Sprachglosse

Dr Igl

04.02.2018

“Bilanz” zu jedem Anlass

Bilanz ist ein Lieblingswort unserer Zeit. Soll und Haben müssen allenthalben und jederzeit stimmen. Zeit, den Strich zu ziehen.

Bild: G. Dekas

(dege) Der Kaufmann macht Bilanz. Jede Bank, jedes Unternehmen, jeder Laden, jeder Verein, kurz alles, was wirtschaftet, muss eine Bilanz erstellen. Einsatz und Ertrag werden in der Abschlussrechnung „auf die Waage gelegt“ (bilancia = Waage) und das Geschäftsergebnis auf Gewinn oder Verlust geprüft.

Doch es gibt nicht nur das „Bilanz machen“ der Kaufleute, sondern auch das „Bilanz ziehen“ als Redensart. Die schießt gerade mächtig ins Kraut. Alles zieht Bilanz. Der Imker, die Kindergärtnerin, der Bergsteiger, die Politiker sowieso, ihre Ämter im Gefolge, ja sogar die Schöpfer freier Kunst. Alle sind sie vom Kaufmannsgeist beseelt und ziehen Bilanz zu jedem Anlass und Interview.

Unsere Wort-Mode zeigt hier einerseits an, wie sehr das Business-Denken den Leuten schon in Fleisch und Blut übergegangen ist. Soll und Haben müssen allenthalben und jederzeit stimmen. Schlechte Zeiten für das Arbeiten ohne sofortigen materiellen Gegenwert und erst recht für das Geben aus Liebe und Begeisterung. Wer sich über das Karo seines Rechenheftes erhebt und auf die Bilanz seines Herzens hört, der wird als Depp hingestellt oder fühlt sich selbst als ein solcher („Er ist zu gut, ja, einfach zu gut!“).

Anderseits kann man den inflationären Alltagsgebrauch von „Bilanz ziehen“ auch gnädiger sehen. In „Bilanz ziehen“ (nicht Bilanz „machen“ oder „erstellen“) steckt der gezogene Schlussstrich drinnen. Es zählt, was „unterm Strich“ herausschaut. Sprachlich ist da ein „im Kern“ oder ein „Kurz gesagt“ nicht mehr weit weg. Oder wie die Südtiroler gerne sagen, „alla fine“ oder gar „im Endeffekt“. Trotz dieser letzten beiden unschönen Kurzschlüsse ist es eine lobenswerte Haltung, jemandem bündig „Rede und Antwort stehen“ zu wollen. Oder „Rechenschaft ablegen“, wie es biblisch hieße.

Bilanz klingt halt wichtiger. Bilanz, das ist wie ein blütenweißes Herrenhemd mit frisch gestärkten, doppelt umgelegten Manschetten und Krawatte. Zeit, den Strich zu ziehen: Bitte die Bilanzen öfter dort lassen, wo sie hingehören. Alles andere ist Krämergeist.

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