Ein Blog von

Georg Dekas

19.05.2020

Nach der großen Sperrstunde

Die große Sperre der Regierungen in Europa gibt allein schon für die staatspolitische Dimension genug Stoff her: Nicht zuletzt für die Herzensfrage, wie die große Corona-Sperrstunde Italiens das Unabhängigkeitsbestreben Südtirols bewegt.

Symbolbild Pixabay

Die noch nie da gewesenen Notstandsverordnungen der Regierungen in Europa haben Augen geöffnet. Die staatspolitische Dimension gibt schon genug Stoff her: Das Verhältnis zu China, die Renaissance des Nationalstaates in Europa, der Ruf nach Verstaatlichung, weniger Markt und die maßlose Vermehrung des Staatsgeldes für Sozialhilfen, die Einsicht in den hohen Wert und die unglaubliche Verletzbarkeit der freien Wirtschaft, die Bloßstellung des westlichen Lebensmodells, die Frage, ob die EU gegen alle Zentrifugalkräfte bestehen kann – und letztlich, für uns friedliche Älpler südlich des Brenners eine Herzensfrage, wie die große Corona-Sperrstunde Italiens das Südtiroler Unabhängigkeitsbestreben bewegen kann. 

Beginnen wir mit Südtirol

Eine Insel der Seligen, das Weltmodell für die friedliche Lösung von Nationalitätskonflikten, rundum eine Erfolgsgeschichte – so lautet das Narrativ des politischen Konformismus in Südtirol seit den 1990er Jahren. Österreich? Gar unabhängig? Das ist was für Ewiggestrige, für alte Knacker, für Zündler und Brandstifter, für Retrofans. Wir sind junge stolze Italiener, wie die Wierer. Besser kann’s uns nicht gehen – das suggeriert die politisch korrekte Presse. Die Covid-Krise Italiens hat diese adrette „Model“-Philosophie und die opulente Schaufensterdekoration der Provinzoberen gehörig durchgerüttelt. Sogar der so konziliante Kondominiumsverwalter Arno Kompatscher musste am Ende „den Südtiroler Weg“ ausrufen. Nein, nicht wegen der paar Tage schneller aufmachen als der Staat, sondern weil die Unterschiede in der Mentalität und der Organisation zum Süden offen zutage getreten waren. Das drohte in der Bevölkerung mehr als nur Unmut auszulösen. Dass aus Corona-Ärger Sezessionslust würde, galt es zu verhindern. Stärker schlug da schon die Linie Kurz ein. Auf Italiens laute Klagen „Siamo stati lasciati soli“ folgten Italiens wütende Invektiven Richtung „Tedeschki“. Danach musste Rom erdulden, wie das kleine, smarte Österreich seinen Fuß auf die Nabelschnur nach Deutschland legte – aus Gesundheitsgründen, versteht sich. Eine Erkenntnis, die sich in Zukunft bei der Verhandlung in bilateralen Fragen (Brenner-Transit und Doppelpass) zugunsten der Tiroler Anliegen auswirken dürfte. Nur hat die Covid-Krise auch die (un-) heimliche Übermacht des italischen Nationalismus an die Oberfläche gespült, und so ist mit einer kurzfristigen und europäisch-kollegialen Grenzberichtigung an der Wasserscheide der Alpen nicht zu rechnen. Die EU ist für Südtirol als Klammer einfach unersetzbar, auch wenn – und auch indem – sie jetzt daran geht, den Staat Italien über Schuldenhaftung und Papiergeld davon zu „überzeugen“, dass der Austritt aus der Gemeinschaft keine gute Idee ist.

Weiter zur Wirtschaft

Die erfolgsverwöhnten, etwas eingebildeten und des deutschen Gastes überdrüssig gewordenen Südtiroler (Italiens Italiener sowieso) mussten schockartig begreifen, wie wertvoll diese Kuh und wie handsam sie doch zu melken ist. Keine asiatischen Heuschreckenplagen, keine lauten und extravaganten Italiener, keine Klemmer-Polen – möge die Gästewirtschaft zwischen Reschenseeturm und Drei Zinnen neue Gediegenheit lernen – und einheimische Bedienungen auf den Alm- und Berghütten einstellen (bleibt wohl ein frommer Corona-Traum). Italien wiederum musste lernen, dass es ohne die Brennerachse ein gigantischer Blinddarm ist. Alle haben begriffen, Greta hin, Friday her, dass das moderne Leben ohne freie und globale Wirtschaft, ohne die automobile Technik und ohne mannigfaltige Energie, auch aus Öl und Atom, keine Zukunft hätte. Die Genderisten könnten sich ihren i-Tüpfel-Narzissmus abschminken, die Stars ihren exzessiven Lebensstil, die Milliardäre ihr Forbes-Ranking und die Otto Normalverbrauchers ihr Jetten (nach Malle) und Gfretten (tirolerisch für abrackern‚ ums Dasein bangen).

Noch einmal zurück zu Südtirol und Italien

Das Covid-Drama in Bergamo und Umgebung soll berufenen Quellen zufolge auch mit der alles erdrückenden Staatsbürokratie und der nicht gerade effizienten staatlichen Gesundheitsorganisation zu tun haben. In Südtirol haben wir jedenfalls gänzlich unfreiwillig ein Exempel dazu vorgesetzt bekommen. Unser öffentlicher „Sanitätsbetrieb“ mit einem Geschätsvolumen von knapp 2 Milliarden Euro (laufende Kosten und Investitionen zusammengerechnet) muss ein privates Unternehmen um 30 Millionen und Lieferung betteln, damit wenigstens halbwegige Schutzausrüstung auf dem leergefegten Weltmarkt besorgt werden kann. Es kommt noch schlimmer: Das Material erhält von der Staatsbehörde kein Gütesiegel. Der Geschäftsführer des Betriebes darf seine eigene Bestellung nicht annehmen und das private Unternehmen für Vorkasse und Lieferung nicht bezahlen. Ein bürokratischer Notstand Made in Italy. Das helfende Unternehmen ist jetzt politischer Bittsteller. So etwas ist auch abseits von Covid in Italien millionenfach an der Tagesordnung. An diesem politischen und moralischen Notstand kränkelt ausgerechnet ein Land, das über beispiellosen Reichtum und Intelligenz verfügt. Ein Gründungsmitglied der europäischen Gemeinschaft. Eine Schande.

Letzte Überlegung

Ja, der Staat hat sich als stark erwiesen in dieser Pandemie – egal ob panisches Lockdown im Süden (Italien) oder überlegte Vorsicht im Norden (Schweden). Nun will der Staat helfen. Auf Teufel komm raus Geld drucken. Er will noch stärker steuern, dirigieren, umleiten, verbieten, erlauben, gewähren, fördern, untersagen. Es ist die Stunde des Staates, jubilieren die einen. Achtung, aus dem netten Nanny-Staat wird ein Riese, der uns erdrückt, warnen die anderen. Notenpresse, Klimawahn und weitaus überzogene Rechte- Gleichheits- und Gerechtigkeits-Modelle drohen uns jetzt eine neue, freundliche Diktatur ins Haus zu stellen. Wehren wir uns dagegen mit dem ausgeprägten Wagemut der alten Europäer, mit dem Bekenntnis zu Gott und Heimat, mit der Freude an der Freiheit und dem Willen zum selbstbestimmten Leben.

Die emotionalen, ethischen und ganz persönlichen Gedanken für den geneigten Leser an anderer Stelle.

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