Angela Nikoletti – Opfer des Faschismus

Die aus Margreid stammende und im Haus ihrer Tante in Kurtatsch aufgewachsene Angela Nikoletti war Absolventin der Lehrerbildungsanstalt der Barmherzigen Schwestern in Zams in Nordtirol. Nach ihrer Rückkehr in die Heimat durfte sie als deutsche Südtirolerin ihren Lehrerberuf in der mittlerweile italianisierten Schule nicht ausüben.
Sie gab nun im Hause ihrer Tante in Kurtatsch Kindern des Dorfes Deutschunterricht. Das blieb nicht verborgen. Am 11. Mai 1927 stellte sie der faschistische Amtsbürgermeister (Podestá) mit scharfen Worten zur Rede. Ihr Verhalten sei eine Auflehnung gegen den Staat.
Ihre Verhaftung
Am Abend des 14. Mai 1927 wurde sie von den Carabinieri festgenommen und trotz eines ärztlichen Zeugnisses über eine schwere Rippenfeldentzündung in die feuchtkalten Kerker von Tramin und später Neumarkt gebracht. Über die brutale Art ihrer Festnahme berichtete der in Innsbruck erscheinende „Tiroler Anzeiger“ am 18. Mai 1927.
„An diesem Tage um halb 7 Uhr abends befand sich die Nicoletti bei der Nachbarin Hedwig Maier; da kam ein Wagen angefahren, worin drei Karabinieri und der Podestá Lorenzi saßen. Die Wageninsassen  erblickten Nicoletti am Fenster des Maierhauses und der Karabinieri-Maresciallo – unrühmlich bekannt durch die bei ihm sehr beliebte Hundespeitschenbehandlung und andere Brutalitäten gegen die Verhafteten – rief dem Fräulein zu, es möge herunterkommen. Nicoletti, die Absicht des Besuches ahnend, suchte durch die Hintertüre in das Haus ihrer Tante Angelica Peer zu entkommen. Vor des Stiege dieses Hauses wurde sie aber von einem Karabiniere erfaßt und zu Boden geworfen. Nicoletti rief die Tante um Hilfe; diese eilte aus dem Garten herbei, wurde aber von einem anderen Karabiniere zum Zaun hingeschleudert, noch ehe sie ein Wort gesprochen hatte. Dies geschah mit solcher Wucht, daß noch Tags darauf die dadurch verursachten blauen Flecke an ihrem Körper sichtbar waren. Fräulein Peer beschwor die Karabinieri, die Nicht nicht fortzuführen, da sie schwer krank sei. Da kam auch der Maresciallo zur Truppe und gab der Tante, die mit aufgehobenen Händen vor ihm stand, einen Stoß. Unterdessen schleiften die beiden anderen Karabinieri das Fräulein Nicoletti eine Strecke von ungefähr 30 Meter zu einem Wagen, in den sie hineingestoßen wurde. Der Amtsbürgermeister Lorenzi sah der ganzen Szene mit teuflischem Lachen zu. Der Wagen fuhr dann nach Tramin. Ueber das weitere Schicksal des Mädchens ist bis zur Stunde nichts bekannt.“
Der Tod im Kerker
Angela Nikoletti wurde am 19. Mai 1927 zu dreißig Tagen Arrest, zu 5 Jahren Polizeiaufsicht und zur Ausweisung aus ihrem Heimatort Kurtatsch verurteilt. Ihre Krankheit, die sich in der Haft noch verschlechtert hatte, führte letztendlich am 30. Oktober 1930 zu ihrem Tode. Sie starb im Alter von nur 25 Jahren.
Der obige Auszug stammt aus dem Buch „An der Seite des Volkes. Südtirols Geistliche unter dem Faschismus 1918–1939“ von Helmut Golowitsch.
Golowitsch, Helmut: An der Seite des Volkes. Südtirols Geistliche unter dem Faschismus 1918–1939: Neumarkt a.d. Etsch: Effekt!. 2022.
ISBN: 978-88-97053-95-8
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