von 28.10.2020 06:32 Uhr

Zeithistorisches Dokument belegt: Vatikan begrüßte das Optionsabkommen

Am 28. Oktober 1939, also vor genau 81 Jahren erschien im „Osservatore Romano“, der offiziellen Tageszeitung des Vatikans, ein hochinteressanter Artikel in Bezug auf das Optionsabkommen in Südtirol. Nach Recherchen im Archiv des Vatikans ist es der Europa-Union Tirol (www.europa-union-tirol.com) kürzlich gelungen, an ein Exemplar dieser Zeitung zu gelangen. Exklusiv wurde die Ausgabe Nr. 252/1939 dieses sehr renommierten Blattes an UT24 übermittelt. Durch die Berichterstattung in dieser Zeitung ist die damalige Haltung der katholischen Kirche in Südtirol, vor allem die des damaligen Fürstbischofs Johannes Geisler und des Generalvikars der Diözese Brixen Alois Pompanin, aus einer ganz andern Sichtweise zu betrachten.

Zeitdokument UT24/mag

Schon seit jeher findet der „L’Osservatore Romano“ eine breite Beachtung in der Weltpresse. Die Berichterstattung ist zum Teil vergleichbar mit jener eines Amtsblatts, wobei die offizielle Veröffentlichung des Apostolischen Stuhls die Acta Apostolicae Sedis ist. Die Tageszeitung des Vatikans veröffentlicht Reden, Verlautbarungen und Dokumente des Papstes, offizielle Berichte, kirchenamtliche Meldungen und Kommentare.

Umsiedlung von fremdstämmigen Massen

Am 28. Oktober 1939 erschien auf Seite zwei des „Osservatore Romano“ ein aufsehenerregender Artikel mit dem Titel „Dopo gli accordi italo-tedeschi per gli allogeni“. Und dieser Artikel hat es wirklich in sich. Der Vatikan verurteilt darin das Umsiedlungsabkommen, welches die beiden Diktatoren Hitler und Mussolini vereinbart hatten, keineswegs, sondern bejaht die „friedliche Lösung“ des Südtirolproblems. Der italienische Staat, „Wiege und Mittelpunkt universeller Zivilisation“, hat das Recht auf die Grenzen, die von „Gott gezogen“ seien. Die Assimilierung fremder Volksgruppen vollziehe sich dann von selbst, was im Aostatal, in Friaul, in den deutschen Gemeinden der Provinz Vicenza usw. bereits offenkundig sei. Die heutige Zeit erfordere aber schnellere Lösungen. Es handle sich bei den Südtirolern nur um „eine Rückkehr zu ihrem Muttervolk, von dem sie sich gelöst hätten“.

Damaliger Chefredakteur des „Osservatore Romano“ – und dadurch auch verantwortlich für diesen Artikel – war kein geringerer als Giuseppe Dalla Torre del Tempio di Sanguinetto, ein enger Vertrauter von Papst Benedikt XV. Dalla Torre galt als Feind der Faschisten und konnte sich einer Verhaftung nur knapp entziehen. Er und seine Familie wohnten daraufhin aus Sicherheitsgründen in der Vatikanstadt und waren Bürger des Vatikans.

