Strom und Heizung: Schockwinter droht

Es klingt nach Entlastung, ist in Wahrheit aber nur ein schwacher Trost: Die Regulierungsbehörde ARERA senkt im letzten Quartal 2025 die Stromtarife um 7,6 Prozent. Doch die Jahresbilanz fällt ernüchternd aus. Trotz dieser Korrektur bleiben die Stromkosten für viele Haushalte hoch – zu hoch.
Nach Berechnungen der Verbraucherorganisation Assoutenti mussten vor allem schutzbedürftige Kunden, die weiterhin unter das regulierte Tarifsystem „Servizio di Tutele Graduali“ fallen, im Jahr 2025 rund 22 Prozent mehr zahlen als im Vorjahr.
Die vielzitierte Entlastung kommt spät und zu zaghaft. In den ohnehin strapazierten Haushaltskassen vieler Familien hinterlässt das Energiejahr 2025 tiefe Spuren.
Ein teures Jahr für die Schwächsten
Seit dem Ende des geschützten Marktes („Servizio di Maggior Tutela“) im Jahr 2024 gilt für den Großteil der Stromkunden der freie Markt. Nur wer als schutzbedürftig gilt – also etwa ein geringes Einkommen hat, über 75 Jahre alt ist, eine anerkannte Behinderung oder Anspruch auf den Bonus Sociale hat –, darf weiterhin im regulierten Tarifmodell bleiben.
Doch auch dort wird Strom spürbar teurer. Laut Assoutenti stieg die durchschnittliche Jahresrechnung 2025 auf 608,70 Euro, nachdem sie 2024 noch bei 498,10 Euro gelegen hatte. Das entspricht einer Mehrbelastung von 110,60 Euro – oder eben 22,2 Prozent.
„Die Preiswelle ist nicht gebrochen“, sagt Assoutenti-Präsident Gabriele Melluso. Die Senkung im Schlussquartal sei kaum mehr als ein symbolischer Schritt – ein „Trostpflaster“ für Haushalte, die längst an der Grenze ihrer finanziellen Belastbarkeit leben.
Südtirol könnte eine eigene Regulierungsbehörde schaffen - das Land zaudert
Auch Südtirol bleibt von dieser Entwicklung nicht verschont, denn die zentralen Instrumente der Preisgestaltung werden weiterhin in Rom gehalten.
Vor diesem Hintergrund haben die Handelskammer Bozen und der Südtiroler Energieverband (SEV) ein Rechtsgutachten bei den Professoren Peter Hilpold (Universität Innsbruck) und Paolo Piva (Universität Padua) in Auftrag gegeben. Das Gutachten kommt zu einem klaren Schluss: Südtirol kann eine eigene Energie-Regulierungsbehörde errichten – ausgestattet mit Tarif- und Aufsichtskompetenzen, Transparenzpflichten und sozialer Ausrichtung.
Eine solche Institution könnte lokale Preisbremsen, Sozialtarife und gezielte Eingriffe bei Preisspitzen ermöglichen – Instrumente, die es in volatilen Energiemärkten dringend braucht.
Doch bislang bleibt es bei Konzepten: Der politische Wille auf Landesebene fehlt. Landeshauptmann Arno Kompatscher zögert und gibt sich gegenüber dem Projekt zurückhaltend.
Fakt ist: Die juristische Machbarkeit für eine solche Behörde ist laut Gutachten gegeben. Aber bis sie Realität wird, bleibt Südtirol Preisnehmer – und die Landespolitik Zuschauerin in einem Markt, dessen Regeln anderswo geschrieben werden.
Gas als unkalkulierbares Risiko
Während sich die Strompreise leicht beruhigen, zieht am Gasmarkt ein neuer Sturm auf. Denn Gas bleibt in Europa der marktbestimmende Faktor für die Preisbildung im Stromsektor. Steigt der Gaspreis, ziehen auch die Stromkosten nach – unabhängig davon, ob der Strom aus Wasserkraft, Wind oder Photovoltaik stammt.
Mit Beginn der Heizsaison wächst die Nachfrage, die Speicher werden aufgefüllt, die Märkte reagieren nervös. Schon in den vergangenen Wintern haben Spekulationen, Lieferengpässe und politische Unsicherheiten zu massiven Preissprüngen geführt.
Zusätzlichen Druck bringt das neue Energieabkommen zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten, das die Mitgliedsstaaten verpflichtet, bis 2028 amerikanisches Flüssiggas, Erdöl und weitere Energieprodukte im Wert von 750 Milliarden Dollar abzunehmen. Diese langfristigen Abnahmeverpflichtungen sichern zwar die Versorgung, schwächen aber den Wettbewerb – und könnten die Preise auf dauerhaft hohem Niveau halten.
Die Folgen treffen nicht nur Gaskunden: Über die Preisbindung an Gas schlagen die Kosten unmittelbar auf Stromtarife, Fernwärme und Industriepreise durch.
Für viele Haushalte verheißt das wenig Gutes. Ein teurer, womöglich frostiger Winter steht bevor – mit Spesen, die das Budget zahlreicher Familien erneut ins Wanken bringen dürften. Und während die Preise vom Gasmarkt diktiert werden, fehlt bislang jede lokale Instanz, die eingreifen könnte.
Ein Winter mit Schattenseiten
Die Senkung der Stromtarife wirkt auf den ersten Blick wie eine Entlastung – in Wahrheit verdeckt sie nur, wie hoch die Grundkosten inzwischen liegen. Für viele Haushalte ist die Energiefrage längst zur sozialen Frage geworden.
Die sowieso schon knappen Budgets vieler Familien lassen kaum Spielraum für weitere Belastungen. Wenn nun auch beim Gas neue Preisspitzen drohen, könnte der kommende Winter zum Schockwinter werden.
Südtirol hätte die Möglichkeit, gegenzusteuern – durch eigene Kontrolle, faire Tarife und soziale Verantwortung. Doch solange die Politik zaudert, bleiben die Verbraucher allein mit der nächsten Rechnung.






