Thomas Sinha

23.03.2020

Halstuch-Polemik voll daneben

Die Polemik zu den Schutztüchern, die das Land Südtirol derzeit kostenlos verteilt, entbehrt jeglicher Grundlage.

Mund und Nase mit Halstüchern bedecken: Die Verantwortlichen aus Gesundheitsressort und Sanitätsbetrieb mit LR Widmann (l.) gehen mit gutem Beispiel voran. (Foto: SABES)

Das Land Südtirol verteilt 300.000 Halstücher über die Zeitungskioske, um die Ansteckungsgefahr mit dem Covid-19-Virus wenigstens zu lindern. Die sogenannten „Schlauchtücher“ wurden in kürzester Zeit vom Bozner Unternehmen TEXmarket in Temeswar/Timișoara (Rumänien) im Auftrag des Südtiroler Sanitätsbetriebs hergestellt und geliefert.
Gerade in Anbetracht der logistischen Schwierigkeiten, der raschen Umstellung der Produktion und der Behinderungen durch den italienischen Staat (UT24 berichtete) eine bemerkenswerte Leistung und eine beherzte Aktion. Doch manchen gefällt es selbst in diesen Notzeiten, das buchstäbliche Haar in der Suppe zu suchen.

Reißerischer Bericht und hämische Kommentare

Am Samstag veröffentlichte ein gemischtsprachiges Südtiroler Online-Portal einen Beitrag, der die Aktion des Sanitätsbetriebes mit fragwürdigen journalistischen Mitteln dem Vorwurf der „Vetternwirtschaft“ aussetzte. Der Stein des Anstoßes: Zwei der drei Gesellschafter der TEXmarket sind Cousins des Landesrats für Gesundheit. Doch nicht diese Tatsache treibt die Meldung an, sondern die im Hintergrund sorgsam konstruierte Vorhaltung, dass sich da jemand auf Kosten der Allgemeinheit bereichere. Entsprechend gehässige bis hämische Kommentare ließen nicht auf sich warten – im Urheber-Portal, bei den Nachahmern in der kleinen Südtiroler Medienfamilie und natürlich in italienischen Medien.

Ein Blick auf die Kosten der 300.000 Tücher zeigt, dass der angedeutete Vorwurf der Vorteilnahme und Bereicherung vollkommen ins Leere fällt. Vor der Krise wurden vergleichbare Schlauchtücher – mit mehr oder weniger modischen Aufdrucken – im Onlinehandel im Schnitt für 4 bis 12 Euro angeboten. Die in Südtirol verteilten Tücher, sind – zugegeben – schlicht und einfarbig weiß. Aber auch bei fehlender Eleganz sind die Stückkosten von 2,33 Euro wirklich überschaubar, bei solch rascher Zustellung in Zeiten geschlossener Grenzen sogar überraschend günstig. Wucher sieht anders aus.

K-Kritik an der Aktion

Der Landtagsabgeordnete Paul Köllensperger (Team K), selbst mit dem Virus infiziert, kritisierte im Zuge des angefachten Medienwirbels: „Wäre es nicht ausreichend gewesen, (…) irgendein Baumwolltuch von zu Hause sich vor den Mund halten?“
Die Anweisungen der Landesregierung waren diesbezüglich eindeutig: „Die Schlauchtücher sind für Menschen gedacht, die keine Schutztücher haben.“

Sicher, die Verteil-Aktion über die Trafiken und Zeitungskioske bedeutet, dass Menschen ins Freie gehen und sich anstellen müssen. Es hat aber den Vorteil, dass die Menschen rasch zu einem wenigstens vorläufigen Schutz kommen. Am Samstag standen viele Bürger für ihr Tuch an – die meisten geduldig und mit großem Abstand voneinander. Doch nicht genug der Haarspalterei: Paul Köllensperger argwöhnt im Gefolge der großen Aufdeckung von reinen Verwandtschaftsverhältnissen gar eine „politisch-unternehmerische Verflechtung“ und kündigt eine Landtagsanfrage an.

Nun muss sich der Landtagsabgeordnete Köllensperger aber selbst die Frage gefallen lassen, ob er etwa noch Termine wahrnahm, nachdem er bereits Krankheitssymptome aufwies; ja, sogar ins Landtagsgebäude ging, anstatt – wie er selbst fordert „daheim zu bleiben“.
Viele besorgte Bürger sind unwissentlich infiziert, wurden aber noch nicht getestet. Sie verfügen aber freilich auch nicht über die Beziehungen des Bozner Politikers, der im Handumdrehen von einem Privatlabor in Osttirol untersucht wurde.

Schleichendes Gift

Während sich viele Menschen um das Schicksal ihrer älteren Familienangehörigen sorgen und niemand weiß, welche katastrophalen wirtschaftlichen Folgen der „Lockdown“ der ganzen Gesellschaft haben wird, finden gewisse Geister immer noch ein Vergnügen darin, den Krisenmanagern und Verantwortungsträgern in der ersten Reihe bei Nebensächlichkeiten am Zeug zu flicken. Sie säen damit mutwillig ein Gift, das schleichend wirkt. Nicht nur, weil es schwer bis unmöglich ist, sich gegen so raffiniert vorgetragene Verdächtigungen rechtlich zur Wehr zu setzen, sondern auch, weil so eine deplatzierte Polemik gegen einen Politiker das Vertrauen und damit den Zusammenhalt angreift.

Im Übrigen kommen die Vorhaltungen ausgerechnet von einer journalistischen Seite, die in ihrer Publikumsgröße maßlos überschätzt wird und primär von öffentlichen Zuwendungen und Werbeaufträgen lebt.

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