Die Unterzeichnung des Abkommens zwischen Italien und dem Reich über die Bevölkerungen Südtirols bietet ein Beispiel für Gerechtigkeit hinsichtlich eines ganz eigenen Problems unserer Zeit, welches in der Geschichte keine Präzedenzfälle hat: nämlich die Umsiedlung von fremdstämmigen Massen von einem Gebiet in ein anderes. Es ist ein vielschichtiges Problem: spirituell, politisch, wirtschaftlich, oft religiös; ein Problem, das einerseits die Rechte der menschlichen Person betrifft, ihre Bindung an das Heimatland und an das Ursprungsvolk, den Besitz und die Arbeit von Individuen und Familien; andererseits den Staat in der Ausübung seiner Machtbefugnisse zum Schutz seiner Interessen; eigentlich ein Problem, das wieder das Gleichgewicht der Beziehungen zwischen dem Recht des Einzelnen und dem Gemeinschaftsrecht, dem Naturrecht und dem politischen Recht zum Gegenstand hat. Die fremdstämmigen Bevölkerungen – was auch die uralte oder neuere Ursache ist für ihren Aufenthalt jenseits der Grenzen des Volkes, dem sie angehören – befinden sich zwischen diesen äußersten Bezugspunkten, die den Situationen und Bedingungen eigen sind, die von unabweisbaren, manchmal ungerechten Triebkräften geschaffen wurden, andererseits entsprechen sie den zu rechtfertigenden Grundsätzen und Erfordernissen. Im Zusammenleben der Völker geschieht das, was auch dem Zusammenleben von Individuen eigentümlich ist; so müssen im Zusammenleben der Völker wie im gesellschaftlichen Leben Freiheiten und Rechte der Einzelnen mit den höheren Gemeinschaftsinteressen in Einklang gebracht werden und sogar sich ihnen unterwerfen. Wiedereroberung der natürlichen Grenzen, Zuweisung von Sicherheits- Grenzen für das Leben einer großen Volkseinheit, notwendige Gebiete und Verbindungswege für nachhaltige Entwicklungen eines ganzen Volkes können das Schicksal nach sich ziehen, dass Bevölkerungen anderen Ursprungs Teil einer andersartigen politischen Einheit werden müssen, die von jener, in der ihr eigenes Volk organisiert ist, verschieden ist. Es genügt einen Blick auf die „selbstbewegliche“ Geographie-Landkarte Europas von gestern und heute zu werfen, um sich davon zu überzeugen. Daraus leiten sich gegenseitige Notwendigkeiten für gerechtes Einfühlungsvermögen ab, sowohl für die Fremdstämmigen als auch für den Staat, dessen Untertanen sie sind: Loyalität einerseits und Großzügigkeit andererseits, bis die Zeit, die so viele Zerwürfnisse heilt, die so viele Ungleichgewichte glättet, im Laufe der neuen Generationen Geisteshaltungen, Gebräuche, Kultur zur Annäherung bringt und zu einer neuen vaterländischen Solidarität fest zusammenfügt. Italien, Wiege und Mittelpunkt universeller Zivilisation, ist die meisterhafte Fähigkeit zum Einvernehmen und zur Verschmelzung der Völkerschaften immanent. In Italien ist dieser Prozess besonders offenkundig, wenn wir die ehemaligen Sieben Gemeinden im Vicentinischen, das Aostatal betrachten, um im Laufe der Geschichte zum jüngsten Beispiel, dem Friaul, zu kommen. Das Beispiel dieses mehr oder weniger langsamen, aber doch natürlichen Prozesses ist besonders offenkundig. Heute jedoch erfordern Gründe der Doktrin und der Politik schnellere Lösungen. Nur deswegen, wenn man genau hinschaut, werden sie als radikaler und endgültiger empfunden: Jene sogenannten Rücksiedlungen also, die jene in das Territorium des Ursprungsvolkes zurückbringen, die sich davon entfernt haben oder von ihm losgelöst wurden. Aber deswegen werden gefühlsmäßige und praktische Schwierigkeiten nicht entschärft, noch ist wieder einmal ein Opfer nicht ausgeschlossen. Die Heimatliebe, das Zugehörigkeitsempfinden gründen sich zusammen auf dem Geburtsland und auf Bindungen der Volksgemeinschaft. Sicher, menschlich gesehen, besonders unmittelbar ist dies für die ärmeren Schichten der Fall, die in den Massen die Mehrheit bilden. Das Haus der Väter, das Feld, die Kirche, die Friedhöfe, die bekannten und vertrauten Orte, die den Verwandten, den Nachbarn, der Ortschaft, der Geburtsstadt gemeinsam sind, begründen das erste, tiefste und unauslöschliche Heimatgefühl. Man sieht dies hier embryonenhaft und in seiner Ausdrucksform. Es ist der größte Bereich, der weiteste Horizont, jenes äußerst komplexe Leben, das mit diesem kleinen Raum, diesem beschränkten Horizont, diesem einfachen Leben Glauben, Sprache, Geschichte, Charakter, Traditionen gemein hat: All dies, was man in einem zweiten Abschnitt des Daseins entdeckt, wenn man vom Instinktiven und Gefühlten zum Verstandesmäßigen und Überlegten übergeht und man versteht dies als Vollendung und Erhöhung jener ersten Gefühle. Nun, die Übersiedlungen, von denen hier die Rede ist, bedeuten das Verlassen dieses ursprünglichen Elements der Heimat, welches auch immer die Gründe, die Notwendigkeiten und die höheren Interessen sind, denen sie entsprechen, die Vorteile selbst für jene, die davon betroffen sind. Dieses Element der Heimat empfindet man so lebhaft, auch wenn man den Aufenthaltsort innerhalb der gleichen Staatsgrenzen wechselt. Das „auf Wiedersehen, Berge“ („l’addio, monti“), gelesen vom Dichter in der unverfälschten Seele einer Berglerin im Augenblick der Trennung, übersetzt die schmerzliche Wirklichkeit ins Lyrische, besser als es eine psychologische Analyse vermag. Es ist die Seite des Problems, die am meisten menschliches Einfühlungsvermögen verdient. Dieses ist am Schwierigsten mit den Erfordernissen, aus denen heraus das Problem selbst entstanden ist, und mit der Zielsetzung, die damit verfolgt werden, in Einklang zu bringen. Nun gut, uns scheint, dass die im freundschaftlichen Geist zwischen Italien und Deutschland erreichte Lösung betreffend die Fremdstämmigen Südtirols gerade dieses Einfühlungsvermögen bedeutet und dieser Harmonie zwischen dem Natürlichsten der Gefühle und der Beseitigung jeder Ursache von neuen Konflikten in Zukunft entspricht. Während die Rückkehr der Bürger des Reiches, die hier nur den Wohnsitz haben, verpflichtend ist, ist die Auswanderung der deutschen Fremdstämmigen freiwillig. Sie sind aufgerufen, innerhalb 31. Dezember „frei und ausdrücklich“ zu erklären, ob sie im heimatlichen Gebiet bleiben wollen mit Beibehaltung der italienischen Staatsbürgerschaft oder ob sie die deutsche Staatsbürgerschaft annehmen, um nach Deutschland auszuwandern. Es ist eine Wahl, die in ihrer vollen Freiheit zwischen dem einen oder anderen Verzicht den Trost bietet, sich für das entschieden zu haben, was weniger belastend erscheinen wird, während diesem Schutz des Rechtes und des individuellen und privaten Interesses der Schutz des Interesses der zwei Staaten gegenübersteht, die mittels Bestätigung der endgültigen Grenze und in Kenntnisnahme des ausdrücklichen Willens der Untertanen jede Möglichkeit von zukünftigen Konflikten beseitigen. Wer dafür optiert, diesseits der von Gott auf den heimatlichen Alpen gezeichneten Grenzen zu bleiben, wird nicht umhinkönnen anzuerkennen, dass er der Liberalität der italienischen Regierung das zu verdanken hat, was er für wertvoller und besser für sich erachtet hat. Die wiederbestätigte Staatsbürgerschaft wird somit Grund sein für die volle, offene einsatzfreudige Loyalität, die mit dem Vertrauen die herzlichste und brüderlichste Anerkennung verdient.

