Kollmanns Blog

Cristian Kollmann

23.08.2019

Faschistische Toponomastik im Namen der Wissenschaft?

Immer wieder kommt es vor, dass sich vermeintliche Sprachwissenschaftler in die Südtiroler Toponomastikdiskussion einschalten. Doch warum tun sie dies eigentlich? Der Grund liegt auf der Hand: Es ist ein ideologisch-politischer. Es geht darum, die tolomeisch-faschistische bzw. pseudoitalienische Toponomastik zu verteidigen und so zu tun, als hätte diese – aus wissenschaftlicher Sicht – dieselbe Würde und Existenzberechtigung wie jene Orts- und Flurnamen, die historisch fundiert sind und im Laufe der Jahrhunderte und sogar Jahrtausende gewachsen sind.

Eine Abrechnung von Cristian Kollmann.*

Ideologische Färbung

Von der seriösen Wissenschaft werden diese selbst ernannten Experten zu Recht meist ignoriert, doch in Zeiten des Internets kann es passieren, dass deren Thesen und Ansichten auch bis nach Südtirol durchdringen und dort in den sozialen Medien unreflektiert und sorglos weiterverbreitet werden. So geschehen im Falle eines gewissen Herrn Lino Franceschini. Herr Franceschini, Jahrgang 1941, hat mehrere sprachwissenschaftliche Abhandlungen geschrieben und Bücher – meist im Selbstverlag – publiziert. Auf seiner Homepage kann man sich einen Überblick verschaffen. Ebenso über seine Biographie: Studiert hat Herr Franceschini etwa nicht Sprachwissenschaft, sondern Wirtschaftswissenschaften. Sprachwissenschaft war für Franceschini, der im April dieses Jahres verstorben ist, anscheinend eine große Leidenschaft. Doch Leidenschaft – nichts spricht dagegen, diese als eine Art Hobby zu betreiben – meint nicht zwangsläufig Wissenschaft! In den Schriften Franceschinis sucht man diese vergebens, insbesondere dann, wenn es um Detailfragen geht. So auch in seiner Abhandlung „Über die Ortsnamen Südtirols“, die auf seiner Internetseite frei heruntergeladen werden kann und deren wissenschaftlich unseriöser und politisch manipulativer Inhalt nun auch Südtirol erreicht hat. Was sich wie ein roter Faden bei besagter Abhandlung durchzieht, ist die ideologische Färbung. So will der Autor gleich zu Anfang festhalten: „Die natürliche geografische Grenze Italiens hat immer schon der Alpenhauptkamm gebildet“. Mit dieser Aussage wird sofort klar: Für Lino Franceschini war der Alpenhauptkamm schon immer eine Völker- und demnach Sprachgrenze. Ihm zufolge siedelten „italische“ Stämme – damit meint er vorrömisch-indogermanische und rätische (fälschlicherweise schreibt er durchwegs „retisch“) – nur südlich des Alpenhauptkammes. Dies hört sich fast so an, als ob nördlich des Alpenhauptkammes nur fremdartige Barbaren gesiedelt hätten.

Dieselben Namen auf beiden Seiten des Alpenhauptkammes

Doch gerade die vielen vorrömisch-indogermanischen und rätischen Ortsnamen, die auf beiden Seiten der Alpen anzutreffen sind, beweisen exakt das Gegenteil. So gibt es ein Völs am Schlern und ein Völs westlich von Innsbruck, ein Brixen im Eisacktal und ein Brixen im Unterinntal, ein Matrei in Osttirol (ehemals Windisch-Matrei) und ein Matrei nördlich des Brenners (ehemals Deutsch-Matrei), ein Nauders in Rodeneck und ein Nauders nördlich des Reschens, ein Telfes in Pflersch und ein Telfes im Stubai bzw. ein Telfs westlich von Innsbruck, ein Taufers im Münstertal, ein Taufers nordöstlich von Graun am Reschen, ein Taufers nördlich von Bruneck und ein Taufers im Ötztal. All diese Beispiele belegen selbst für Laien, dass schon in vorrömischer Zeit der Alpenhauptkamm die Völker nicht trennte, sondern, im Gegenteil, sich dieselben Völker rund um diesen ansiedelten. Jöcher haben Völker nie getrennt, sondern waren stets ein verbindendes Element! Auch für die Römer war der Alpenhauptkamm bekanntlich nie ein Hindernis, die sogar bis nach Schottland vordrangen.

Autor disqualifiziert sich selbst

Eigentlich hat sich der Autor mit seiner oben zitierten irredentistisch anmutenden Aussage, bereits selbst disqualifiziert. Doch der wissenschaftlichen Oberflächlichkeit und Unfundiertheit sind offenbar keine Grenzen gesetzt. Es würde hier zu weit führen, sämtliche Deutungen, die Franceschini für Südtiroler bzw. für die von Ettore Tolomei konstruierten Ortsnamen vorschlägt, einzeln zu widerlegen, daher folgt hier nur eine Auswahl.

