Sogar das Trinken aus der Abortschüssel verwehrt

Bozen, am 8.9.1961
Lieber Herr Dr. Magnago!
Nachfolgend möchte ich Ihnen mitteilen wie ich von den Karabinieri in Meran behandelt wurde. Wenn ich es nicht selbst mitgemacht hätte, hätte ich nie geglaubt daß Menschen gegen Menschen so brutal vorgehen können.
Am 15. Juli abends wurde ich von zwei Karabinieri in Zivil von zu Hause abgeholt. Man sagte wegen Informationen, das merkte ich sogleich, denn als ich vom Auto ausstieg wurde ich gleich mit Fußtritten in die Kaserne hineingestoßen. Die erste Nacht war noch die beste. Ich mußte im Gang des ersten Stockes bis in der Früh Habtachtstehen, und wenn ich mich auch nur ein bißchen bewegte, wurde ich von einem Posten mit dem Gewehrkolben geschlagen. Arme, Füße und Rücken schmerzten so stark, daß es mir den kalten Schweiß hertrieb. In den Zimmern nebenan hörte ich dauernd Personen schreien und stöhnen vor Schmerz. Im Ganzen mußte ich zwei Tage und drei Nächte strammstehen ohne etwas zu Essen, Trinken und zu Schlafen. In dieser Zeit wurde ich ungefähr fünfzehnmal verhört und dabei mißhandelt.
Wie lange ich bewußtlos war weiß ich nicht, als ich wieder zu mir kam war ich ganz naß weil man mich mit Wasser überschüttete. Öfters mußte ich stundenlang vor brennende Scheinwerfer stehen und hineinschauen bis mir der Schweiß herunterrann und die Augen furchtbar schmerzten.
Man zog mich an den Ohren und riß mir Haare büschelweise vom Kopf. Dann mußte ich wieder einmal die Schuhe ausziehen und sollte barfuß auf einen glühenden Kocher stehen, im letzten Augenblick riß man mich dann doch weg. Zweimal mußte ich zirka eineinhalb Stunden ohne Schuhe auf den Zehen, mit den Fersen in der Höhe, an der Wand stramm stehen. Der Rücken mußte glatt an der Mauer angehen, kaum, daß ich mich rührte oder mit den Zehenspitzen etwas herausrutschte, so schlug mich ein Karabiniere, der vor mir stand, mit dem Gewehrkolben auf die Zehen oder auf den Körper. Einmal mußte ich so im Gang stehen und ein andersmal stellte man mir noch eine Lampe vor die Nase. Die Füße waren mir bis zu den Knien lahm, beidesmal wurde ich verprügelt.
Es war in der dritten Nacht, ich war am Ende meiner Kraft und völlig willenlos. Dazu hatte ich noch einen fürchterlichen Durst. Öfters bat ich um etwas Wasser zum Trinken, meistens wurde es mir verweigert, oder man ließ mir vor meiner Nase Wasser von einer Flasche ins Trinkglas rinnen und als ich gierig danach greifen wollte, riß man es wieder weg und verhöhnte und verspottete mich.
Ein anderer Mann bat etliche Male um seine Notdurft verrichten gehen zu dürfen, als es ihm nach langer Zeit endlich bewilligt wurde, konnte er sich vor Durst nicht mehr halten, zog an der Wasserspülung und schöpfte mit den Händen Wasser aus der stinkenden Abortschüssel zum Trinken.
Ein Karabiniere verwehrte ihm auch das noch und schlug ihn dabei mit dem Gewehrkolben. Die Notdurft verrichten durfte ich höchstselten, jedenfalls nie wenn ich das Bedürfnis hatte. Erst nachdem ich hundertmal gebeten hatte und sie wußten, daß ich darunter gelitten habe, durfte ich auf den Abort gehen.
Furchtbar waren auch die Drohungen, Flüche, die sie ausstießen, wenn nur eine Kleinigkeit davon in Erfüllung ginge, dann müßten wir schon längst alle beim Luzifer sein. Ich habe zwar nur etwas davon verstanden, weil ich nur wenig Italienisch kann, aber ich sah es auch an ihren haßerfüllten Gesichtern. Unter solchen Umständen wurde ich gezwungen Sachen zu unterschreiben, von denen ich vorher gar nichts wußte. Ich war körperlich und seelisch so fertig, daß ich alles tat was sie wollten; ich hatte nur mehr einen Wunsch endlich von der fürchterlichen Qual und Pein loszukommen. Ich bin ein Bauer und verstehe nicht viel, aber daß so etwas in einem christlich-demokratischen Land geschehen darf und wir trotzdem noch Vertrauen haben sollen, das kann ich wirklich nicht begreifen.
Aus dem Bozner Gefängnis grüßt Sie ergebenst
Mitterhofer Josef
Die Anzeige wegen der Mißhandlungen werde ich in der nächsten Zeit machen.
