Maria Weißenstein: Der seelenlose Wallfahrtsort

Es ist ein sonniger Tag zwischen den Jahren. Dem Besucher dürfte sofort nach seiner Ankunft auf dem großen Parkplatz, der öfters gesagte Spruch – das Versprechen: „Wenn das gut geht, dann gehe ich auf den Knien nach Weissenstein“ in den Sinn kommen.
Maria Weißenstein (Bild: UT24/su)
Bedeutenster Wallfahrtsort Südtirol
Das auf 1520 Meereshöhe gelegene Maria Weißenstein ist allein wegen seiner Umgebung eine Besonderheit – der „bedeutendste Wallfahrtsort in Südtirol“ schreiben die Servitenpater auf die Homepage.
Die barocke Kirche aus dem 17 Jh. und der Blick auf Schlern, Rosengarten, Latemar und die Ortlergruppe bilden eine reizvolle Kulisse für Pilger und Naturliebhaber gleichermaßen, heißt es dort weiter.
Zumutung für ältere Menschen
An diesem Tag kurz vor Silvester, ist es dem Besucher nicht möglich, diese Kulisse zu genießen: Er muss sich vordergründig darauf konzentrieren, seinen Gang in die Kirche ohne einen Sturz zu absolvieren.
Das gesamte Areal, beginnend vom ersten Schritt aus dem Auto bis an den Eingang zur Kirche, ein ca. 200 Meter langer Weg, ist eine einzige Eisplatte.
Ein Pilger, der in diesen Tagen mit seinen betagten Eltern nach Weißenstein aufbrach, musste unverrichteter Dinge wieder kehrt machen. Viel zu groß wäre das Risiko gewesen, sagt er zu UT24. Er schreibt auf Facebook: „Waren heute in Maria Weißenstein, leider mussten wir feststellen das der Zugang zur Kirche stark vereist war und somit für ältere Leute eine Zumutung war“.
Eisige Wege zur Kirche (Bilder: UT24/su)
Prior aus Kamerun
Der an der Pforte sitzende Pater nickt kurz zum Gruß. Er ist einer der sechs Mönche, die in Weißenstein derzeit leben.
Zu den wenigen noch Verbliebenen gehört auch der Prior, ein 48-jähriger Schwarzer aus Kamerun. Er zeichnet seit 2016 verantwortlich für das Anwesen. Mathieu Ngoa hat in Innsbruck Theologie studiert und spricht perfekt Deutsch und Italienisch.
Prior Mathieu Ngoa (Bild: Facebook)
Hier ist alles privat
UT24 fragt den Pater an der Pforte, warum es den Menschen so schwer gemacht wird, hierher zu gelangen?
Es habe da mal eine Maschine gegeben, welche aber seit längerem nicht mehr einsatzfähig sei, weil ein Teil gebrochen ist, sagt der mitfühlende Geistliche. Auch für ein wenig Sand und Salz, würde es nicht reichen, denn „hier ist alles privat“, sagt der Pater.
Eine Kerze anzünden
Tatsächlich gehört das ganze Anwesen den Serviten und es ist demnach auch privat. Es handelt sich aber bei den „Dienern Mariens“, wie der Servitenorden in sein Leitbild geschrieben hat, um keinen, am Hungertuch nagenden „Betrieb“.
Allein die Einnahmen aus den zahlreich von den Besuchern entzündeten Kerzen auf den eigens dafür ausgewiesenen Plätzen, dürften einbringlich sein. So beispielsweise, wenn des Sommers Dutzende Busse mit Gläubigen eintrudeln und jeder Besucher der auf Stippvisite befindlichen seiner Pflicht nachgekommen sein möchte, auf Weißenstein eine Kerze angezündet zu haben.
Früher, als die bis zu einem Euro teuren Kerzen noch in der kleinen Kapelle in der Kirche angezündet wurden, schlossen die Mönche kurzerhand vorübergehend die Kirche, um die eben angezündeten Kerzen wieder zu entsorgen, damit die nächsten wieder Platz finden.
