von red 17.02.2025 17:00 Uhr

Alte Tirolensien neu gelesen (Teil 43)

Zu Gast in Schluderbach: Georg Ploner, die Fremdenstation und die Anfänge des Tiroler Alpintourismus von Wolfgang Strobl dokumentiert auf höchst anschauliche Weise die Entwicklung die Fremdenstation und vor allem den Beginn des Tiroler Alpentourismus. So gesehen kann das zu rezensierende Werk als bedeutender Beitrag zur Historie des alpinen Fremdenverkehrs hierzulande angesehen werden. Eine Rezension von Andreas Raffeiner.

Inhalt und Struktur

Die Publikation, gleichzusetzen mit Band 368 der beliebten, im Innsbrucker Wagner-Verlag erscheinenden Schlern-Schriften, ist keineswegs bloß eine Lebensbeschreibung Georg Ploners, sondern auch eine tiefgreifende Analyse des frühen Alpintourismus im Tirol des 19. Jahrhunderts. Der Autor setzt sich detailgetreu mit den sozialen, kulturellen und ökonomischen Zusammenhängen auseinander, die den Aufschwung von Schluderbach als Fremdenstation begleiteten. Der Ausgangspunkt ist die Geschichte von Ploners Versorgungsstation, die sich von den einfachen und bescheidenen Ausgangspunkten als Fuhrmannsstation zu einem wichtigsten Zentrum des alpinen Fremdenverkehrs entwickelte.

Die strukturierte Darstellung Strobls beginnt mit einem Überblick über die geografischen und historischen Grundlagen von Schluderbach und der Region, bevor sie die Rolle Georg Ploners als Unternehmer, Gastwirt und Bergführer in das Zentrum der Forschung stellt. Im weiteren Verlauf wird Ploner nicht nur als lokaler Geschäftsmann, sondern auch als zentraler Akteur im interdisziplinären Netzwerk von Alpinisten, Naturforschern und Schriftstellern, die den alpinen Tourismus in dieser Zeit prägten, beschrieben

Strobl verwendet eine Vielzahl von Quellen, darunter Briefe, Tagebücher und Zeitungsartikel, um ein lebendiges Bild von Schluderbach und seinen Gästen zu zeichnen. Sehr wertvoll sind die ausführlichen Kapitel über Ploners Beziehungen zu bekannten Bergführern und prominenten Gästen, die Schluderbach in dieser Zeit besuchten, darunter internationale Alpinisten, Dichter, Musiker und sogar europäische Adelige. Diese Gäste trugen maßgeblich dazu bei, dass Schluderbach in den Kreisen des Alpenvereins und darüber hinaus einen Ruf als beachtliche Station für den aufkommenden Alpinismus erhielt.

Georg Ploner – Ein Mann der Berge

Besonders beeindruckend ist Strobls Analyse von Georg Ploner als multifunktionaler Akteur im Alpintourismus. Ploner war nicht nur ein erfolgreicher Gastwirt, sondern auch ein erfahrener Bergführer, Jäger und sogar ein patriotischer Tiroler, der eine enge Verbindung zur Natur und zu den traditionellen alpinen Werten hatte. In Strobls Darstellung wird Ploner als eine prägende Figur beschrieben, die nicht nur das touristische Potenzial der Region erkannte, sondern auch aktiv zu deren Entwicklung beitrug, indem er ein Netzwerk von Bergführern und internationalen Gästen aufbaute.

Darüber hinaus bietet Strobl einen detaillierten Blick auf Ploners soziales Umfeld. Die Darstellung seiner Familie, insbesondere seiner Gastwirtin Anna Sprenger, und die Einbindung seiner Mitarbeiter und Bergführer – darunter legendäre Namen wie die Orsolina-Brüder und Hans Innerkofler – geben dem Werk eine tiefere soziale und kulturelle Dimension.

Der Tourismus als kulturelles Phänomen

Ein weiterer wichtiger Aspekt von Strobls Buch ist seine Auseinandersetzung mit dem Alpintourismus als kulturelles Phänomen. Der Autor zeigt, wie der Tourismus in Tirol mit den gesellschaftlichen Veränderungen der Zeit, wie der Entwicklung des Bildungsbürgertums, der Erfindung des „Alpinen Sehens“ und der Schaffung einer spezifischen alpinen Ästhetik, verknüpft war. Der Buchteil über die Reiseliteratur, in dem Strobl die Beschreibungen von Schluderbach und den ersten touristischen Führern untersucht, ist besonders interessant. Es wird deutlich, wie die Darstellung der Berge und der Natur durch Schriftsteller und Fotografen einen bedeutenden Einfluss auf die Wahrnehmung des alpinen Raumes hatte und wie diese Wahrnehmung wiederum den Tourismussektor beeinflusste.

Methodische und wissenschaftliche Qualität

Strobl stützt sich auf eine Vielzahl von Quellen aus Archiven, Zeitungen und wissenschaftlicher Literatur, was das Buch zu einer wertvollen Quelle für die Forschung macht. Die detaillierte Auswertung von Primärquellen, die aus verschiedenen nationalen und internationalen Archiven stammen, zeugt von einer gründlichen und methodisch fundierten Arbeit. Besonders hervorzuheben ist die Struktur des Buches, das sowohl eine chronologische Erzählweise als auch thematische Vertiefungen bietet. Diese Mischung aus Biografie, Sozialgeschichte und Tourismusforschung ermöglicht es dem Leser, das komplexe Wechselspiel zwischen individuellen Akteuren und gesellschaftlichen Prozessen nachzuvollziehen.

Fazit

„Zu Gast in Schluderbach“ ist ein herausragendes Werk für all jene, die sich für die Geschichte des Alpintourismus und die Entwicklung der Tiroler Bergregionen im 19. Jahrhundert interessieren. Strobl gelingt es, sowohl den Charakter von Georg Ploner als auch die gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen des frühen alpinen Tourismus auf eine lebendige und tiefgründige Weise darzustellen. Das Buch ist nicht nur eine wichtige Quelle für Historiker und Alpinisten, sondern auch ein faszinierendes Dokument für alle, die an der Geschichte des Tourismus und der Kulturlandschaft der Alpen interessiert sind.

Mit seiner sorgfältigen Analyse, der präzisen Darstellung von Primärquellen und der fundierten Auseinandersetzung mit den sozialen und kulturellen Kontexten ist „Zu Gast in Schluderbach“ ein unverzichtbares Werk in der Forschung zum Thema alpiner Tourismus und Tiroler Geschichte.

von Andreas Raffeiner

_ _ _ _ _ _ _ _ _ _

Wolfgang Strobl, Zu Gast in Schluderbach: Georg Ploner, die Fremdenstation und die Anfänge des Tiroler Alpintourismus (Schlern-Schriften, Bd. 368), Innsbruck 2017.

Jetzt
,
oder
oder mit versenden.

Es gibt neue Nachrichten auf der Startseite