Günther Rauch

11.06.2019

1924: Nach Mord ein „Matteotti“-Battaillon“ in Nordtirol

Am 10. Juni 2024 werden es hundert Jahre seit der junge sozialistische Abgeordnete Giacomo Matteotti in Rom von Mussolinis Schergen in ein Auto gezerrt und nie mehr lebendig gesehen wurde. Matteotti war nicht das erste und nicht das letzte Opfer des Faschismus, aber das erste, das Weltbedeutung erlangte. Giacomo Matteotti hatte eine ganz besondere Beziehung zu Tirol und Österreich.

Adolf Berger (in der Mitte mit Stock) mit Eisenbahnern in Gossensass 1921 (Rauch Archiv)

Günther Rauch hat einen längeren Bericht über das Leben von Matteotti, seine Verbundenheit mit dem Land Tirol und über die Hintergründe seines Todes geschrieben.

Einen Auszug hat die Tageszeitung Dolomiten in ihren Pfingstausgabe unter dem Titel „Opfer faschistischer Verbrechen“ veröffentlicht. Noch nie erfreute sich ein Artikel auf WhatsApp so großer Verbreitung. Selbst Italiener verbreiteten ihn gegen nationalistische Ausfälle in Bozen.

Günther Rauch hat UT24 den vollständigen Text über den Matteotti -Mord zur Verfügung gestellt. Dafür herzlichen Dank.

Ende des Jahres wird Günther Rauch über weitere überraschende und unter die Räder gekommene historische Tatsachen und ausradierten Erinnerungen an die Opfer einer düsteren und brutalen Faschistenzeit berichten. Im Athesia-Tappeiner-Verlag ist die Erscheinung eines neuen Werkes von Günther Rauch mit dem „Titel „Vergessene Geschichte“ geplant. In einem Kapitel soll auch der bisher vollkommen vertuscht gebliebene Einsatz des italienischen „National-Helden“ Giacomo Matteotti für Südtirol beschrieben werden.

Vor 95 Jahren wurden in Erinnerung an den Matteotti-Mord in Innsbruck unter Mitwirkung von Südtiroler Vertriebenen der Matteotti-Battaillon gegründet. Rauch hat exklusiv für UT24 die nachfolgende Geschichte geschrieben.

Historische Bozner Arbeiterfahne in Obhut nach Innsbruck gebracht

Als Ende 1922 in Italien die Faschisten an die Macht kamen haben Großteil der Südtiroler Turner- und andere Freizeit- und Traditionsvereine ihre wertvollen Vereinsbücher – und -banner über die Berge nach Innsbruck getragen. So auch die Südtiroler Sozialdemokraten. Sie hatten die aus dem Jahre 1872 stammende und im Bozner Gewerkschaftshaus ausgestellte Fahne des ersten Bozner Arbeitervereins im Sommer 1923 in gute Obhut nach Innsbruck gebracht. Dort wurde sie vom Gewerkschaftsführer der Südtiroler Eisenbahner, Adolf Berger, bei politisch unverdächtigten und nicht unter der Observation der Agenten des italienischen Konsulats gestandenen Südtiroler Familie im Stadtviertel Pradl gut aufbewahrt. Aus Sicherheitsgründen hatte Berger später die Fahne dem führenden Tiroler Sozialdemokraten Dr. Karl Kunst anvertraut.

Der diplomierte Rechtswissenschaftler war eine der engagiertesten Kämpfer gegen den schwarzen und braunen Faschismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er mehrere Jahre Chef der Tiroler SPÖ und unter der Landeshauptmannschaft des gebürtigen Südtirolers Eduard Wallnöfer, Zweiter Landeshauptmann-Stellvertreter. Nach Dr. Karl Kunst ist heute noch das nahe der Universität errichtete Studentenheim in Innsbruck benannt.

Am 27. November 1932 hatte der damals 28-jährige Karl Kunst die ihm anvertraute Bozner Arbeiterfahne dem Alarmbataillon des in Tirol aktiven, antifaschistischen Schutzbundes „Matteotti“ übergeben. Diese Übergabe der Bozner Arbeitervereins-Fahne von 1872 an den „Matteotti“ – Bataillon war an ein tiefes Gelöbnis gebunden. Kunst hatte die mehr als 300 anwesenden Battaillonsangehörigen aufgerufen, die Fahne in Innsbruck so lange zu hüten bis die Südtiroler selbst in einer freien Volksabstimmung ihre Staatszugehörigkeit erklärt haben.

Der Republikanische Schutzbund war in Östereich 1923 von Julius Deutsch und dem Ex-General Theordor Körner als Sturmtruppe der Sozialdemokratie gegen die zunehmenden bewaffneten Übergriffe rechtsradikaler Korps und Terrorformationen gebildet worden. In Tirol trat der „rote“ Bund zum ersten Mal mit einer größeren Parade am 23. November 1924 in Innsbruck in Erscheinung. Unter den Gründern des Tiroler Schutzbundes befanden sich zahlreiche frühere Südtiroler Staatsbedienstete. Die meisten waren bereits 1921 von den italienischen Besatzungsbehörden unter dem Vorwand staatsfeindlicher Tätigkeiten aus ihrer Heimat ausgewiesen worden.

Der „Matteotti“-Wehrmannschaft schlossen sich in Innsbruck auch Exilianten und Antifaschisten aus dem Trentino an. Der Schutzbund war später auch Träger des Festspieles „Der Märtyrer“ von Anton Krenn – eine flammende Apotheose auf Matteotti.

Unter den Mitgliedern des seit 1934 illegalen Österreichischen Schutzbundes befand sich der damals 25-jährige Hochschüler und spätere österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky. Er war im Februar 1935 mit weiteren 31 „revolutionären Sozialisten und Schützbündlern“ in Wien wegen „staatsfeindlicher und hochverrätischer Handlungen“ inhaftiert und am 16. März 1936 prozessiert worden. Obwohl die Anklagen sehr schwer waren, fiel das Urteil am 24. März deutlich „milder“ aus, als erwartet. Kreisky bekam eine 12 monatliche Haftstrafe. Im Rahmen der Juli-Amnestie von 1936 wurden alle Inhaftierten dann begnadigt.

Bei einem privaten Aufenthalt von Bruno Kreisky in Südtirol in Dorf Tirol erinnerte er an das von Karl Kunst und dem Tiroler Schutzbund abgebene Versprechen. Doch vom Verbleib der historischen Arbeiterfahne hat man nie wieder etwas gehört.

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