Ein Blog von

Georg Dekas

09.02.2019

Von Sprachmeistern und Fabelwesen

Warum eine gemischtsprachige Schule ihr Versprechen auf (Sprach-) Gewinn nicht halten kann.

Kentaur und Minerva von Botticelli

Bis heute steht die Identität Südtirols auf festen Füßen, weil die deutsche Schule in Südtirol auf festem Boden steht. Doch die Propagandisten der gemischtsprachigen öffentlichen Schule rücken immer weiter vor. Viele untergraben das Fundament, auf dem unser gemeinschaftliches, festes und doch so zerbrechliches Haus gebaut ist.

Es sind solche, die alles, was Tirol und deutsch ist, in der Vergangenheit begraben möchten. Es sind Zeitungen, die je nach Farbe entweder dem Multikulturalismus oder dem Nationalismus huldigen. Es sind „Wissenschaftler“, die Eltern glauben lassen, dass frühe Mehrsprachigkeit eine goldene Brücke für ihre Kinder sei. Es sind Aufsteiger, die sich besonders mondän geben. Schließlich sind es viele, viele Eltern, die glauben, ihre Kinder würden in einer gemischtsprachigen Schule sowohl Deutsch als auch Italienisch besser, schneller und vollständiger lernen als sonst.

Alle diese Strömungen zusammen bilden eine mächtige Lobby. Zum Teil bewusst, meist aber unabsichtlich, sägt und hackt diese Lobby an den Wurzeln der politischen Sonderrechte der Südtiroler herum. Rechte, die im Verhältnis zum italienischen Normalbürger in Mailand oder Rom den relativen Wohlstandsvorteil dieser “Provinz” mitbegründen. Doch diese unsere bescheidene Selbstverwaltung namens Autonomie genießen wir nicht, weil wir italienische Staatsbürger sind und so parlieren wie die Neapolitaner, sondern weil wir eine von der UNO anerkannte, österreichische und folglich nationale Minderheit sind, deren herausragendes (aber nicht einziges und ausschließliches) Merkmal es ist, dem deutschen Sprach- und Kulturraum anzugehören. Somit heißt es: Deutsch sein, deutsch bleiben. Oder italienisch. Oder ladinisch. Daneben verträgt es immer noch sprachliche Fabelwesen – die Kentaure, Sphinxen, Meerjungfrauen, Greife und eierlegenden Wollmilchsäue. Nur bitte nicht als System.

Dass die Südtiroler Landesregierung mehr „Fremdsprachenunterricht“ will, finden wir keinen Rückschritt, sondern schwer in Ordnung. Da hilft kein linkes Wunschdenken: Für die übergroße Mehrheit der Südtiroler ist Italienisch eine Fremdsprache – ja oft sogar schon das Hochdeutsche – und für die meisten Italiener in Südtirol einschließlich unserer italienischen Landsleute im heutigen „Trentino“ ist halt Deutsch die Fremdsprache.

Dass wir es mit den Zuwanderern aus der Zeit des Faschismus in hundert Jahren zu einem Nebeneinander gebracht haben, ist als großer Erfolg zu werten. Mit neuen und jungen Menschen guten Willens wird daraus sicher immer öfter ein Miteinander. Jedoch wird die vorhandene Kluft keinesfalls durch das Autonomiestatut „zementiert“, wie es auf der Seite der Propagandisten heißt. Das Statut respektiert und schützt vielmehr die natürliche und geschichtlich gewachsene Eigenheit aller in diesem Land beheimateten Menschen.

Die oftmals beklagte „Trennung“ zwischen daitsch und walsch beruht vielmehr auf der Tatsache, dass viele Italiener im Großraum Bozen noch längst nicht in jenem Land angekommen sind, das Tiroler deutscher, ladinischer und italienischer Muttersprache seit jeher mit Leben füllen. Es hängt auch daran, dass in diesem Land Nicht-Italiener durch die übermächtige Staatssprache gefügig gemacht werden. Wenn in Südtirol fünf Deutsche, ein Ladiner, ein Albaner und ein Italiener zusammensitzen, welche Sprache wird da wohl gesprochen? Ein fröhliches Miteinander unter Einheimischen und heimisch Gewordenen? Mitnichten. Siamo in Italia, das ist die Realität.

