Kollmanns Blog

Cristian Kollmann

09.05.2023

Übersetzte Ortsnamen: In Italien „befremdlich“, doch in Südtirol „kulturell bereichernd“

„Open to meraviglia“: Unter diesem Titel betreibt das italienische Tourismusministerium auf „italia.it“ eine Kampagne für die italienischen Kunst- und Kulturgüter. An sich eine löbliche Sache, doch hat man sich bei der Kampagne einen Fauxpas erlaubt, auf den unlängst ein italienisches Medium mit Befremden reagierte: Die Texte standen nicht nur in italienischer, sondern u.a. auch in deutscher Übersetzung zum Lesen bereit. Allerdings waren diese nur maschinell übersetzt worden. Dies hatte zur Folge, dass sämtliche Ortsnamen, die wie ein italienisches Wort klangen, gleich mitübersetzt wurden. Aus dem Ort Premilcuore in der Romagna wurde so im Deutschen der Ort „Herzschrittmacher“, aus „Forni di Sotto“ im Friaul wurde „Öfen unten“, und aus dem kleinen Ort „Foglia“ im Latium wurde schlicht und einfach „Blatt“. Nachdem er medial auf den Fauxpas hingewiesen worden war, reagierte der Betreiber der Seite umgehend, indem er die ins Deutsche übersetzten Texte komplett aus dem Angebot nahm. Doch bevor dies geschah, konnten diese „komischen“ Übersetzungen immerhin noch in Bildschirmfotos verewigt werden.

Ins Deutsche wortwörtlich übersetzte italienische Ortsnamen (© Online-Ausgabe des Corriere della Sera, vom 24. April 2023. Titel des Artikels: „Open to meraviglia e le traduzioni comiche delle città italiane. Così Camerino diventa Garderobe“).

Übersetzte Ortsnamen sind zu Recht komisch. Auch in Südtirol?

Zu Recht haben die deutschen wortwörtlichen Übersetzungen der italienischen Ortsnamen in der italienischen medialen Welt Befremden und sogar ein gewisses Maß an Spott hervorgerufen. Doch weiß man in Italien, dass in Südtirol genau dasselbe geschehen ist und immer noch geschieht, allerdings nur umgekehrt, und dies seit mittlerweile genau 100 Jahren? Hier ging und geht man sogar noch weiter, indem man mitunter deutsche Namen ins Italienische auch völlig frei übersetzte und  indem man, mehr noch, an diesen „Übersetzungen“ bis heute festhält. So wurde aus einem Blätterbach nicht nur ein „Rio delle Foglie“, sondern aus dem Ort Klobenstein, was „gespaltener Stein“ bedeutet, sogar ein „Collalbo“, also „weißer Bühel“! Und zudem: Diese konstruierten und abstrusen „Übersetzungen“ sind bis heute die einzig amtlichen geographischen Namen in Südtirol – dank der drei faschistischen Ortsnamendekrete aus den Jahren 1923, 1940 und 1942.

Zweierlei Maß

Wie wäre es, wenn die italienischen Medien einmal darüber berichten und ihr Befremden sowie ihren Spott zum Ausdruck bringen würden? Tun sie aber nicht. Nicht einmal die deutschen Leitmedien in Südtirol tun es. Anlässe hätte es dabei mehr als genug gegeben. 

Landtag sagt Ja zu faschistischen Ortsnamendekreten

Am 12. hat der Südtiroler Landtag sich erneut gegen die Aufhebung der drei faschistischen Ortsnamendekrete ausgesprochen. Dagegen stimmten nicht nur die Regierungsparteien SVP und Lega, sondern, bis auf eine Enthaltung, alle italienischen Parteien und, wie sollte es anders sein, die Grünen. All dies ging vonstatten, ohne dass über das Thema debattiert worden wäre. Ein ideologisch unvoreingenommener und wissenschaftlicher Diskurs wurde, wie bereits in der Vergangenheit, erneut gemieden. In Vertretung des Landeshauptmannes sprach Landesrätin Waltraud Deeg salbungsvoll davon, dass mit der Aufhebung der faschistischen Ortsnamendekrete das Problem nicht gelöst werde, dass man das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen könne und dass man nicht weiter Öl ins Feuer gießen wolle. Zudem kündigte sie an, dass – zum wiederholten Mal – sich die Sechserkommission mit dem Problem befassen werde. Ein neuerliches Nein und somit ein neuerliches Ja zu den faschistischen Ortsnamendekreten sowie die üblichen Hinhalteparolen: Nicht mehr und somit nichts Neues war von der SVP zu vernehmen.

