Florian Stumfall

14.04.2021

Zweifelhafte Lehre

Der Begriff des Rassismus hat sich seiner eigentlichen Bedeutung enthoben und umfasst nun, frei von aller ethnologischen Einschränkung, nach Belieben alle Verhältnisse in einer Gesellschaft, in denen Unterschiede oder gar Gefälle zwischen den Menschen festzustellen sind. Zu seiner Beliebtheit hat vor allem beigetragen, dass der Begriff keinen Widerspruch duldet, auch keine Erklärung, ja nicht einmal eine Entschuldigung. Er stellt das Urbild des Vorwurfs dar, alles vernichtend, was sich gegen ihn erheben will. Allein seinetwillen hätte man die politische Korrektheit zum Maßstab der Welt machen müssen.

Als Araber mit Afrikanern handelten: Sklavenmarkt auf Sansibar im 19. Jahrhundert.

Längst hat die Gewohnheit, mit dem Rassismusvorwurf eigenen Vorstellungen weiterzuhelfen, den Weg von der Politik in die akademische Welt gefunden. Und da setzt neuerdings der Professor Dan-el Padilla Peralta, der an der angesehenen Universität von Princeton, New Jersey, USA, klassische Literatur liest, Marksteine. In seinem Bemühen, das klassische Schrifttum, also das Erbe der Griechen vom 6. Jahrhundert v. Chr. bis zum Ende des Altertums, etwa tausend Jahre später, nach „weißem Nationalismus“ zu durchforsten, tut er es einigen seiner Kollegen gleich. Doch er übertrifft sie noch mit Aussagen wie der, dass „die Klassik so sehr mit der weißen Vorherrschaft verwoben ist, dass sie unlösbar mit ihr verbunden ist. … Das Hervorbringen vom ‚Weiß sein‘ entpuppt sich bei näherer Betrachtung als in den Grundfesten dieser Klassik verankert.“

Missbrauch des Rassismusvorwurfs

Dementsprechend, so Peralta, müsse der Lehrplan von allen rassistischen und kolonialistischen Elementen befreit werden. Dies soll dadurch geschehen, dass Philosophen wie Heraklit, Parmenides und Aristoteles bis hin zu Zenon von Kition gestrichen und durch afrikanische Autoren ersetzt werden. Doch hier stockt der Leser. Kann es sein, so fragt er sich, dass es zielführend sei, in der Geschichte der Philosophie tausend Jahre und ausgerechnet das grundlegende, prägende und die Folgezeit gestaltende Millennium zu streichen? Vor allem angesichts des offenkundigen Unsinns, aus dem die Vorwürfe gegen die Klassiker bestehen?

Gut – es ist natürlich nichts dagegen einzuwenden, es ist sogar notwendig, dass andere als die klassischen Autoren ebenfalls akademisch behandelt werden. Aber deshalb muss man jene nicht dem Vergessen anheimgeben. Ein zweites Problem gesellt sich hinzu. Die afrikanischen Kulturen waren noch lange nach der antiken Klassik ungelehrt, nicht wissenschaftlich gebildet. Das bedeutet, es sind keine schriftlichen Überlieferungen vorhanden, philosophische und weltanschauliche Gegenstände betreffend. Ein Ersetzen der einen durch die anderen wäre somit auch beim besten Willen nicht möglich.

Der Rassismusvorwurf nähert sich beim vorliegenden Fall in seinem weitumfassenden Selbstverständnis gedanklich sozialistischen Denkmustern. So könnte man die Idee des Klassenkampfes auf die kurze Formel bringen: Es geht nicht darum, selbst Leistung zu erbringen, sondern Dritte zu enteignen. Denn ein als misslich empfundenes Gefälle will der Sozialist nicht dadurch ausgleichen, dass er sich selbst bemüht, sondern dass er den anderen mindert. Analog dazu fühlt man sich gedrängt, dem Professor Peralta verständlich zu machen, dass man durch Wegnehmen, Streichen, Verbieten nichts verbessert, sondern nur dadurch, dass man den kritisierten Verhältnissen, das heißt hier also Schriften, etwas Entsprechendes gegenüberstellt. So pflegten Auseinandersetzungen im Forum des akademischen Austausches bislang abzulaufen.

Der Hochschullehrer mit dem gestörten Verhältnis zum eigenen Fach sollte noch eine weitere Überlegung bedenken. Natürlich wird niemand bestreiten, dass gegenüber dem europäischen Kolonialismus Kritik nicht nur erlaubt, sondern auch angebracht ist. In seinem Namen wurden schwere Verbrechen begangen. Nur die Folgerung des Professors geht in die falsche Richtung. Denn er dürfte sich außerstande sehen, von den Klassikern, die das Menschenbild der Toleranz und des Mitgefühls grundgelegt haben, eine folgerichtige Ableitung zu den Menschen herzuführen, die sich etwa im ehemaligen Belgisch-Kongo schwerstens gegen das eigene Menschenbild versündigt haben.

Auch Schwarze waren Unterdrücker

Denn wäre das klassische Erbe die Ursache von Unterdrückung und Sklaverei, dann hätte man Not, Verhältnisse zu erklären, die in Afrika, um bei diesem Beispiel zu bleiben, lange vor dem Auftauchen der Weißen viele Völker in Bedrängnis gebracht haben. So wurden die Damara in Namibia von den Ovambo über viele Generationen versklavt und misshandelt, um nur ein Beispiel zu nennen.

Die Gewalt unter den Menschen ist durch keine Herleitung von Sokrates oder Heraklit zu erklären. Gleichwohl ist sie überall und zu allen Zeiten anzutreffen, unabhängig von der Rasse, der Hautfarbe, der Kultur oder der Entwicklung der Völker. Die Europäer mag aus der Geschichte der Vorwurf treffen, dass sie entgegen ihrem eigenen Menschenbild Völker und Länder unterdrückt haben. Andere taten das im Einklang mit ihrer Weltanschauung. Unter solchen nehmen die Araber einen vorzüglichen Platz ein. Der Imperialismus, den sie in die Welt getragen haben, gründet auf dem ausdrücklichen Befehl ihres Propheten Mohammed. Kaum anderswo kann man Herkunft und Rechtfertigung einer gewaltsamen Dominanz so klar lokalisieren.

Die Lösung des vorliegenden Problems aber ist überaus einfach. Wer der klassischen Philosophie der Antike ablehnend oder voller Vorwürfe gegenübersteht, soll sie entweder widerlegen oder aber sie nicht als sein Fach wählen. Man könnte ersatzweise Laotse lesen oder Buddha oder aber die Mythen der Bön aus Shangri-La. Aber ein literarischer Bildersturm sollte sich für kultivierte Leute verbieten.

Kolumne von Dr. Florian Stumfall

Erstveröffentlichung PAZ (redaktion@preussische-allgemeine.de)

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