Wolf und Bär: Die aktuelle Lage

In Südtirol leben deutlich mehr Wölfe als noch vor einigen Jahren. Laut dem Forstdienst Südtirol wurden im Agrar- und Forstbericht 2023 genau drei Bären und 39 Wölfe genetisch nachgewiesen, wahrscheinlich waren aber mindestens 78 Wölfe im Land unterwegs. Diese Wölfe sind nicht alle Einzeltäter. Wie das Amt für Wildtiermanagement berichtet, konnten sieben Wolfsrudel bestätigt werden, drei davon haben ihr Hauptgebiet in Südtirol, vier Rudel teilen sich Reviere mit den Nachbarprovinzen. Â
Beim Bären ist es anders. Südtirol hat keine eigene feste Bärenpopulation. Laut dem Forstdienst Südtirol handelt es sich um einzelne männliche Bären aus Welschtirol, die zeitweise über die Grenze wandern. Â
Nord- und Osttirol gehören beide zum österreichischen Bundesland Tirol. Dort wurden laut dem Land Tirol im Jahresbericht über grosse Beutegreifer für 2023 insgesamt 26 verschiedene Wölfe genetisch nachgewiesen. Für das Jahr 2024 nennt derselbe Bericht 23 Wölfe. Â
Die Risse und Sichtungen zeigen dabei, dass Wölfe inzwischen in allen Tiroler Bezirken vorkommen. Darüber berichtet der Sender ORF Tirol, der den Jahresbericht 2024 zusammenfasst. Auch Tirol hat keine eigene Bärenpopulation. Laut dem Land Tirol wurden 2023 Spuren von drei verschiedenen Bären gefunden, die nur kurze Zeit im Land blieben. Â
Warum es zu Konflikten kommt
Die größten Konflikte drehen sich um die Almwirtschaft. Schafe, Ziegen und manchmal auch Rinder werden von Wölfen gerissen, vor allem im Sommer auf weitläufigen Hochalmen.
Im Agrar und Forstbericht 2023 nennt der Forstdienst Südtirol für das Jahr 2023 Entschädigungen von knapp 100.000 Euro für Schäden durch Wölfe und rund 8.000 Euro für Schäden durch Bären. Der Forstdienst schreibt dazu, dass Wölfe damit etwa den zehnfachen Schaden der Bären verursacht haben. Â
In Tirol ist die Lage ähnlich. Laut dem Jahresbericht des Landes wurden im Jahr 2023 deutlich mehr als hundert Schafe und andere Weidetiere von Wölfen getötet. Die Tiroler Landesregierung spricht in ihren Mitteilungen von insgesamt deutlich über hundertachtzig gerissenen Tieren im Jahr 2023. Â
Für die betroffenen Bauern bedeutet das mehr Arbeit, mehr Kosten und viel Frust. In Medienberichten aus Osttirol erzählen Bauern, dass sie Almen vorzeitig räumen mussten, weil sie Angst um ihre Herden hatten. Auch die Tiroler Bauernvertretung weist immer wieder darauf hin, dass gerade kleinere Betriebe an die Grenzen kommen.Â
Bären verursachen insgesamt weniger Schäden, weil sie viel seltener auftauchen. Wenn ein Bär aber in ein Gebiet kommt, kann er ebenfalls Schafe, junge Rinder oder Bienenstöcke angreifen. Direkte Angriffe auf Menschen hat es in Süd-, Nord- und Osttirol bisher nicht gegeben. Die Stimmung wird aber auch von einem Ereignis im nahen Welschtirol geprägt. Dort hat eine Bärin im April 2023 einen Jogger im Val di Sole tödlich verletzt.Â
Was Südtirol unternimmt
Südtirol setzt zuerst auf genaue Beobachtung. Laut dem Forstdienst werden Spuren wie Losung, Haare oder Speichel an gerissenen Tieren gesammelt und im Labor untersucht. So könne man erkennen, welches Tier wo unterwegs war und ob es schon früher Schäden verursacht hat. Beim Schutz der Herden fördert das Land Zäune, Nachtpferche und Hunde. In Mitteilungen der Landesverwaltung heisst es, dass die Bauern finanzielle Unterstützung bekommen, wenn sie zum heißt es Elektrozäune kaufen oder Hirten anstellen. Â
Trotzdem sieht die Politik im Wolf ein wachsendes Problem. Der Südtiroler Agrarlandesrat Luis Walcher sagt im Agrar und Forstbericht 2023, dass das Land daran arbeitet, den Schutzstatus der Wölfe zu senken. Â
Seit 2023 gibt es ein eigenes Landesgesetz, das in bestimmten Weidegebieten die Entnahme von Wölfen erlaubt. Voraussetzung ist ein Gutachten der staatlichen Umweltbehörde Ispra.