Auch ist der Mann an der Pforte vordergründig dafür zuständig, Messen zu verkaufen – welche er in ein dickes Buch einträgt – die Gläubigen im guten Glauben lassend, dass sie auch gelesen werden.
Schmerzhaftes Weißenstein
Die heutige Basilika im Barockstil ist im Jahre 1654 über eine Kapelle gebaut worden. Nach Überlieferung soll im Jahre 1553, Leonhard Weißensteiner die Jungfrau Maria erschienen sein, um ihn von einer Krankheit zu heilen.
Sie bat ihn, aus Dankbarkeit eine Kapelle zu bauen.
Schmerzhaft auf Weissenstein ist nicht nur das Gnadenbild der Muttergottes mit dem toten Sohn auf ihrem Schoß. Alles andere ähnelt dem Heiligenbild – tot im Schoß liegend.
Außer dem Souvenirladen, in welchem mittlerweile auch Kaffee und ein paar Getränke angeboten werden – „um nicht ganz dumm dazustehen“, wie eine Mitarbeiterin sagt, sind alle Strukturen geschlossen.
Ehemals gab es einen gutlaufenden Gasthof mit gutbürgerlichem Speisenangebot. Nach Informationen von UT24 habe die Führung der Serviten ein „unverschämtes Apothekerhonorar“ für die Miete verlangt, so dass es sich für den Betreiber letztendlich nicht mehr auszahlte. An die längst geschlossene Struktur erinnert nur mehr ein Text in einem Prospekt, den UT24 an der Pforte ausgehändigt bekommt. Darin steht: „Offene Türen erwarten Sie in unserem Gasthof. Er ist das Herz unserer Anlage, hier werden unsere Gäste in Bar, Restaurant und Self Service betreut und verpflegt. Die Zimmer sind von unterschiedlicher Größe….“
Auch gäbe es auf Weißenstein eine „Pilger- & Jugendherberge“, welche vor rund 20 Jahren neu umgebaut worden ist. Hier haben sich letzthin immer wieder Pilger, welche über den Europäischen Wanderweg nach Weißenstein gekommen sind, darüber geärgert, dass sie die erwartete Schlafstätte verschlossen vorgefunden haben. Platz hätten 80 Personen.
Ebenfalls neu erbaut wurde das „Bildungshaus“. „Ideal für Kurse oder Kongresse“ verspricht der Prospekt. Helle Doppelzimmer, Konferenz- und Aufenthaltsräume „stehen unseren Gästen zur Verfügung“.
Basilika Maria Weißenstein, Kapelle, Bildungshaus, Pilger- und Jugendherberge. (Bilder: UT24/su, Internetseite Maria Weißenstein.
Es fehlt überall
UT24 trifft eine Frau, die schneidigen Schrittes über das Eis in Richtung Kirche marschiert. Auf die Frage, ob sie denn nicht Angst vor einem Sturz habe, sagt sie, dass sie das gewohnt sei. Schließlich müsse sie täglich übers Eis, weil sie hier arbeite.
Sie habe es dem Prior schon oft gesagt, dass hier „unmögliche Zustände“ herrschen. „Bei einem Ohr hinein, beim anderen wieder hinaus“, so wäre es hier nicht nur mit den vernachlässigten Schneeräumarbeiten. „Es fehlt überall“, mehr möchte die seit 20 Jahren auf Weißenstein beschäftigte Frau nicht sagen, nur so viel: „So schlimm war es noch nie“.
Er kommt spät wieder zurück
UT24 möchte auch den Prior sprechen. Dieser wäre hier, sagt die Frau, „weil sein Auto da ist“.
Zurück an der Pforte sagt der wieder zum Gruß nickende Priester: „Der Prior ist heute leider nicht da – er kommt erst spät wieder zurück“, so der Mönch; er händigt erneut den Prospekt aus besseren Zeiten aus und verweist auf die dort abgedruckte Telefonnummer.
UT24 versucht an mehreren Tagen zu unterschiedlichen Zeiten diese Telefonnummer anzurufen, um den Prior zu erreichen.
Die Versuche bleiben unbeantwortet und erinnern an das Bild der Schmerzhaften Muttergottes: Der Sohn liegt tot in ihrem Schoß.