Phänomen bei Hobbynamenforschern

Die Fehldeutung des Namens Tirol zeigt sich allein schon an der Erschließung des falschen Suffixes (Nachsilbe) -olo statt -ale. Eine Reihe von Ortsnamen und indogermanisch-einzelsprachlichen Begriffen, die ähnlich wie der Name Tirol anlauten, setzt der Autor automatisch mit diesem gleich – ohne die einzelnen Namen und Begriffe strukturell, morphologisch (ihrer Formenbildung nach) und lauthistorisch genauer zu analysieren. Eine derartige Vorgangsweise ist bei „Hobbynamenforschern“ ein oft zu beobachtendes Phänomen: Alles was irgendwie ähnlich klingt, wird gleichgemacht – in Unkenntnis der sprachvergleichenden Methoden und der einzelsprachlichen Gesetze. So verfährt Franceschini auch mit Terento, was eindeutig tolomeischer Provenienz ist, was er unterschlägt, und Trento, oder Isarco und Sarca, Merano und Mera (Zufluss aus dem Chiavennatal in den Comer See), Gardena und Garda, Bressanone und Brescia. In keinem einzigen dieser zugegebenermaßen ähnlich klingenden Ortsnamen ist ein etymologischer Zusammenhang wissenschaftlich erwiesen! Man muss also die jeweiligen Namen schon genauer analysieren, insbesondere anhand der historischen Belege, und ebenso muss man die jeweiligen Sprachgesetze kennen, was Franceschini offenbar nicht tut.

Italienisches Vipiteno?

Aber es wird noch skurriler: Der um 250 nach Christus auf der Tabula Peutingeriana dokumentierte Name Vepiteno für das spätere Sterzing ist Franceschini zufolge die „italienische Form“. Tatsächlich ist diese jedoch vulgärlatein. Bereits für die Zeit um 250 von „italienisch“ zu sprechen, ist weit verfrüht! Das Italienische gliedert sich erst ab dem 9. Jahrhundert aus dem Romanischen heraus und wird als eigener Zweig fassbar. Und was der Autor besonders unterschlägt: Eine Kontinuität von Vepiteno zur tolomeischen Rekonstruktion Vipiteno hat es nicht gegeben. Im gesamten Mittelalter, geschweige denn in der Neuzeit, ist Vepiteno oder Vipiteno weder als italienische noch als alpenromanische bzw. ladinische Form, wo es über *Vevedéno > *Vevéno ergeben hätte, bezeugt, sehr wohl dagegen finden sich in italienischen Texten die aus dem Deutschen importierten Formen Sterzinga, Sterzengo, Sterzin, Sterzen, Sterzem. Den Begriff Vipiteno mit der Begründung zu verteidigen, dass dieser älter als Sterzing ist, ist also nicht wissenschaftlich fundiert, sondern ideologisch motiviert. Man stelle sich vor, Paris müsste offiziell wieder „Lutetia“, Salzburg „Juvavum“ oder Bologna „Felsina“ heißen, nur weil dies die chronologisch älteren Bezeichnungen waren.

Klingt nach Ettore Tolomei persönlich

Und noch eins setzt Lino Franceschini drauf: Der tolomeisch-faschistische und damit pseudoitalienische Begriff Sonvigo für Aberstückl im Sarntal bestätigt angeblich „frühe Besiedlung“. Frühe Besiedlung, so so. Ab wann genau? Wie in jedem Fall tut Franceschini auch in diesem Fall so, als seien Tolomeis Kreationen de facto echt und lediglich von deutschen Namen überlagert worden. Diese wilde These klingt nach Ettore Tolomei, dem Erfinder des „Alto Adige“, höchst persönlich! Fakt ist, dass Sonvigo vor den Umtrieben Tolomeis nicht einmal annähernd so bezeugt und demnach frei erfunden ist sowie mit dem authentischen Ortsnamen Aberstückl (der historisch ‚der Sonne ausgesetztes steiles Gelände‘ bedeutet) nicht im geringsten Zusammenhang steht. Sämtliche Vergleiche mit oberitalienischen Ortsnamen Sonvico, die der Autor bemüht, sind daher unangebracht und unseriös!

Kein Einzelfall

Allerdings ist Lino Franceschini kein Einzelfall. Im Umkreis der tolomeischen Schule finden sich in Italien und auch im Rest der Welt vermeintliche Sprachwissenschaftler, die von Südtirol ein nur ein äußert vages und einseitiges Geschichtsbild haben. Zu diesen gehören auch jene Mitglieder der so genannten „Accademia della Crusca“, die im Sommer/Herbst 2016 einen Appell für den Erhalt der so genannten italienischen Toponomastik in Südtirol („Alto Adige“) unterzeichnet und ihn dem italienischen Staatspräsidenten sowie allen Institutionen der italienischen Regierung, des italienischen Verfassungsgerichts und der Autonomen Provinz Bozen vorgelegt haben. Keiner dieser „Sprachwissenschaftler“ ist je durch neue wissenschaftliche und unwiderlegbare Thesen zu Etymologien von bestimmten Süd-Tiroler Orts- und Flurnamen in Erscheinung getreten. Auch dies sagt eigentlich bereits alles. Lino Franceschini tat im Grunde nichts anderes als in dieselbe Kerbe zu schlagen.

Ideologisch gesteuert

All dies müssen die Südtiroler wissen, bevor sie Beiträge wie jenen von Lino Franceschini unreflektiert rezipieren, in ihre persönliche soziale Medien reinkopieren und damit ideologisch gesteuerte Irrmeinungen verbreiten.

*Cristian Kollmann (Dr. phil, Mag. phil., Mag. phil.) ist Sprachwissenschaftler mit Schwerpunkt Orts- und Familiennamen des Tiroler und Luxemburger Raumes.

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