prozent der Fälle. In jeweils neun Prozent ist entweder die Frau italienische Staatsbürgerin und der Täter Ausländer oder umgekehrt.
Zugang zu geschützten Einrichtungen
Der Weg in geschützte Einrichtungen erfolgte 2024 in 39 Prozent der Fälle über die Beratungsstellen. 17 Prozent der Frauen wandten sich direkt an die Einrichtungen, 15 Prozent wurden von Sicherheitskräften gemeldet. Elf Prozent der Hinweise stammten von Familienmitgliedern oder Bekannten, neun Prozent von Gesundheitsdiensten und acht Prozent von Sozialdiensten.
Plätze und Unterbringung
Den betroffenen Frauen stehen an geheimen Orten 38 Wohnungen mit insgesamt 106 Betten zur Verfügung, die auch minderjährige Kinder nutzen können.
2024 wurden 135 Frauen in akuten Notsituationen aufgenommen. Das sind 35 als im Jahr 2023. Zusätzlich gab es 57 geplante Aufnahmen. Auch die Zahl der aufgenommenen minderjährigen Kinder stieg: 130 im Notfall (2023: 83) und 81 bei geplanten Aufnahmen (2023: 69).
Die Aufenthaltsdauer reichte von wenigen Tagen bis zu mehr als einem Jahr. Die maximale Aufenthaltszeit beträgt 180 Tage und kann bei Bedarf verlängert werden.
Leistungen in geschützten Einrichtungen
90 Prozent der Leistungen für untergebrachte Frauen wurden direkt in der Einrichtung erbracht. Am häufigsten waren persönliche Beratungen (36 Prozent). Auch nach der Entlassung erhielten Frauen vor allem persönliche Beratungen und Hilfe bei der Erstellung von Schriftstücken (46 Prozent).
Wohin gehen die Frauen nach der Entlassung?
Ein Viertel der entlassenen Frauen kehrte 2024 in die frühere Wohnung und damit zum Gewalttäter zurück. 24 Prozent fanden eine neue Mietunterkunft. 14 Prozent gingen vorübergehend zu Verwandten oder Bekannten. Dieses Ergebnis steht im Zusammenhang mit der verstärkten Zusammenarbeit innerhalb des Anti-Gewalt-Netzwerks.
Netzwerk gegen Gewalt
Ein funktionierendes Unterstützungsnetz ist entscheidend, um Betroffenen den Zugang zu Hilfe zu ermöglichen. 2024 gab es insgesamt 12.333 Kontakte zwischen den beteiligten Stellen, das sind 240 mehr als 2023.