Urzì wird als Retter der „italienischen“ Ortsnamen gefeiert werden

Und als wäre all dies an sich nicht schon mehr als beschämend für eine Partei, die anscheinend das Südtiroler Volk vertritt: schlimmer geht’s immer. Alsdann stellte sich nämlich heraus: Zum Vorsitzenden der Sechserkommission wurde ausgerechnet Alessandro Urzì, Südtirols glühendster Faschist einst im Südtiroler Landtag und nunmehr in der römischen Kammer, gewählt. Für das immer noch ungelöste Problem der Ortsnamengebung bedeutet dies wahrlich erst recht nichts Gutes. Es ist nämlich Folgendes zu befürchten: Alessandro Urzì wird dafür sorgen, dass, wie vom Autonomiestatut vorgesehen, die deutschen und ladinischen Ortsnamen amtlich festgestellt werden und dass jedoch an den so genannten „italienischen“ Namen  endgültig nicht mehr gerüttelt wird. Die SVP und die Medien werden dies dann als große Errungenschaft verkaufen und verkünden: „Die deutschen und ladinischen Ortsnamen sind jetzt amtlich.“ Urzì wird regelrecht als Retter der „italianità“ einer Minderheit, natürlich unter dem Deckmantel der Mehrsprachigkeit des „Alto Adige / Südtirol“, als neuer Held gefeiert werden, der die Probleme der Regionen, in denen Minderheiten leben, bestens versteht, weil er selbst ja auch aus einer „mehrsprachigen“ Region stammt. 

„Italienische“ Ortsnamen werden als kulturelle Bereicherung angepriesen werden

Kein Wort werden die SVP und die Medien darüber verlieren, dass die faschistischen Ortsnamendekrete weiterhin in Kraft  bleiben. Genau dies ist auch Urzìs Intention: Alle so genannten „italienischen“ Ortsnamen werden, ohne zu differenzieren, als Selbstverständlichkeit angepriesen werden, dienen sie doch der kulturellen Bereicherung, der ethnischen Befriedung und unterstreichen sie doch die Mehrsprachigkeit des „Alto Adige / Südtirol“. Gut möglich, dass als zusätzliche PR-Maßnahme irgendwelche Experten der Accademia della Crusca (am ehesten wohl  Maria Giovanna Arcamone als Direktorin des Istituto di studi per l’Alto Adige) italienweit und vielleicht sogar europaweit eine Bühne bekommen werden und die Lösung der Ortsnamenfrage als Lösung im Sinne der Wissenschaft und im europäischen Geist anpreisen werden.

Kritiker werden mehr denn je als Ewiggestrige und Provokateure hingestellt werden

Niemand wird fragen, warum man dann eigentlich so lange auf die Lösung dieses Problems gewartet hat, wenn es ohnehin so einfach zu lösen war. Die SVP hat halt 50 Jahre gebraucht, bis sie weichgespült genug war, um die faschistischen Ortsnamendekrete ohne Wenn und Aber zu akzeptieren. Urzì, die Grünen und alle übrigen Faschismusversteher und -relativierer und Demokratieheuchler werden triumphieren: Die faschistischen Kulturverbrechen sind nun endgültig reingewaschen, und wenn es trotzdem immer noch jemand wagt, sie zu verunglimpfen oder zu beseitigen, dann ist dies klarer denn je nur eine deutschtümelnde ewiggestrige Minderheit, die provozieren und das Rad der Geschichte zurückdrehen will. Sagt wer? Sagen jene, die das Rad der Geschichte just bei den faschistischen Ortsnamen-Dekreten zum Stillstand gebracht haben werden.

Die neuen Weltoffenen denken schon an übermorgen

„Open to meraviglia“: Als nächstes ginge es dann eigentlich nur noch darum, die reingewaschenen faschistischen Orts- und Flurnamen ebenfalls in die Liste jener Wunder, die eine italienische Kultur hervorgebracht hat, aufzunehmen. Weltoffene Faschisten, Grüne und sonstige Faschismusnostalgiker, die schon an übermorgen denken, wären bestimmt dafür. 

Abbildung 1: „Collalbo“, wortwörtlich „Weißer Bühel“, für den Ort Klobenstein am Ritten. Der Name Klobenstein bedeutet „geklobener Stein“ und hat mit einem weißen Hügel nichts zu tun.

Abbildung 2: Das erste faschistische Ortsnamendekret (Königliches Dekret vom 23. März 1923, Nr. 800). Es ist, wie die übrigen beiden Dekrete (von 1940 und 1942) bis heute in Kraft. 

 

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