Alte Tirolensien neu gelesen (Teil 68)

Das Werk verbindet damit Familiengeschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte zu einem Gesamtbild, das exemplarisch für den frühneuzeitlichen und neuzeitlichen Wandel im Alpenraum steht. Eine Rezension von Andreas Raffeiner.
Beeindruckend und quellengesättigt
Die Autorin Erika Kustatscher legt mit diesem Band der bekannten Schlern-Schriften ein beeindruckend tiefes und parallel dazu quellengesättigtes Panorama einer Tiroler Familie vor, deren Geschichte sich über fast sechs Jahrhunderte erstreckt. Ihr Werk Die Staffler von Siffian ist weit mehr als eine bloße Familienchronik: Es handelt sich um eine präzise mikrohistorische Studie, die beispielhaft das Spannungsfeld zwischen bäuerlicher Tradition, sozialem Wandel und dem Entstehen bürgerlicher Identität im Tirol der Vormoderne und Moderne sichtbar macht.
Methodisch reflektiert und herausfordernd
Das Buch besticht durch seine methodische Reflexion. Schon die Einführung überzeugt durch eine klare Abgrenzung des Forschungsgegenstandes und eine transparente Darbietung der Quellenlage, die angesichts des langen Zeitmaßes eine Herausforderung darstellt. Die Verfasserin schöpft aus Urbaren, Inventaren, gerichtlichen und kirchlichen Akten und Dokumenten, aber auch aus genealogischen Überlieferungen – und macht dadurch geschichtliche Entwicklungen tastbar.
Enge Verflechtung von Wirtschaft, Genealogie und Sozialgeschichte
Besonders zu unterstreichen ist der große Mittelteil, in dem Kustatscher wirtschaftliche, genealogische und sozialhistorische Aspekte des bäuerlichen Lebens am Ritten sehr genau und beinahe minutiös untersucht. Die Inventare des Stafflerhofes (1651, 1811) gehören zu den beeindruckendsten Abschnitten des Werkes, zumal sie einen seltenen Blick in materielle Kultur, Alltagspraktiken und Lebensstandards über mehrere Epochen hinweg gewähren.
Vom ländlichen Ritten ins städtische Bozen
Im letzten Teil wendet sich die zu besprechende Studie dem durchaus beachtenswerten Übergang der Familie in die städtische Welt Bozens zu. Die Entwicklungshistorie vom bäuerlich-ländlichen Besitz hin zum Wirtshaus „Zum Schwarzen Greifen“, in späterer Folge zum Hotelgewerbe, wird von der Autorin ebenso sorgfältig dargestellt wie die wachsende öffentliche und wirtschaftliche Verpflichtung einzelner Familienmitglieder. Der Aufstieg der „Greifenwirte“ bildet einen mehr als anschaulichen und allgemein verständlichen Spiegel der Urbanisierung und Modernisierung im 19. Jahrhundert.
Sachlich und wissenschaftlich
Rein stilistisch bleibt Kustatscher immer sachlich, klar und wissenschaftlich fundiert, ohne die Lesbarkeit aus den Augen zu verlieren. Die üppige Ausstattung mit Tabellen, genealogischen Übersichten und einem umfassenden Personen- und Ortsindex macht die vorliegende Publikation darüber hinaus zu einem wegweisenden Nachschlagewerk, das sowohl Fachhistoriker als auch regionalgeschichtlich Interessierten dient.
Fazit
Das zu rezensierende Buch Die Staffler von Siffian ist ein großartiges Beispiel für ein gelungenes Werk, dass sich mit regional-, familien- und sozialhistorischen Themenfeldern beschäftigt. Es verknüpft akribische Forschung mit einem großen erzählerischen Atem und zeigt auf höchst eindrucksvolle Art und Weise, wie sich aus der Sicht einer einzelnen Familie die geschichtlichen Wandlungsprozesse Tirols herausfinden lassen. Kurzum ist es ein würdiges und auch substantielles Werk, das seinen Platz in der Reihe der bekannten Schlern-Schriften mehr als verdient.
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Erika Kustatscher. Die Staffler von Siffian. Eine Rittner Familie zwischen Bauerntum und Bürgertum (1334 – 1914) (Schlern-Schriften, Bd. 291) Innsbruck 1992.






