• Nordtirol
  • „Refugees Welcome“ im Selbstversuch

    Dominik Jenewein ist Unternehmer aus Innsbruck. Mit seiner Firma „Jewa Profi-Massmöbel“ im Tiroler Stubaital, welche Möbel-Fertigteile herstellt, agiert er als Zulieferer des Tischlergewerbes. In einem längeren Schreiben schildert er die schier unmögliche Suche nach Arbeitskräften, die sein Unternehmen dank guter Auftragslage dringend benötigt, und geht mit dem Staat und seiner Beschäftigungspolitik hart ins Gericht.

    Foto: Facebook/Jewa Profi-Massmöbel

    Jenewein hat sich laut eigenen Angaben die vergangenen Wochen um Personal umgesehen, um die Kapazitäten seines Betriebes zu erweitern. Dabei suchte er Facharbeiter für die Arbeitsvorbereitung, Facharbeiter für die Produktionsleitung, Lehrlinge und Hilfsarbeiter für die Produktion. Trotz flächendeckender Inserate sind lediglich bei der Stelle „Hilfsarbeiter für die Produktion“ – eine Stelle für welche es keiner Ausbildung bedarf – 15 Bewerbungen eingegangen.

    Soziale Hängematte zu weich

    Gut 80 Prozent der Bewerber waren laut dem Unternehmer Personen mit Asylstatus und Arbeitserlaubnis, allerdings mit „grad und grad gebrochenen Deutschkenntnissen“. Laut Jenwein hat sich nur ein einziger Landsmann unter den Bewerbern befunden. Von den 15 Bewerbern wurden nach Gesprächen und einer ersten Auswahl zehn Personen zum bezahlten Probearbeiten für 1-3 Tage eingeladen. Damit hatten sie die Chance, den Betrieb und seine Angestellten kennenzulernen.

    Was der Unternehmer dann miterleben musste, zeigt wohl in vielerlei Hinsicht die massiven Probleme auf, die am österreichischen Arbeitsmarkt vorherrschen.

    – Fünf Personen sind nicht zum vereinbarten Probearbeiten erschienen. Auf telefonische Nachfrage daraufhin haben mir 2 Personen (beide mit Asylstatus) gesagt, für 1300€ nicht arbeiten zu kommen, dafür ist ihnen die Anreise mit dem Bus zu anstrengend (bei beiden ca. 35 Minuten Fahrt insgesamt)

    -Eine Person (Tschetschene) sagte mir sie hat es sich anders überlegt, will gar nicht erst Probearbeiten kommen.

    -Die vierte Person (Asylstatus) habe ich telefonisch nicht erreicht.

    -Ein 17-Jähriger Syrer, dem ich eine Lehre zur Fachkraft angeboten habe, ist auch nicht erschienen, da habe ich gar nicht mehr nachgerufen.

    – Zwei Personen brachen das Testarbeiten spätestens nach dem ersten Tag ab.

    – Eine Person (Asylstatus) sagte ganz offen, dass der Job zu anstrengend wäre, zuhause ist es angenehmer.

    – Eine Person (Österreicher) kam unentschuldigt am zweiten Tag nicht mehr weil nach telefonischer Rückfrage die Katze kastriert werden muss (what?!)

    – Zwei Personen (ein Iraner und ein Serbe) habe ich am zweiten Tag abgelehnt, da sie keinerlei Motivation zu arbeiten zeigten.

    – Eine Person (in Österreich aufgewachsener Kroate) kam zum Probearbeiten für zwei Tage und wurde eingestellt

    – Eine Person (aus Ghana) wird voraussichtlich mit Montag fix eingestellt.