(Wörtliche Wiedergabe des Originalbriefes. SVP-Archivalien, Landesarchiv Bozen)
Maria Mitterhofer, die Frau des gefolterten Unterhasler-Bauern aus Meran-Obermais, berichtet, was sie nach der Verhaftung ihres Mannes erlebt hatte:
”…mußte ich vom Schwiegervater erfahren, daß man ihn als alten, vom Schmerz getroffenen Mann – auf der Suche nach unserem Sohn – von einer Carabinieristation zur anderen geschickt hatte. Obwohl hochschwanger, beschloß ich, zur Hauptkaserne zu gehen und energisch nach meinem Mann zu verlangen. Nach ersten Verlegungen wurde ich schließlich doch zu meinem Mann vorgelassen. Sein Anblick war ein Schock für mich: man sah ihm deutlich seine Mißhandlungen an; sein Kopf war auf das Doppelte angeschwollen. Wir durften uns nur unter Aufsicht wenige Minuten unterhalten. Daraufhin wurde mir berichtet, welchen Folterungen unsere Männer ausgesetzt waren und wie hilflos wir zusehen mußten.“
(Maria Mitterhofer: „Man sah ihm deutlich die Mißhandlung an“; in: Sepp Mitterhofer, Günther Obwegs (Hrsg.): „… es blieb kein anderer Weg…“, Meran 2000, S. 144)
Erlebtes tief ins Gedächtnis eingebrannt
Auch der Brief Mitterhofers an Magnago war nicht für ein stilles Verschwinden in ein SVP-Geheimarchiv bestimmt gewesen, sondern dazu, politisch verwendet zu werden. Mitterhofer hatte ohnedies die Absicht, gegen seine Folterer öffentlich vor Gericht vorzugehen.
Bis heute kann Sepp Mitterhofer nicht vergessen, was er erleben mußte:
„Wenn man … so allein und verlassen, z. T. nackt 8-10 Karabinieri gegenüberstand, die einen aufs Übelste verhöhnten und schlugen, wie einen Spielball im Raum hin- und herstießen, die Haare ausrissen, oder mit voller Bekleidung bei der damaligen Sommerhitze stundenlang vor die Quarzlampe stellte, bis man fast erblindet war und das Hemd durch den Schweiß am Körper klebte, dann kam man sich wie ein armseliger, elender Wurm vor, auf dem die halbe Menschheit herumtrampelt.
Sie hatten es verstanden, uns körperlich zu quälen, durch die Folterungen die Menschenwürde zu schänden, durch die Verhöhnungen uns seelisch fertig zu machen und durch die ausgefallensten Methoden den Willen zu brechen … Das Schlimmste war fast der Durst; es herrschte eine unvorstellbare Hitze und wir durften die Jacken nicht ausziehen. Vor meinen Augen ließen sie das Wasser von der Flasche in den Becher plätschern und lockten damit, ohne daß ich jedoch auch nur einen Tropfen erhielt. Am zweiten Tag gab ich eine Sprengung zu, am dritten Tag zeigte ich ihnen mein Sprengstoffversteck und die Pistole. Da hatten sie mich gut: Wir fuhren im Auto zu meinem Haus, ich war mit Handschellen gefesselt, umgeben von drei Begleitern die die entsicherten Pistolen in den Händen hielten. Am hinteren Hauseingang begegnete ich meinem 77-jährigen Vater. Als er mich in diesem Zustand sah, lehnte er sich an die Wand und fing an zu weinen; dieser Anblick hat mir fast das Herz zerrissen. Zum Glück war meine schwangere Frau mit unserem zweijährigen Sohn nicht zu Hause, so hat sie mich in diesem argen Zustand nicht gesehen. Im Hausinneren angekommen, sagte Hauptmann Marzollo, der Chef der Spezialeinheit, die die Verhöre durchführte: ‘Dieses schöne Gewölbe und das Haus; ich kann nicht verstehen, wieso ein junger Bauer mit Frau und Kind solche Sachen macht.‘
Er hatte nicht im Geringsten begriffen worum wir kämpften. Daß wir gegen die Unterdrückung, gegen die Fremdbestimmung kämpften. Daß wir aufgestanden waren, um unser Volkstum zu verteidigen und für die Freiheit unseres Landes zu kämpfen.“
Sepp Mitterhofer konnte erst nach 8 Jahren Gefängnis wieder nach Hause kommen. Die Musikkapelle des Ortes udn die Bevölkerung von Obermais bereiteten ihm am 15. Juni 1969 einen herzlichen Empfang.
Der obige Auszug stammt aus dem Buch „Für die Heimat kein Opfer zu schwer“ von Dr. Helmut Golowitsch.
Golowitsch, Helmut: Für die Heimat kein Opfer zu schwer. Folter-Tod-Erniedrigung. Südtirol 1961-1969. Edition Südtiroler Zeitgeschichte: Deutschland: Druckerei Brunner. 2009. ISBN: 978-3-941682-00-9.






