Strache geht auf Erdogan-Wähler los

FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache greift in einem Offenen Brief die Erdogan-Wähler in Österreich und Deutschland scharf an. Darin fordert er die „unglücklichen und unverstandenen Türken“ auf, am besten sofort in ihre Heimat zurückzukehren.

APA (Archiv)

Nach der großen Zustimmung von Türken in Österreich und Deutschland für das Referendum von Machthaber Erdogan, geht FPÖ-Chef Strache auf die Unterstützer des türkischen Präsidenten los.

Bekanntlich hatten rund 73,22 Prozent der Austro-Türken für das Präsidialsystem gestimmt, welches Recep Tayip Erdogan von nun an mehr Machtbefugnisse einräumt.

In einem langen Brief rechnet der österreichische Spitzenpolitiker „im Namen der Mehrheit der Bürger in Österreich und Europa“ mit den Erdogan-Fans ab und lädt sie ein, zurück in die Türkei zu ziehen. UT24 veröffentlicht den kompletten Wortlaut:

Liebe Erdogan-Anhänger in Österreich und Deutschland,
nachdem ich schon seit Längerem mit Sorge und Mitgefühl beobachte, wie unglücklich und unverstanden Sie sich bei uns fühlen, bin ich nach eingehenden Überlegungen zu der Überzeugung gelangt, dass es Ihnen nicht weiter zuzumuten ist, hier zu bleiben. Das Letzte, was ich will, ist, dass Sie und Ihre Familien leiden müssen.

Ich verstehe Sie ja: Sie fühlen sich bei uns von einer Geisteshaltung und einer Kultur bedrängt, die Sie nicht gutheißen. Sie dürfen hier ihre Töchter nicht in minderjährigem Alter verheiraten, Sie dürfen Ihrem Wunsch nach Todesstrafe und Presseunfreiheit nicht nachkommen. Sie müssen sogar fürchten, dass Ihre Meinungen hier ungehört verhallen, weil sie niemanden interessieren. Das allein sind schon echte Schicksalsschläge.

Aber das Schlimmste steht erst bevor. Es besteht die alarmierende Gefahr, dass Ihre Kinder in Freiheit aufwachsen und für sich selbst entscheiden könnten, was sie wollen; sogar Mädchen und Frauen haben ein Recht darauf, gleichberechtigt, gebildet und frei leben zu dürfen. Unter uns: Muss das wirklich sein? Muss man jede Mode mitmachen? Glockenhosen trägt ja auch schon lange keiner mehr.

Stellen Sie sich vor, was passieren könnte, wenn auch türkische Frauen diese Rechte in Anspruch nehmen würden! Das gibt ganz sicher Scherereien. Egal ob Sie Mutter, Vater, Bruder oder Schwester einer jungen Frau sind, die auf die schiefe Bahn geraten ist: Wenn diese sich von einem Mann entehren lässt, bringt sie unverzeihliche Schande über die ganze Familie, und Vater oder Bruder müssen das, naja, sie wissen schon. Die müssen das wieder ausbügeln. Aber das ist bei uns leider verboten. Und das werden wir auch nicht ändern. Ich weiß zwar, dass es Ihnen ziemlich egal ist, was bei uns erlaubt und was verboten ist, aber die Richter hier sind ziemlich spaßbefreit, und die Intoleranz unserer Gesellschaft geht so weit, dass man in unseren Gefängnissen möglicherweise nicht genug Erdogan-Reden anschauen kann.

