Tiroler Dialekte im Wandel: Zwischen Tradition und neuen Einflüssen

Dialekt bleibt lebendig – aber er verändert sich
Von einem „Verschwinden“ kann keine Rede sein: Noch immer wird Dialekt in Nord-, Süd- und Osttirol aktiv gesprochen und an die nächste Generation weitergegeben. Doch die Sprache passt sich an. Viele Jugendliche verwenden nicht mehr alle Begriffe, die für ihre Eltern oder Großeltern selbstverständlich waren. Manche Dialektwörter geraten schlicht in Vergessenheit, weil sie im Alltag kaum noch gebraucht werden.
Eine wichtige Rolle spielen die sozialen Medien. Auf TikTok, Instagram oder YouTube ist Hochdeutsch oder Englisch Standard. Diese Einflüsse prägen den Wortschatz der jungen Leute – und führen dazu, dass sie englische oder hochdeutsche Ausdrücke in ihren Dialekt einbauen. So entsteht eine Art „Mischsprache“, die zugleich vertraut und neu klingt.
Jugendsprache trifft Mundart
Typisch für junge Leute ist heute eine Kombination aus Tiroler Dialekt, Jugendsprache und englischen Floskeln. Der Dialekt dient also weiterhin als Grundlage, wird aber mit modischen Ausdrücken überlagert.
Um diese Entwicklungen besser einzuordnen, hat UT24 mit dem Sprachwissenschaftler Cristian Kollmann gesprochen. Er forscht seit vielen Jahren zum Thema Dialekt und Sprachwandel.
Herr Kollmann, hat sich der Tiroler Dialekt in den letzten Jahrzehnten verändert?
Ja. Der Tiroler Dialekt – oder besser gesagt: die Tiroler Dialekte – haben sich schon immer verändert, so wie jeder andere Dialekt auch. Das ist ein zeitgemäßes Phänomen. Dialekt hat sich immer verändert, Sprachen haben sich immer verändert. Aber es kommt auf die Geschwindigkeit an: Im Vergleich zu früher finden die Veränderungen in den letzten Jahren in sehr rasantem Tempo statt. Das ist der große Unterschied. Und die Gründe liegen ja auf der Hand: Das hat zum einen mit der steigenden Mobilität zu tun, zum anderen mit der zunehmenden Migration und natürlich auch mit dem Internet. Das sind die wichtigsten Faktoren, die zu dieser rasanten Veränderung beigetragen haben.
Das merkt man daran, dass es immer weniger typische Formen von Dialekten gibt. Früher gab es von Ort zu Ort einen unverkennbaren Dialekt, den man an der Intonation – also an der Satzmelodie – erkannte, besonders auch an einzelnen ortstypischen Kennwörtern. Diese verschwinden mehr und mehr. So entstehen Regiolekte, man könnte auch Umgangssprache dazu sagen. Dabei handelt es sich nicht um die Schriftsprache, sondern um ein Deutsch mit regionaler Färbung. Zwar gibt es noch viele dialektale Einsprengsel, aber es sind nicht mehr diese ortstypischen Dialekte – diese gehen verloren. Da kann ich auch gerne Beispiele nennen. Das betrifft den gesamten Wortschatz, nicht nur Wörter, die verschwinden, weil es die Begriffe oder Gegenstände nicht mehr gibt – etwa aus der bäuerlichen Welt –, sondern auch Wörter, deren Inhalt noch existiert.
Zum Beispiel die Wochentage: Gerade im Tiroler Dialekt, der ja zur bayerischen Dialektfamilie gehört, war es typisch, für Dienstag und Donnerstag die Wörter „Erta“ und „Pfinzta“ zu verwenden. Diese Wochentagsbezeichnungen werden kaum noch gebraucht. Ich verwende diese Begriffe natürlich bewusst, aber sie verschwinden mehr und mehr. Oder auch Verwandtschaftsbezeichnungen wie „Vetter“ für den Onkel: Früher hat im Dialekt niemand „Onkel“ gesagt. Solche Phänomene gibt es erst in der letzten Generation – dass auch Wörter verschwinden, für die es das Bezeichnete noch gibt, also die Gegenstände.
Wir hören oft, dass Jugendliche Dialekt mit Jugendsprache und Englisch mischen – ist das Ihrer Meinung nach ein Zeichen für Verfall oder für Weiterentwicklung?
Für den Dialekt ist das keine Weiterentwicklung. Wenn man etwas Fremdes in die eigene Sprache aufnimmt, geht das natürlich auf Kosten des Eigenen. Durch neue Begriffe – in diesem Fall sind es Anglizismen – werden deutsche Begriffe nicht mehr verwendet, obwohl es sie eigentlich gibt. Oder man macht sich nicht einmal mehr die Mühe, sie zu übersetzen. Früher wurde noch ziemlich alles ins Deutsche übersetzt, auch wenn neue Begriffe dazukamen. Das macht man heute leider nicht mehr – zum Beispiel in der Computersprache, aber auch sonst bemüht man sich nicht mehr, deutsche Begriffe zu verwenden, obwohl sie eindeutig existieren. Ein Beispiel aus Deutschland wäre, dass viele nicht mehr „Flughafen“ sagen, sondern „Airport“. Also Fälle, in denen es klare deutsche Begriffe gibt. Das ist schon eine Verarmung, sowohl für den Dialekt als auch für die deutsche Sprache.
Warum ist Dialekt für die Tiroler Identität so wichtig?
Dialekt ist ein primäres Identifikationsmerkmal oder ein Identifikationsinstrument. Es gibt die Bräuche, es gibt die Kultur, es gibt die Architektur, es gibt die Naturlandschaft, die Kulturlandschaft – aber der Dialekt ist ein wirklich primäres Merkmal einer Volksgruppe. Über den Dialekt läuft primär die Identifizierung einer Gemeinschaft. Er ist das verbindende Glied, das wichtigste Bindeglied einer Gemeinschaft, die sich zusammengehörig fühlt.
Blick in die Zukunft
Ob alte Wörter verschwinden oder in Dialekt-Lexika und auf Theaterbühnen weiterleben, hängt letztlich davon ab, welchen Stellenwert jeder Einzelne der eigenen sprachlichen Tradition beimisst. Wie man die aktuellen Veränderungen empfindet – als Verlust, Bereicherung oder einfach als natürlichen Wandel – bleibt eine persönliche Einschätzung.
Offen ist, ob die heutige Mischform einmal als neue Variante des Tiroler Dialekts gelten wird. Sicher ist jedoch: Der Dialekt bleibt ein prägender Teil der Tiroler Identität, unabhängig davon, wie er sich weiterentwickelt.