    Das System ist schuld

    Das Fazit des Wirtschaftstreibenden ist ernüchternd: „Die letzten drei Wochen haben mir klar aufgezeigt, dass unser System eine Veränderung braucht. Viele liegen in der sozialen Hängematte und lassen sich von anderen, hart arbeitenden Personen das Leben finanzieren. Ich bin der Meinung, dass 1300 netto für Personen ohne Ausbildung kein unzumutbarer Einstiegsgehalt ist. Dennoch ist der Anreiz für viele zu gering um von der Hängematte aufzustehen. Man darf hier auch den Personen mit positiver Asylberechtigung und anderen Mindestsicherungsbeziehern nur wenige Vorwürfe machen, immerhin lässt das System das ja zu. Man könnte denken: „Dumm wären sie, wenn sie es anders machen würden.“ Das System gehört geändert, nicht die Person alleine beschuldigt.“

    UT24 hat mit dem jungen Unternehmer gesprochen:

    Herr Jenewein, warum glauben Sie haben sich kaum Österreicher für die von Ihnen ausgeschriebenen Stellen beworben?

    Dominink Jenewein: Weil in Österreich zwischen Arbeit und Nichtstun zu wenig Differenz ist. Die Entlohnungen sind oft recht niedrig und es gibt viele, die sich in die soziale Hängematte legen und die Situation ausnutzen. Viel zu viele Leute leben auf Kosten anderer. Wenn man die Zeitung aufschlägt und mit Unternehmen redet – egal mit welchem- fast alle suchen Mitarbeiter. Trotzdem haben wir fast eine halbe Million Arbeitslose. Wenn man vom Staat eh alles kriegt was man brauch, wieso sollte man dann arbeiten gehen?

    Wo drückt der Schuh am österreichischen Arbeitsmarkt Ihrer Meinung nach am meisten?

    Es gibt zwei Hauptprobleme in Österreich. Erstens: Die Differenz zwischen Arbeiten und Nichtstun ist oft zu gering. Viele Leute bleiben deshalb einfach daheim. Zweitens: Die Unternehmen müssen unglaubliche Abgaben für Arbeit zahlen, die Lohnnebenkosten sind wahnsinnig hoch. Wir haben in Österreich die zweithöchste Besteuerung für Arbeit in der ganzen EU. Dadurch haben die Unternehmen das Problem, dass sie ihren Angestellten nicht mehr zahlen können, ohne gleich eine extreme Finanzlast aufgebunden zu bekommen. Weiters: Wir haben einen gravierenden Fachkräftemangel. Wir haben sehr sehr viel niedrig qualifiziertes Personal, natürlich auch durch die Flüchtlingsfrage hervorgerufen. Überall heißt es: „Du musst studieren, studieren, studieren, damit du was bist.“ Die Lehre hingegen ist oft absolut unterbewertet. Dementsprechend gehen uns allen die Fachkräfte aus, besonders im Handwerk.

    Wie haben Sie vor, die Personalsuche für Ihr Unternehmen in Zukunft zu gestalten?

    Wir sind ein Unternehmen, das sehr gerne und sehr viel selber ausbildet. Auch in der Vergangenheit war das schon der Fall. Wir haben in den letzten Jahren nicht einen einzigen Facharbeiter gefunden, der zu uns gekommen ist, weil sich in dem Bereich der Tischlerei nie jemand beworben hat. Es gibt so gut wie keine freien Facharbeiter in der Branche. Dementsprechend ist das selber Ausbilden für die Personalsuche das Beste. Jedoch kommt da schon das nächste Problem: es gibt wenige junge Leute, die eine Lehre machen wollen und deshalb ist es auch sehr schwer Lehrlinge zu finden, obwohl wir in Österreich mit dem dualen Ausbildungssystem ein unglaublich gutes Bildungssystem haben. Es gibt genug Anreize für Lehrlinge, aber es wird viel zu viel auf Studium gesetzt. Die Social Media sind natürlich hilfreich bei der Personalsuche. Ohne sie wäre es noch viel schwieriger wen zu finden. Der Großteil der Leute die sich die letzten Wochen beworben haben, wurden vom Arbeitsmarkt Service vermittelt bzw. sind über diesen zu uns gekommen. Bei vielen Arbeitslosen merkt man aber oft, dass sie nur kommen um einen Stempel zu bekommen, oder kurzzeitig zu arbeiten. Bei vielen hat man gesehen, dass die Motivation eine Anstellung zu finden, nicht wahnsinnig groß war.

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    1. Vintschger
      17.06.2017

      In Nordtirol mangelt es an Lehrlingen, in Südtirol an Lehrstellen.
      Die Politiker gehören hier wie dort ausgetauscht.