Schauen Sie, das alles ist für Sie mit großem Stress behaftet, dem Sie vermutlich auf Dauer nicht standhalten können. Stress macht krank und unglücklich. Wenn Sie zum Beispiel an einem kurdischen Restaurant vorbeigehen und sich an Ihrem Hals plötzlich dicke Kabeln bilden, deuten Sie die Signale Ihres Körpers richtig! Es ist nur logisch, sinnvoll und vom gesundheitlichen Standpunkt aus sogar nötig, dorthin zu gehen, wo Sie all das, was Sie für wünschenswert halten auch leben können. Ihr Präsident wird Sie mit offenen Armen empfangen, denn nachdem er jede Menge Staatsfeinde eingesperrt hat, hat sich die Lage am Wohnungsmarkt entspannt. Auch wirtschaftlich führt Sie Erdogan in goldene Zeiten, denn wer in Zukunft hingerichtet worden ist, isst und trinkt nicht mehr und liegt niemandem auf der Tasche!

Soll ich fortsetzen? Arbeitsplätze! Jede Menge Arbeitsplätze! Die Posten der eingesperrten “Terroristen” bzw. “Staatsfeinde” in Schulen, Universitäten, Gerichten usw. müssen nachbesetzt werden! In solchen Zeiten könnte auch bei Minderqualifikation des Kandidaten ein Auge zugedrückt werden! Bei uns ist man da viel zu kleinlich. Wenn das nicht die Chance Ihres Lebens ist! Selbst wenn Ihre Familie so groß ist, dass Sie sich so viele Namen gar nicht merken können, wird es keine Unterbringungsprobleme geben, denn da die Österreicher und Deutschen in Ihrem Land keinen Urlaub mehr machen möchten (die anderen Europäer bestimmt auch nicht), gibt es noch dazu jede Menge große Hotels mit allem Komfort, die nun leer stehen.

Außerdem sind Sie Patriot! Ihr Präsident kann alle Unterstützung brauchen, aber was nützen Sie ihm, wenn Sie so weit entfernt von seiner liebenden Hand dahinvegetieren? Ihr Präsident hat Großes vor, und nicht zuletzt möchten Sie doch sicherlich hautnah miterleben, wie die Türkei endlich zu dem wird, was Sie und Ihr Präsident sich sehnlichst wünschen.

Tun Sie also sich und Ihrem Präsidenten einen Gefallen, und kehren Sie in ihr Land zurück. Das wird für Sie und Ihren Präsidenten der schönste Moment des Lebens sein. Seien Sie da, wo Sie gebraucht werden und wo Ihrem Glück nichts im Wege steht. Besteigen Sie ein Flugzeug, und in wenigen Stunden scheint in Ihrer Welt wieder die Sonne. Mich wundert ja fast, dass Sie da noch nicht selbst draufgekommen sind. Aber man sieht ja manchmal vor lauter Wald die Bäume nicht mehr. Besonders, wenn man gestresst ist. Ich freue mich, wenn Sie endlich wieder glücklich sein können. Und bedenken Sie das schöne Sprichwort: Jeder Abschied ist ein neuer Anfang.

Mit herzlichen Grüßen

HC STRACHE UND DIE MEHRHEIT DER BÜRGER IN ÖSTERREICH UND EUROPA

PS. Vergessen Sie bitte nicht bei der Ausreise Ihren österreichischen oder deutschen Pass, der sicherlich wie ein Dokument der Hölle in Ihren Taschen brennt, beim Zoll zurückzugeben. Dieser Pass steht für die Demokratie, Redefreiheit, Pressefreiheit, die Gleichheit der Geschlechter und andere Perversionen. Er ist bäh und stinkt nach Köter. Ohne diesen peinlichen Ausweis können Sie Ihrem gelobten Land da dienen, wo es am sinnvollsten ist – innerhalb seiner eigenen Grenzen.

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  1. swiss-austrianer
    24.04.2017

    Auch wenn ich mit der FPÖ nicht sympatisiere, der Brief von Herrn Strache ist vollkommen richtig! Für mich ist es ohnehin äusserst unverständlich, dass die österreichischen Exekutivbehörden nicht tätig wurde, anlässlich der Türken-Abstimmung mögliche Doppelstaatsbürger ausfindig zu machen, obwohl die Rechtslage eindeutig und es ein offenes Geheimnis, dass es da eine erhebliche Anzahl von Doppelbürgern gibt.