Wünschenswert hingegen ist, dass ALLE in Südtirol dauerhaft ansässigen Menschen, gleich welcher Herkunft, fließend drei europäische Hauptsprachen verstehen und sprechen können, bei uns sind das Deutsch, Italienisch und Englisch: Ob mit oder ohne Akzent, ob mit 2 oder 10 Jahren, das ist zweitrangig. Um dieses Ziel erreichen zu können, muss das Deutsche in Südtirol bärenstark sein. Es geht da wie bei Frauen und Männern in der Karriere. Das Deutsche ist benachteiligt und muss dreimal so viel leisten, um gleich behandelt zu werden. Der Proporz ist sozusagen unsere Quote, und die deutsche Schule unser Herz, unsere Lunge, unser Rückgrat, das wir uns von niemandem verbiegen lassen.

Jetzt sagen die ganz Schlauen: Ja, aber die Gemischtwarenhandlungsschule soll ja nur ein Zusatzangebot zur deutschen und zur italienischen Schule sein. Zusatz wird es nie sein, weil die große Gefahr besteht, dass sich das Mischmasch der städtischen Kindergärten auf die Schule überträgt und die Eltern, in der Meinung, ihr Kind habe dadurch große Sprach-Vorteile, massiv in diese Richtung drücken. Wenn dann genau diese Eltern nach 10 oder 20 Jahren erkennen, dass andere, die ihre Muttersprache in einsprachigen Schulen, kombiniert mit didaktisch hervorragend aufgebauten Fremdsprachenunterricht, es zur sprachlichen Meisterschaft gebracht haben und es beruflich in viel höhere Stellungen bringen, weil sie die Techniken der Kommunikation an ihrer Muttersprache tiefgründiger gelernt und geübt haben, dann ist es schon zu spät.

Es ist nämlich ein Unterschied „wie ein Italiener“ oder „wie ein Deutscher“ zu reden oder eben „Italienisch“ und „Deutsch“ zu können. Sprache ist nicht nur Reden. Sprache gestaltet und leitet Denken, Fühlen, Wissen. Sprache bildet mehr als alles andere. Mit den Sprachen ist es wie mit den Berufen und den Hobbys. Niemand ist ein bisschen Chemiker, ein bisschen Ingenieur, ein bisschen Physiker – und wenn, dann wird er damit kaum erfolgreich sein. Niemand wird zwingend Friseur und noch dazu ein guter, nur weil er schon als Kleinkind den Puppen die Haare bürstet.

Weil Menschen mehrere Talente haben, wählen sie meist eines davon aus, mit dem sie ihr Geld verdienen wollen. In dieses Talent investieren sie kräftig und wollen so gut wie möglich drin werden. Die anderen Talente werden in der Freizeit gepflegt. Zum Beispiel kann ein bildender Künstler auch ein Spitzenkoch sein, aber seine Werke werden nicht danach gekauft, wie gut sein Braten schmeckt.

Also: Gar nicht zweitrangig, sondern erstrangig ist, dass ein jeder die Muttersprache (und wenn er zwei oder gar drei hat, dann eben zwei oder drei) ordentlich und von Grund auf pflegt, übt, ausbaut und es bis zur Meisterschaft bringt. Daneben bleibt immer noch Platz für Latein, Hebräisch, Griechisch, Französisch, Spanisch, Deutsch, Italienisch und noch ein paar Dutzend andere Sprachen. Solange man nicht Kraut und Rüben aus Allem macht, ist das menschliche Hirn ein wunderbarer Speicher und Rechner.

Frage nebenbei: Wird in öffentlichen italienischen Schulen in Südtirol tatsächlich das Fach Philosophie auf Deutsch unterrichtet und das nennt sich „CLIL“? Dann kann man auf tirolerisch nur sagen, „CLIL“ macht „knill“, also besoffen. Wer in aller Welt glaubt, dass kleine Italiener mit Kant und Hegel je zu großen Deutsch-Sprechern werden? Wahrscheinlicher ist das Gegenteil.

Nein, verlangen wir doch von jeder Schule und von jedem Fach ein natürliches Reinheitsgebot, so wie sich das die deutschen Bierbrauer zum Gesetz gemacht haben. Wo Bier draufsteht, muss Bier drin sein. Die Mischerei kann man privat haben, wie man will – in einem professionellen Bildungssystem hat sie nichts verloren. Mit unechtem Gold kann man kurz blenden, auf lange Sicht nur verlieren.

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