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  • Brexit Day

    Ein Jubeltag ist es nicht, aber auch kein Black Friday, der Tag nach dem Brexit. Es ist kein „Sieg des Misstrauens“ (FAZ), kein „schwarzer Tag für Europa“ (BILD), und Europa ist auch kein „Abbruchhaus“ (DIE PRESSE). In deutschen Landen sieht man den Brexit ganz düster. Ja, es ist ohne Frage ein politisches „Erdbeben“ (Sebastian Kurz) und ja, die Schotten haben schon wieder das Nachsehen (Elmar Thaler). Aber es geht um etwas Großes.

    Kommentar von Georg Dekas

    Deshalb wäre gut, wenn heute, am Tag nach dem EU-Referendum im Vereinigten Königreich, der als Brexit-Day in die Geschichte eingehen wird, die Köpfe kühl und die Zungen zahm blieben. Ganz daneben benimmt sich BILD-Chef-Kommentator Nikolaus Blome gleich bei der Eröffnung seiner Meinung. Er schreibt: „Also doch: Die Briten sind irre. Sie haben mit Mehrheit beschlossen, … sich damit allesamt selbst in den Kopf zu schießen.“ Das ist arrogant und mit Verlaub, typisch reichsdeutsch. Da hat Patrick Bernau von der Frankfurter Allgemeinen schon das bessere Gespür, wenn er ahnt: „Sicher ist: Eine Union, die noch stärker als bisher nach den Regeln der Mittelmeerstaaten funktioniert, liegt nicht unbedingt in Deutschlands Interesse.“

    Gut wäre auch, wenn es jetzt endlich aufhören könnte mit den Unkenrufen und mit allerlei herbei geredetem Unheil. Nein, Schottland und Nordirland werden sich nicht vom Vereinigten Königreich abwenden. Schon vergessen? Es war ja gerade Brüssel, das den Schotten in den Rücken gefallen ist. Genauso wie sie den Engländern versucht hat, die Selbständigkeit auszureden. Nur haben die Kontinentalen diesmal keinen Stich gemacht. Nein, wer Schotten und Katalanen in ihrem Bestreben nach Unabhängigkeit unterstützt, kann mit dieser EU keine große Freude haben. So schön es wäre, eine Art kaiserliche Zentralmacht in der Mitte zu haben und rundherum alles bunte kleine eigenständige Länder unter ihrem Schirm, mit dieser EU bleibt das nur ein edler Traum. Die EU nach dem Berliner Mauerfall ist etwas anderes als die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft davor. Die EU ist ein geopolitisches Projekt des Westens, das den gemeinsamen Markt und Reisefreiheit nur als Zuckerlen für die Massen bereithält. In Wirklichkeit ist die Union als Bollwerk Amerikas gegen Osten gedacht, nicht nur gegen Russland, auch gegen China. Die Hauptwaffe sollte der Euro als neue starke Währung sein, der, ohne den Dollar anzugreifen, auf lange Sicht den Rubel und den Yuan in Schach halten sollte. Mit dem Euro hat man auch nach und nach die Oststaaten aufgesaugt und Griechenland in die EU hineingeschwindelt, aus dem einzigen Grund, sie alle dem Einfluss Russlands zu entziehen. Die Deutschen haben (wie immer) auch in dieser Partie begeistert und federführend mitgemacht. Na gut, sie haben dafür die Herzstücke ihres Landes wieder vereinen dürfen. Es kann selbstverständlich nie und nimmer im Plan einer EU liegen, neue Staatsgründungen außerhalb der ex-kommunistischen Operationszone zuzulassen. Tatsächlich hat sich die EU noch gegen jede Staatsneugründung im Westen Europas gestellt. In Sachen Selbstbestimmung muss man dem Marathon-Sitzungs-Moloch EU keine Träne nachweinen. Er ist nebenbei nicht viel besser als die einstige Stahlachse zweier berühmter Diktatoren. Wie früher die „Führer“ verspeist er ein kleines Grenzland zum Frühstück. Schottischen Lachs, flandrische Pommes, ein Guiness und katalanischen Rotwein dann zu Mittag.

    Nein, es war ganz und gar nicht im Sinne der geopolitischen Baumeister, dieser Brexit. Für sie ist es ein Patzer von Cameron. Denn was diese ebenso unscheinbaren wie dunklen Machthaber am meisten fürchten und verachten, das ist Demokratie, die echte. Sein Volk wird dem David Cameron eines Tages noch ein Denkmal aufstellen müssen. Wenn sich Britannien als Atommacht und als historischer Verbündeter der USA jetzt aus dem Bollwerk EU zurückzieht, dann hat das ernste und weitreichende Folgen. Die haben aber wenig mit den heutigen Spekulationen über mögliche Katastrophen zu tun. Im Gegenteil, es wird eine spannende, auch konfliktreiche, aber ich wage zu sagen, eine gar nicht schlechte Zeit. Politisch, wirtschaftlich und kulturell. Nur eines steht ab heute fest. Deutschland ist drauf und dran, seinen Dritten Weltkrieg, den Eurokrieg, zu verlieren. Ironie: Man wollte Frieden und führte Krieg mit anderen Mitteln. Wohl auch deshalb die Moll-Töne aus Berlin, Wien, München und Brüssel, der EU-Hauptstadt.

    Wenn dieser blöde Krieg einmal vorbei ist, werden wir das Danach als Befreiung empfinden. Noch ein Schlusssatz: Wer befürchtet, dass die Teilung Tirols für alle Ewigkeit eine unveränderbare Sache bliebe, weil der Brexit die Nationalstaaten und indirekt auch Italien stärken würde, der sollte das Ganze einmal von der anderen Seite anschauen. Erstmals hat ein großes Land in Europa gesagt: Nein, wir können selber besser. Ich bin überzeugt, und es hat sich gezeigt, dass dieser Ruf der Freiheit viel mächtiger ist als das Herumrechnen und Intrigieren. Das ist der neue Wind, mit dem das Europa der großen und der kleinen Völker Fahrt aufnehmen kann. Allerdings nur, wenn Frau Europa vom alten, schweren Kahn, auf dem sie schippert, in ein neues, wendigeres Boot umsteigt, das auch ein Steuer hat und vor allem große, weiße Segel. Sonst Klippe und Klappe zu.

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