• Südtirol
  • „Wir müssen über Gewalt in der Geburtshilfe reden“

    Die neue Vorsitzende des Kollegiums der Südtiroler Hebammen Sara Zanetti ist seit zwölf Jahren Hebamme: „Gewalt in der Geburtshilfe findet auch in unserem Land statt“, sagt die Brixnerin selbstkritisch.

    APA (dpa/Symbolbild)

    Dabei unterscheidet sie nicht zwischen den Geburtsorten. Gewalt passiere sowohl im Krankenhaus, als auch bei Hausgeburten oder in Ambulatorien. Zanetti nimmt den medizinischen Notfall aus und spricht von ganz normalen Geburten, von denen es in Südtirol täglich rund 15 gibt. Im Jahr 2016 wurden 5.447 Kinder geboren. Dabei würden Hebammen, Ärzte und PflegerInnen manchmal Grenzen überschritten, die nicht sein dürften. Es geht nicht nur um den Kristeller-Handgriff, der durch wehensynchronen Druck auf das Gebärmutterdach die Geburt des Kindes beschleunigen soll und sehr umstritten ist, sagt Sara Zanetti. Es gehe vielmehr um die parallele Betreuung von mehreren Gebärenden gleichzeitig: Dabei sei es nicht möglich, sich ganz auf eine Frau einzulassen und das notwendige Vertrauen in dieser außergewöhnlichen Situation aufzubauen. Es gehe auch um entblößtes Herumliegen bei offener Tür, um fehlende Informationen an die werdenden Mütter, um Vorschriften und Richtlinien, die die Bedürfnisse der Frauen hinten anstellen, um vaginale Eingriffe ohne Zustimmung der Gebärenden und um eine gewisse Hörigkeit dem medizinischen Personal gegenüber.

    Manche Gebärende sagten, sie seien keine ExpertInnen und würden sich deswegen allem fügen, erklärt die Brixner Hebamme. Verkürzte oder mangelnde Information dürfe nicht mit Sicherheit wegargumentiert werden, erklärt die Vorsitzende des Hebammenkollegiums. Kürzlich hat eine weltweite Studie für Aufsehen gesorgt, die von OVO Italia (Osservatorio per la Violenza Ostetrica) begleitet wurde. Demnach waren in Italien in den vergangenen 15 Jahren rund eine Million Frauen von Gewalt in der Geburtshilfe betroffen. Südtirol wird dabei nicht explizit erwähnt, aber auch nicht ausgeschlossen.

    Wenn man von Gewalt in der Geburtshilfe spricht, müsse zuerst der Begriff geklärt werden, sagt Sara Zanetti. Gewalt in der Geburtshilfe meine nicht, dass medizinisches Personal die schwangere oder gebärende Frau absichtlich oder bewusst verletze oder gar misshandle. Die Vorsitzende des Kollegiums der Hebammen spricht von normalen und nicht von Notsituationen, von standardisierten Abläufen und von der auch vorkommenden Praxis, Frauen ohne ihre Zustimmung, ohne ausreichende Information oder manchmal gar gegen ihren Willen zu behandeln. Das Wichtigste sei, dass die gebärende Frau Protagonistin ihrer Geburt bleibe und nicht fremdbestimmt werde. Sara Zanetti warnt davor, bestimmte Handlungen unter dem Mantel der Sicherheit zu argumentieren. „Klar steht die Gesundheit über allem“, sagt Sara Zanetti. Aber das rechtfertige es nicht, die Wünsche der Frauen und die Informationspflicht ihnen gegenüber zu vernachlässigen.

    Der Fehler liege vielfach im System, ist das Kollegium der Hebammen überzeugt: zu wenig Zeit für die einzelnen Gebärenden, strukturell vorgesehene Abläufe und Vorschriften, die die Wünsche der Frauen in den Hintergrund rücken. Vielfach fehle es den Gebärenden auch an Wissen und Selbstbestimmtheit, sagt Sara Zanetti.

    Es brauche dem Thema gegenüber mehr Aufgeschlossenheit und Achtsamkeit, ist die Vorsitzende des Hebammenkollegiums überzeugt. Sie will niemanden anklagen und die Verantwortung nicht abwälzen, sondern appelliert an die Sensibilität aller Agierenden in der Geburtshilfe: „Alle, die in diesem heiklen und sehr sensiblen Bereich arbeiten, müssen sich dem Thema ‚Gewalt’ stellen“, sagt sie.

    Gewalt in der Geburtshilfe findet auf der ganzen Welt statt: bei Geburten im Krankenhaus, zu Hause oder in Geburtshäusern. Die stellvertretende Vorsitzende des Südtiroler Hebammenkollegiums und freiberuflich tätige Hebamme Astrid Di Bella ist überzeugt, dass auch der Mangel an Hebammen für die teilweise schwierigen Zustände in den Geburtsabteilungen verantwortlich ist: „Eine Hebamme kann nicht zwei Gebärenden und deren Partnern gleichzeitig gerecht werden“ sagt sie. Eine Geburt sei eine außergewöhnliche Situation, die den Frauen alles abverlange. Umso wichtiger sei es, ihnen ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken und sie sensibel und achtsam zu unterstützen. Astrid Di Bella lädt Frauen und Familien ein, sich während der Schwangerschaft gut zu informieren und bei der Geburt ihre Wünsche klar zu äußern: „Wir wollen, dass die Schwangere und Gebärende sich spürt, ihre Bedürfnisse und ihren Körper wahrnimmt, an ihre ureigene Kraft glaubt und das Kind selbstbestimmt zur Welt bringt“, sagt sie.

    Sara Zanetti ergänzt: „Jede einzelne medizinische Intervention braucht die Zustimmung der Gebärenden.“ Manchmal sei es auch ‚nur’ ein falsches Wort oder ein unpassender Satz, der die Situation während der Geburt zuspitze und das notwendige Vertrauen unterbinde: „Gebärende brauchen Empathie, einen intimen und geschützten Raum. Sie wollen mit ihren Ängsten und ihrem Schmerz nicht alleine gelassen werden.“ Der Druck des medizinischen Personals, die vorgegebenen Arbeitszeiten und die nicht planbaren Geburtszeiten öffneten der Gewalt in der Geburtshilfe die Tür, auch wenn sich die gebärenden Frauen ihrer manchmal nur unterschwellig gewahr werden.

    Das Kollegium der Südtiroler Hebammen ist überzeugt, dass die Situation in Südtirol besser ist als andernorts. Nichtsdestotrotz seien die öffentliche Diskussion und die Sensibilisierung sowohl des medizinischen Personals als auch der Bevölkerung notwendig. Die Südtiroler Hebammen wollen sich im kommenden Jahr dem Thema „Gewalt in der Geburtshilfe“ verstärkt widmen und planen unter anderem Fortbildungen und Treffen dazu.

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