Ein Blog von

Georg Dekas

16.04.2019

Umschlungen

Die Erben des Wohlstands aus der Gästewirtschaft zeigen in letzter Zeit recht medienwirksam ihre Abneigung gegen den „Fremdenverkehr“ in ihrer Heimat. Millionen von Menschen, die bei uns in Südtirol Urlaub machen, sind diesen Gesättigten nichts weiter als lästige „Touris“. Wir halten dagegen: Liebe Gäste, seid uns willkommen! Mehr noch, und das gerne in zwiefacher Wertschätzung: Seid umschlungen, Millionen!

 

Foto: LPA/Dolomitesvives

Es ist schon ein starkes Stück, dass ausgerechnet Abkömmlinge aus Gastwirtsfamilien in Meran angeblich Plaketten anbringen lassen wollen, auf denen dem Sinn nach steht: Wir haben die Nase voll von Touristen. Der gleiche Schlag von Leuten möchte die Passerstadt am liebsten zur unpassierbaren Stadt machen. Der gleiche Schlag sondert mit forcierter Spaßigkeit seine ganze Verachtung für den bundesdeutschen Gast in einem Blog ab. Da benehmen sich einige wie höhere Töchter – möglicherweise aus Familien, die vor nicht allzu langer Zeit in größter Bescheidenheit die ersten Zimmer an die „Fremmen“ vermietet haben.

Verstanden. Man gehört jetzt zur besseren Gesellschaft. Man ist vorzüglich gebildet und weit gereist, natürlich nicht als Tourist, das wär ja blöd, sondern als etwas Besonderes auf der Suche nach dem ganz Besonderen. In den Uffizien von Florenz, vor dem Eiffelturm in Paris, auf der Fifth Avenue in New York haben sich die Herr- und Damenschaften aus den Dörfern des Burggrafenamtes selbstverständlich nie als Teil der Rummelmasse gefühlt, in der sie mitten drin steckten, sondern immer als erlesenes Ich – und wenn in Gruppe, dann nur mit Fingerspitzen.

Jetzt, wieder zurück und niedergelassen in der Heimat, beklagt Ihr Euch über die vielen „Touristen“ und darüber, dass Ihr ständig im Stau steht? Ja, dass tun alle, auch unsere werten Gäste, und das zu recht. Es sind ja keine Bittsteller oder Geduldete,, die kommen, sondern erwünschte Zahlende, die jeder Wirt auf das Feinste bedient, damit sie ja wiederkehren (siehe da, „Tourismus“ kommt von lateinisch „tornare“).

Und die Staus, die gibt es schon seit längerer Zeit, ganz ohne irgendwelche Urlaubsgäste. Zählt einmal die Kenntafeln außerhalb der Saison. Südtirol ist reich geworden und fährt. Der Stauverkehr ist einheimisch. Deutsche Bergurlauber hingegen sind immer schon brave Busfahrgäste gewesen (auch wenn den höher getragenen Nasen so manche Gerüche unangenehm sein mögen). Der Blechknäuel in Südtirol ist auch aus einem anderen Grund hausgemacht.

Die grüne Irrlehre von den „Straßen, die Verkehr anziehen“ hat es im Verbund mit dem italienischen Laissez-faire und dem Landgeiz der örtlichen Bauern geschafft, vorausblickende und rationale Vorhaben im Verkehrsbereich zu verzögern oder abzublocken. Unser großer Landeshauptmann hat die Bergstraßen und Hofzufahrten gebaut und gerade noch die Mebo geschafft (die eine der höheren Töchter am liebsten bemauten würde). Doch beim Durchzug ins Vinschgau und ins Pustertal musste der wackere Durnwalder der Grünen- und Bauern-Phalanx klein beigeben (jetzt wollen sie alle Umfahrungen haben). Ohne Durnwalder gäbe es in Meran nicht einmal eine Anbindung an die Mebo (Marling) und keinen Plan für eine rationale Stadtdurchfahrt (Küchelberg). Was für eine kleinkarierte Schande!

Ihr beklagt euch, dass die schönen Plätze überfüllt sind. Sicher, vor hundert Jahren konnte man einsam auf einer Dolomitenwiese liegen und nur mit dem Geläute von Kühen im Ohr die Gipfel bewundern. Dafür stand man um viere auf, fuhr mit dem Fahrrad 150 Kilometer, bewältigte 1500 Höhenmeter, verzehrte das mitgebrachte Speckbrot und sank am Ende des Tages todmüde auf einen mit Tschillen gefüllten Sack, nachdem man auf dem Plumpsklo gesessen und sich am Hofbrunnen kurz gewaschen hatte. O ja, das war alles sehr, sehr gesund, wohlriechend und idyllisch. Leider kommt so etwas nicht einmal mehr in einem von der IDM ausgedachten Werbespot vor. Aufrichtiges Bedauern. Ein jeder von uns möchte die Ruhe und die Preise von damals haben, das Einkommen und die Annehmlichkeiten aber von heute. Ein jeder von uns möchte von einem reschen Tiroler Mädelein bedient werden statt von slowakischen oder sizilianischen Alm-Boys in Oktoberfest-Lederhosen. Inzwischen ist es halt so.

Dafür jetten unsere Gastwirtskinder um die Welt, kaufen sich das Beste zum Leben und Wohnen und vererben ihren Nachkommen Millionenwerte. Die Enkel und Urenkel der Optanten und Dableiber baden in Luxusproblemen. Dahinter gibt es schon auch echt unerfreuliche Dinge, aber die fallen unter das gesellschaftliche Blindschweigen und werden in den eigenen vier Wänden ausgelitten.

Wie wäre es mit etwas mentaler Auffrischung? Mit einem unvoreingenommen guten Verhältnis zu Geschichte und Geld? Und mit der gebührenden Hochachtung vor unseren Gästen, die uns dieses Geld verdienen lassen.

 

 

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