Florian Stumfall

08.07.2021

Die USA bleiben

Das Afghanistan-Abenteuer der Bundeswehr ist beendet, und die Bilanz ist dieselbe, wie diejenige des gesamten NATO-Feldzugs. Man ist mit zwei Zielen ausgerückt, nämlich den islamischen Terrorismus zu besiegen und in Afghanistan die Demokratie nach westlicher Vorstellung heimisch zu machen. Beide Ziele, das erste, das hehre, und das zweite, das anmaßende, wurden verfehlt. Berlins Vasallentreue hat Deutschland unter anderem Kosten von 12,5 Milliarden Euro auferlegt und 59 Bundeswehrsoldaten das Leben gekostet. Wenn die zuständige Ministerin nun von den wertvollen Erfahrungen spricht, die man gemacht habe, so ist zu ergänzen: An solchen Erfahrungen war niemand reicher als die Wehrmachtsangehörigen im Jahre 1945.

Wenn die US-Truppen das Land verlässt, bedeutet das nicht, dass sich die USA aus Afghanistan zurückziehen (Quelle: CrusaderToonamiUK - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=105143310).

Natürlich geschieht der deutsche Rückzug ebenso im Einklang mit dem Willen Washingtons wie der Auszug in den Krieg. Nur eines unterscheidet die beiden NATO-Partner. Während Deutschland das Kapitel Afghanistan nun tatsächlich abgeschlossen hat, ist das bei den USA keineswegs der Fall. Denn die Gründe, aus denen sie kaum drei Wochen nach dem Einsturz des Welthandelszentrums in New York kampfbereit mit einer ganzen Armee am andern Ende der Welt Gewehr bei Fuß standen, gelten heute wie damals.
Was Afghanistan betrifft, ging und geht es den USA um zweierlei. Da sind zum einen die Rohstoffe des Landes, Gold, Kohlenwasserstoffe, Seltene Erden, Uran, Lithium und anderes mehr. Dies alles lockt ebenso wie das Petroleum im Norden Syriens. Und da ist zum anderen die geostrategische Lage. Afghanistan bildet einen Riegel in der zweiten Reihe gegenüber der russischen Südgrenze und somit einen wichtigen Teilabschnitt für die US-Militärbasen, die Russland über Tausende von Kilometern umgeben, von der Barentssee über das Baltikum bis Ostasien.

Die GI ziehen sich zurück

Beides aufzugeben, die Rohstoffe und die Militärbasen, war niemals die Absicht der USA. Der Rückzug der GI zeugt nur scheinbar vom Gegenteil.
Zum einen nehmen sich die USA nach den Worten ihres Präsidenten Joe Biden das Recht, trotz des Abzugs der Bodentruppen „im Notfall“ gegen die Taliban Luftangriffe durchzuführen. Ein Notfall wäre, wenn etwa die Hauptstadt Kabul oder eine andere Großstadt in die Hände der Taliban zu fallen drohte. Diese Ankündigung heißt nicht viel mehr als „Auf ein baldiges Wiedersehen“, denn die Großoffensive der Krieger mit dem Turban hat schon begonnen.
Zum anderen war es nicht nur das US-Militär, das in Afghanistan gekämpft hat. Daneben gibt es Kampftruppen des US-amerikanischen Auslandsgeheimdienstes Central Intelligence Agency (CIA) und eine große Zahl von Söldnern, hauptsächlich von der US-Firma Blackwater. Sie alle bleiben an Ort und Stelle. Laut ihrem Gründer, Erik Prince, hat allein Blackwater 30.000 „Vertragsnehmer“ im Lande stehen. Andere Quellen sprechen von 20.000 Mann. Es ist also nicht sehr ehrlich, wenn das Pentagon 2500 Mann abzieht und deshalb behauptet, man habe sich aus Afghanistan zurückgezogen.

Während Deutschland das Kapitel Afghanistan abgeschlossen hat, ist das bei den USA keineswegs der Fall

Gegenüber dem abziehenden eigenen Militär haben die verbleibenden Söldner erhebliche Vorteile. Der Krieg kommt billiger. Söldnerfirmen lassen sich oft mit Anteilen des Gewinns aus dem Verkauf der Rohstoff bezahlen, die dem jeweiligen Land geraubt werden. Tote erscheinen in keiner Statistik, der TV-Zuschauer in Nashville, Tennessee, oder Austin, Texas, sieht keine mit der USFlagge bedeckte Särge, die, von ferne angeflogen, auf einem amerikanischen Flughafen ausgeladen werden. Keine Witwe wartet auf ihre Rente, kein Kind auf den gefallenen Vater. Söldner gelten völkerrechtlich nicht als Kombattanten, welche Verbrechen sie auch begehen – der Auftraggeber hat damit nichts zu tun.
Der Friedensforscher Herbert Wulff sagt: „Die Situation ist so, dass nach wie vor sehr viele Regierungen diese privaten Firmen nutzen wollen, weil sie sich damit so ein bisschen aus der Verantwortung stehlen können. Die privaten Firmen werden eingesetzt vor allen Dingen dann, wenn, wie beispielsweise in den USA oder auch in Großbritannien, aufgrund der gefallenen Soldaten in Kriegen und Konflikten es nicht sehr populär ist, Soldaten einzusetzen.“

Blackwater und CIA bleiben

Dabei nehmen die Auftraggeber schwerwiegende Verbrechen billigend in Kauf, so etwa das Massaker im September 2007 in Bagdad durch Blackwater, bei dem die Söldner bildwütig 17 Passanten auf einem Platz in der irakischen Hauptstadt erschossen. Die „New York Times“ berichtete am 31. Dezember 2018, dass CIA-Söldner in Afghanistan Häuser von einfachen Bürgern samt deren Bewohnern verbrannt, andere Verhaftungen vorgenommen und gefoltert hätten. Ein Bericht der UN erwähnt „glaubwürdige Berichte über absichtliche Zerstörungen von Privateigentum, illegale Verhaftungen und weiteren Missbrauch“. Die Täter seien unter anderen von den USA angeheuerte Söldner.
Was die USA können, das können die Franzosen schon lange, und vor allem beherrschen sie die Knebelung unterlegener Staaten sehr viel eleganter, denn sie arbeiten mit Verträgen, während die Amerikaner immer noch ihrem plumpen Wild-West-Imperialismus anhängen. Die Grande Nation hat mit ihren früheren Kolonien in Afrika Knebelverträge geschlossen, die ihr nach wie vor den bevorzugten Zugang zu Rohstoffen erlauben.
Und wie sich die Bilder gleichen: Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kündigte kürzlich an, er werde das französische Militär aus Mali abziehen, und das, obwohl dort Frankreichs wichtigste Uranminen liegen. Allerdings kennt auch Macron den Markt der privaten Sicherheitsfirmen und des Söldnerwesens. Nur nimmt er nicht die Dienste des von den USA favorisierten Unternehmens Blackwater in Anspruch, sondern vertraut lieber auf die Söldner der Gruppe Wagner. Die kommt ungeachtet ihres deutschen Namens aus Russland.

Kolumne von Dr. Florian Stumfall
Erstveröffentlichung PAZ (redaktion@preussische-allgemeine.de)

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