von mmh 15.10.2025 12:21 Uhr

Tiroler Physiker droht mit Rückgabe von EU-Millionenförderung

Die Förderpreise des Europäischen Forschungsrats (ERC) sind heiß begehrt. Im beinharten Wettbewerb vergeben und mit bis zu 2,5 Mio. Euro dotiert, gelten sie als Maßstab für internationale Spitzenforschung – für die Preisträger und die Einrichtung, wo sie tätig sind. Nun will der Quantenphysiker Hanns-Christoph Nägerl von der Uni Innsbruck seinen 2,5 Mio. Euro schweren, im Juni zuerkannten „Advanced Grant“ zurücklegen. Grund: „Es fehlt mir die Unterstützung des Rektorats.“

APA/EXPA/JAKOB GRUBER

Der Innsbrucker Quantenphysiker Hanns-Christoph Nägerl (58) zählt zu den höchstdekorierten Wissenschaftern Österreichs. Der gebürtige Deutsche erhielt den Start- und Wittgenstein-Preis des Wissenschaftsfonds FWF (2003 und 2017) sowie mehrere Auszeichnungen des Europäischen Forschungsrats (ERC) – zuletzt im Juni seinen zweiten Advanced Grant. Nun aber denkt Nägerl darüber nach, diesen Preis zurückzulegen.

Konflikt mit der Universität Innsbruck

„Ich bin kurz davor, das hinzuschmeißen“, sagte Nägerl im Gespräch mit der APA. Grund ist ein Streit mit dem Rektorat der Universität Innsbruck über seine Anstellung nach dem Pensionsalter. Der Physiker wollte im Gegenzug für die ERC-Förderung von 2,5 Millionen Euro eine Verlängerung seiner Tätigkeit über das 65. Lebensjahr hinaus sowie zwei zusätzliche Stellen für sein Team.
Die Universität bot ihm laut Nägerl lediglich eine Doktorandenstelle und eine moderate Gehaltserhöhung – für ihn „inakzeptabel“.

Sonderstatus sorgt für Probleme

Nägerl beschreibt seine Position als rechtlich kompliziert: Er sei kein berufener Professor, sondern ein Beamter auf einer außerordentlichen Professur, dessen Stelle nicht ruhegenussfähig ist. Damit muss er mit 65 in Pension. Eine Verlängerung über das Pensionsalter hinaus sei laut Rektorat gesetzlich nicht mehr möglich.
„Die Anstellung von Universitätsprofessorinnen und -professoren endet mit dem 65. Lebensjahr“, heißt es in einer Stellungnahme.

Nägerl hält das für falsch. Früher seien Emeritierungen üblich gewesen, bei denen Professoren noch drei Jahre über die Pension hinaus arbeiten durften. „Kollegen wie Rainer Blatt und Peter Zoller waren in dieser Zeit noch extrem produktiv“, betont der Physiker. Auch finanziell sei die derzeitige Regelung problematisch, da österreichische Professoren im Ruhestand deutlich weniger Pension erhielten als ihre deutschen Kollegen.

Projekt mit Millionenförderung gefährdet

Besonders kritisch sieht Nägerl, dass sein laufendes ERC-Projekt durch die Pensionierung gefährdet wäre. „Ich kann nicht eine Quantengasmaschine aufbauen, um sie dann nach zwei Jahren stillzulegen. Das ist weder den Steuerzahlern noch meinen Mitarbeitern gegenüber vertretbar.“
Seine Doktoranden bräuchten Planungssicherheit, betont er.

Rektorat verweist auf finanzielle Grenzen

Rektorin Veronika Sexl weist die Vorwürfe zurück: Nägerls Forderungen „übersteigen den finanziellen Umfang der Förderung deutlich“. Er zähle bereits zu den Top-Verdienern der Universität, die Rahmenbedingungen seien „hervorragend“. Man habe das Angebot zuletzt „im vertretbaren Rahmen erhöht“, die Mittel seien jedoch begrenzt.

Das Rektorat betont, man habe „alles versucht, um Nägerl zum Verbleib zu bewegen“. Sollte er den ERC-Grant tatsächlich zurücklegen, wäre das ein bisher einzigartiger Fall in Österreich. Der Europäische Forschungsrat teilte auf Anfrage mit, keine vergleichbaren Fälle zu kennen.
Da ERC-Grants an andere Institutionen mitgenommen werden können, könnte Nägerl seine Forschung theoretisch auch an eine andere Universität im In- oder Ausland verlegen.

UT24/apa

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