Was das Land Tirol tut
Auch Tirol beobachtet Wolf und Bär sehr genau. Laut dem Land Tirol erstellt das Österreich Zentrum Bär Wolf Luchs jedes Jahr einen ausführlichen Bericht über grosse Beutegreifer im Land. Darin werden alle genetischen Nachweise, Risse und alle bekannten Informationen gesammelt. Â
Beim Herdenschutz setzt Tirol stark auf Elektrozäune, Nachtpferche und mehr Hirten. Die Landesregierung berichtet, dass es mehrere Pilotalmen gab, auf denen Schafe im Sommer streng geschützt wurden. Auf diesen Almen gab es laut Land Tirol keine Risse durch Wolf oder Bär, die Kosten pro Schaf lagen aber deutlich über den üblichen Kosten. Ein zweiter Baustein ist die Entnahme von sogenannten Schadwölfen. Laut Mitteilungen des Landes Tirol können Wölfe per Verordnung freigegeben werden, wenn sie trotz Schutzmassnahmen immer wieder Tiere reissen oder sich auffällig nahe an Siedlungen aufhalten.
Bei Bären geht Tirol derzeit noch vorsichtiger vor. Als 2025 ein Bär im Tiroler Oberland mehrere Nutztiere riss, setzte die Landesregierung laut ihren Mitteilungen auf Vergrämung und Besenderung, also auf Abschreckung und Überwachung, nicht sofort auf Tötung. Â
Welche Regeln im Hintergrund gelten
Sowohl Wolf als auch Bär sind in Europa streng geschützt. Grundlage sind internationale Abkommen wie die Berner Konvention und die Natur Schutz Richtlinie der Europäischen Union. Abschüsse sind nur als Ausnahme erlaubt, zum Beispiel bei Gefahr für Menschen oder bei sehr grossen Schäden, wenn andere Lösungen nicht ausreichen. In Österreich haben die Bundesländer ihre Jagdgesetze so geändert, dass sie solche Ausnahmen selbst regeln können. Laut Medienberichten hat das österreichische Höchstgericht den Weg über Verordnungen in Tirol im Grundsatz bestätigt, solange die strengen Kriterien erfüllt sind. Â
In Italien war der Spielraum lange kleiner. Laut Berichten aus Rom und Bozen hat das italienische Parlament aber Regeln beschlossen, nach denen die Regionen und autonomen Provinzen unter strengen Auflagen eine bestimmte Anzahl von Wölfen entnehmen dürfen, wenn der Gesamtbestand stabil bleibt. Â
Auf internationaler Ebene hat sich ebenfalls etwas bewegt. Wie mehrere Zeitungen berichten, haben die Staaten der Berner Konvention 2023 beschlossen, den Wolf nicht mehr als streng geschützt, sondern als geschützt zu führen. Die Europäische Kommission arbeitet nun daran, die eigenen Regeln anzupassen. Dadurch könnten Abschüsse etwas leichter werden, die Art bleibt aber weiterhin geschützt. Â
Was die Menschen dazu sagen
Laut dem Landesinstitut für Statistik (ASTAT) bewerten 72 Prozent der Südtiroler die Rückkehr des Wolfes negativ und 77 Prozent die Rückkehr des Bären. In dem Bericht heißt es weiter, dass eine sehr grosse Mehrheit der Befragten dafür ist, dass Wölfe und Bären entnommen werden dürfen, wenn sie sich Menschen oder Siedlungen stark nähern oder wiederholt grosse Schäden anrichten. Die meisten Befragten finden zudem, dass der Schutz der Almweiden mit frei weidenden Tieren Vorrang vor einem völligen Schutz der Grossraubtiere haben soll. Â
Viele Menschen geben in der Umfrage an, dass sie ihr Verhalten in der Natur geändert haben. Laut ASTAT meiden manche bestimmte Wege oder gehen nicht mehr gerne allein in Wälder, in denen Wölfe oder Bären gemeldet wurden. Â
Naturschutzorganisationen sehen die Lage teilweise anders. Der WWF und andere Verbände erinnern in Stellungnahmen daran, dass Wolf und Bär ursprünglich in den Alpen heimisch waren und eine wichtige Rolle im Natur Gleichgewicht spielen. Sie fordern mehr Herdenschutz, mehr Aufklärung und warnen davor, die Bestände zu stark zu reduzieren. In Tirol ist die Stimmung ähnlich. Laut dem Tiroler Bauernbund und Berichten regionaler Medien fühlen sich viele Bauern alleingelassen und unterstützen den Kurs mit Abschussverordnungen. Tierschutzvereine gehen dagegen immer wieder juristisch gegen einzelne Verordnungen vor. Â
Ausblick
Die Recherche zeigt, dass Wolf und Bär fester Teil der Bergwelt sind. Die Zahlen aus Forstberichten und Landesstatistiken belegen, dass die Bestände wachsen oder sich zumindest stabil halten. Gleichzeitig sind die Konflikte real. Bauern verlieren Tiere, viele Menschen haben Angst oder fühlen sich unsicher. Dir Länder versuchen, beides zusammenzubringen: Schutz der Tiere und Schutz der Almwirtschaft.
Laut den Landesregierungen sollen mehr Zäune, mehr Hirten und besser ausgebildete Hunde helfen, die Zahl der Risse zu senken. Wo das nicht reicht, setzen sowohl Südtirol als auch Tirol auf die gezielte Entnahme einzelner Wölfe. Â
Wie gut dieser Weg funktioniert, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Klar ist schon jetzt: Das Thema Wolf und Bär wird die Politik noch lange beschäftigen.






