Ein Blog von

Georg Dekas

19.09.2019

Wer lenkt, schaut voraus und zurück

Was kümmert uns das Vorgestern? So denken nicht wenige. Kluge Leute aber schauen sich um, nach vorne und zurück, nach oben und unten, halten die Augen immer offen, sind nie satt und selbstzufrieden. Was einen guten und einen weniger guten Staat ausmacht, und wo wir Südtiroler besser hinpassen, ist eine legitime Frage, genauso wie die Sorge um den Klimawandel.

Bild: Pixabay/Robert Allmann

St. Germain, vor 100 Jahren: Österreich hat verloren, muss viel Land abtreten, stürzt in Armut. Italien ist bei den Gewinnern und bekommt von diesen …nichts, außer Südtirol. Das Kronjuwel. Aber ja, Herr ka, wen kümmert schon das Vorgestern? Also lassen wir die verwöhnten Landeskinder rund um Bozen mal „laut nachdenken“ und „vor- anstatt zurückschauen“. Gönnen wir den jüngeren Generationen doch die Glückseligkeit des überbordenden Wohlstandes in Frieden, die schöne Landschaft und die neuen Prioritäten: Genuss ohne Ende und Billigflüge in alle Welt. Doch halt! Jeder noch so unbedarfte Fahrzeuglenker macht beides, nach vorne schauen und nach rückwärts schauen, alles andere wäre echt gefährlich. Sind wir denn Einzeller, dass wir nicht beides können? O nein, kluge Leute schauen sich um, nach vorne, zurück, nach oben und unten, halten die Augen immer offen, sind nie satt und selbstzufrieden.

Etwas stiller vorgedacht: Leute, die zu wenig schauen, sind meist auch jene, die nicht nur die Vergangenheit, sondern auch den lieben Gott einen braven Mann sein lassen. Die halten den Schutzengel für eine fromme Erfindung und jeden Priester für einen Päderasten. Wer diese Gattung Mensch zu Gott oder Vaterland bekehren möchte, erntet ein müdes Lächeln oder Achselzucken. Klar, wer Vollkasko umsorgt ist, braucht keine höheren Mächte. Insofern frisst der Erfolg der Südtirol-Autonomie die eigenen Kinder. Ihnen sei gesagt: Das Aufbäumen gegen den Verlust und die Zerstückelung des eigenen kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Kerns hat 100 Jahre harte Arbeit gebraucht, damit die guten Dinge wieder halbwegs so gut sind, wie sie vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges im August 1914 schon einmal gewesen sind. (Denkt allein an die Tragödie der Juden.) Die Verletzungen sind geheilt, die Not überwunden, das ja und Gottseidank. Daraus abzuleiten, dass alles Gestern vergessen gehört und der Mensch für alle Zeiten gut sei, ist Kinderschokolade.

Es zeigen doch die Demos gegen den Klimawandel, dass auch an den „heutigen“ Südtirolern eine Sorge nagt. Die Jungen blicken in die Vergangenheit und fragen sich: Was ist bisher geschehen? Warum ist alles so geworden? Wie soll es weitergehen? Was kann ich beitragen, um aus dem Guten ein Besseres zu machen? Das sind legitime Fragen, die keineswegs nur den Klimawandel betreffen. Sie sind gültig für das eigene Leben, für die eigene Zukunft und für die nicht ganz unwichtige politische Gestaltung der Gesellschaft. Junge Südtirolerinnen und Südtiroler sind eben nicht ausschließlich hedonistische Einzeller.

Zwar denken viele, aber längst nicht alle, so wie geschlagene 3 (!) Millennials, die bei einer „Straßenumfrage“ von RAI Südtirol zu 100 Jahre St. Germain ins Mikro sagen dürfen, was es für ein Glück ist, zu Italien zu gehören. Diese so erwachsen wirkenden Schulbänkler haben 13 Jahre Gehirnwäsche hinter sich, aber sicher noch keine Firma aufgemacht und am Leben gehalten, keinen Gerichtsprozess bestritten, sind auf keine Notaufnahme irgendwo zwischen Lampedusa und Ala angewiesen, haben um keine Arbeitsstelle kämpfen oder sich dafür erniedrigen lassen müssen, haben das Glück gehabt, nicht entführt, ausgeraubt, bedroht oder genötigt worden zu sein. Ein paar Lebensjahrzehnte weiter und man wird mit diesen Jungen vernünftig über die Frage reden können, was einen guten und einen weniger guten Staat ausmacht, und wo wir Südtiroler besser hinpassen, nicht nur von der Geschichte her, auch von Natur aus und vor allem vom Willen her.

Drum schaut voraus, zurück und rundum. Lasst Euch nicht einlullen von lässig weichgespülten Kommentaren und Leuten, die sagen, hör auf zu bohren, sei kein Besserwisser, lass alle Fünfe gerade sein. In der höheren politischen Diskussion (die, zugegeben, nicht für Hinz und Kunz oder Toni und Vroni gemacht ist) geht es einem neuen Südtirol ja gerade darum, nicht Sklave der Geschichte zu sein, sondern friedlich und selbstbestimmt die eigene Zukunft zu gestalten. Ganz nach dem Grundsatz: Das Bessere ist stets Feind des Guten.

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