Ausgabe des Osservatore Romano vom 28. Oktober 1939 (Übersetzung: Dr. Eduard Stoll)

Verwehrte Audienz bei Mussolini

Es gilt zu bedenken, dass es sich beim Optionsabkommen wohl um die schwerste Entscheidung, die in der über 1.000-jährigen Geschichte des Bistums Brixen je gefällt werden musste, handelte. Nicht nur die Südtiroler Bevölkerung, auch die hiesige Geistlichkeit war sich in der Optionsfrage – auch aufgrund der massiven Propaganda – extrem unsicher.

Bischof Geisler hatte deshalb unmittelbar nach dem Erscheinen des Artikels im „Osservatore Romano“ sogar um eine Audienz bei Benito Mussolini angesucht. Im November 1939 weilte Fürstbischof Geisler in Rom und wollte dabei unter anderem auch Mussolini treffen. Gegenstand dieser Aussprache sollte die Klärung der „Sizilianischen Legende” werden, welche die Südtiroler Bevölkerung in Panik versetzte.

Dem Fürstbischof wurde ein Termin mit Mussolini allerdings verwehrt.

Rehabilitation gefordert

„Durch diesen Artikel im „Osservatore Romano“, der wohl die offizielle Meinung des Vatikans wiedergibt, muss auch die damalige Haltung der Südtiroler Kirchenführung hinterfragt werden“, zeigt sich Günther Ploner, Obmann der Europa-Union Tirol überzeugt. Denn von gar einigen Historikern, werden sowohl der damalige Fürstbischof Johannes Geisler wie auch sein Generalvikar Alois Pompanin, die sich beide 1940 für die Abwanderung in das Deutsche Reich entschieden, gerne als „radikale Anhänger des Deutschtums“ und als „Nazi-Sympathisanten“ bezeichnet.

„Dabei haben die beiden die Anweisungen der höchsten Kirchenorgane nur ernst genommen und sich dafür entschieden, was ihnen von Seiten des Vatikans empfohlen wurde“, so Ploner. „Es ist daher höchst an der Zeit, die beiden großen Tiroler Geistlichen zu rehabilitieren“ fordert der Obmann der Europa-Union Tirol.

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