von ih 14.09.2018 18:35 Uhr

e-Südtirol: ist die Uhr auf Null zu stellen?

In wenigen Jahrzehnten gelang Südtirol der Aufstieg zu einer der Modellregionen in Europa. Nur, was kommt jetzt? Wie sehen die Weichenstellungen für ein smartes Südtirol aus? Droht Südtirol in Sachen Digitalisierung, einem der zentralen Megatrends der Zukunft, den Anschluss zu verlieren? Beim 10. Global Forum Südtirol (GFS) zum Thema „Smart Südtirol – digitales Chaos oder mehr Lebensqualität?“ am 14. September in der Eurac Research in Bozen gingen internationale Experten  zusammen mit den über 300 anwesenden Teilnehmern diesen Fragen auf den Grund.

Die Digitalisierung von Abläufen, selbst die einfachsten, sind wichtig, um die Wettbewerbsfähigkeit von Südtirols Unternehmen zu verbessern. - Foto: Pixabay

Digitalisierung als Motor des Fortschritts ist in aller Munde. Sie bietet neue Möglichkeiten, um sowohl die Lebensqualität als auch die Beteiligung und Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft zu fördern. Der Schulterschluss zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft zur gemeinsamen und proaktiven Gestaltung der digitalen Herausforderungen wird wichtiger denn je. Hinter einer effektiven Umsetzung im Sinne der Lebensqualität für die Bürger steht jedoch ein grosses Fragezeichen. Auch in Südtirol.

Ein Musterschüler in punkto Digitalisierung ist hingegen Estland: Der kleine baltische Staat mit seinen 1,3 Millionen Einwohnern, der dieses Jahr seine 100-jährige Unabhängigkeit feiert, zeigt was in Sachen moderner und effizienter Verwaltung, Gesundheit und Bildung möglich ist, wenn man die BürgerInnen in den Mittelpunkt rückt. Alles lässt sich digital und einfach erledigen – mit drei Ausnahmen: Heirat, Scheidung und Hauskauf.  Estland hat ein Grundrecht auf Internetzugang eingeführt, 88 Prozent der Esten nutzen Breitband-Internet, 98 Prozent besitzen eine e-Identity Card, 99 Prozent der Banktransaktionen und 98 Prozent der ärztlichen Verschreibungen erfolgen online, 96 Prozent geben die Steuererklärung online ab, 30 Prozent wählen online, zwei Prozent des BIP werden dank Digitalisierung eingespart, Grundschulkinder haben das Schulfach Programmieren (erster Platz bei Pisa-Studie), 2020 wird das Unterrichtsmaterial komplett digital sein, die Regierung (e-Cabinet) arbeitet papierlos.

Estland als Vorbild

Eröffnet wurde das zehnte GFS durch einen Impulsvortrag von Roland Psenner, dem Präsidenten der Eurac Research, sowie durch Christian Girardi, dem Gründer und Organisator des Global Forum Südtirol.

„Dass ausgerechnet Estland zum Vorreiter in Sachen e-Government wurde, liegt nicht nur an mutigen und experimentierfreudigen Politikern und Bürgern, sondern auch an der überschaubaren Größe des Landes, wo die Wege zwischen Gesellschaft,Wirtschaft, Politik und Verwaltung kurz sind. Eine Parallele zu Südtirol? Der Schlüssel zum Erfolg liegt dabei nicht an der Digitalisierung von veralteten analogen Prozessen, sondern an deren Neudefinition mit Ausrichtung Digitalisierung. Hier sehe ich eine grosse Chance für die frühzeitige Einbindung der digital natives“, unterstreicht Christian Girardi.

Mit diversen innovativen Initiativen, wie z.B. der e-recidency, öffnet Estland seinen digitalen Staat für Bürger aus aller Welt und fördert damit die europäische Identität. Knapp 40.000 Menschen weltweit zählen mittlerweile zu digitalen Bürgern Estlands. „Südtirol hätte die Chance, diesem Weg zu folgen und damit als Modellregion auf ganz Europa auszustrahlen – nicht nur um die Lebensqualität der Bürger zu erhöhen, sondern auch um Grenzen abzubauen und das Zusammengehörigkeitsgefühl eines vielfältigen Europas der Regionen zu stärken“, betont Girardi.

Die digitale Stadt nach dem Bottom-Up-Prinzip

Taavi Kotka, der erste und jüngste Digitalminister Estlands und Sonderberater von Andrus Ansip, dem Vizepräsidenten der europäischen Kommission, ging in seinem Referat mit dem Titel „Winter is coming“ auf die Erfolgsgeschichte des digitalen Wunderlandes Estland ein und zeigte auf, welche strategischen Weichenstellungen auf dem Weg zu einer digitalen Gesellschaft entscheidend sind, in der Vertrauen in digitale Technologien anstatt Angst und Unsicherheit herrscht. „Wenn man wirklich digital werden will, ist die Sache ganz einfach. Aber wollen wir als Region oder Land eigentlich digital sein? Und wenn ja, worauf warten wir?“, bringt es Kotka auf den Punkt.

Es folgten die Ausführungen von Francesca Bria zum Thema „Smart City Barcelona – die digitale Stadt nach dem Bottom-Up-Prinzip“. Die Römerin Bria ist Regierungsmitglied und Chief Technology & Digital Innovation Officer der Smart City Barcelona. „Der digitale Wandel in unseren Städten und Regionen ist eine revolutionäre Veränderung, durch welche die öffentlichen Einrichtungen den Bedürfnissen der Bürger besser gerecht werden, offener, agiler, partizipativer und transparenter werden. Wir müssen diesem digitalen Wandel eine Richtung geben, sodass die technologische Revolution den Bürgern und dem Gemeinwohl zugutekommt. Die digitale Stadt ist in erster Linie eine Stadt der digitalen Rechte und nicht nur der digitalen Dienste und zielt auf eine nachhaltigere, gerechtere, demokratischere und intelligentere Gesellschaft ab“, unterstreicht Francesca Bria.

Wissen ist Rohstoff der Zukunft

Abschließend ging der Auslandssüdtiroler Elmar Grasser mit seinen Ausführungen zum Thema „5G und Gesellschaft 4.0 – verpasst der ländliche Raum den Anschluss?” auf die Herausforderungen in Bezug auf die Erreichbarkeit der Zukunft ein. Grasser, mit Laaser Wurzeln, ist Technikvorstand bei Sunrise Communications AG, dem zweitgrössten Telekommunikationsunternehmen der Schweiz. „Wissen ist der Rohstoff der Zukunft – die Informationstechnologie ist das vielseitigste und umfassendste Werkzeug in der Geschichte der Menschheit. Wer dieses Instrument am innovativsten und effizientesten einsetzt, hat die Nase vorn“, so Grasser.

Auch die über 300 Teilnehmer konnten sich an der spannenden Debatte beteiligen. Die Veranstaltung wurde von der gebürtigen Völserin Esther Mitterstieler, Chefredakteurin bei News (Wien), moderiert. Auch der Termin des 11. Global Forum Südtirol 2019 steht bereits fest: 20.09.2019.

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